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In den Stunden nach dem 1:1 gegen Bochum bekam das Konturen, was bisher schemenhaft zu erkennen war: Der VfB ist zersplittert – in Einzelinteressen und Einzelschicksale.

Stuttgart - Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Mut und Wut. Unterschiedliche Emotionen, die bei den VfB-Spielern zu finden sind. Und am Samstagabend nach dem 1:1 gegen den VfL Bochum deutlicher denn je zutage traten. In den Stunden nach den schockierenden Erlebnissen in der Arena bekam das Konturen, was bisher schemenhaft zu erkennen war: Die Gruppe ist heillos zersplittert – in Einzelinteressen und Einzelschicksale. Eine Bestandsaufnahme:

Die Hoffnungslosen: Dieser verzagte Haufen wird von Ex-Kapitän Thomas Hitzlsperger angeführt. Nach dem Spiel schlich der Nationalspieler mit gesenktem Haupt durch die Gänge der Arena. Er hatte kaum Kraft, seinen Gesprächspartnern in die Augen zu schauen, und presste stimmlos folgende Sätze hervor: "Es ist so schmerzhaft ... so bitter ... was sich Woche für Woche wiederholt. Ich hüte mich eigentlich davor zu sagen, es kann nicht schlimmer kommen, aber es ist immer schlimmer geworden."

Wer ihn hörte, der wusste: Hitzlsperger, aber auch einige seiner jungen Kollegen, fehlt die Kraft, sich selbst aus dieser verzweifelten Lage zu befreien. Sie brauchen "Sicherheit" (Cacau), Visionen und Führung. Einen, der das Fenster aufreißt, durchlüftet und glaubhaft vermittelt: Das ist der neue Weg aus der Krise.

Fazit: Das konnte Markus Babbel am Ende nicht mehr leisten.

Die Gleichgültigen: Anführer dieser Gruppe ist Alexander Hleb. Wobei das Wort Anführer eigentlich nicht passt. Denn die kleinen Ich-AGs in der Mannschaft haben ganz unterschiedliche Ziele. Ihre Gemeinsamkeit besteht nur darin, dass sich diese Ziele nicht mit denen der Mannschaft und des Vereins decken.

Yildiray Bastürk oder Jan Simak haben innerlich schon gekündigt. Pawel Pogrebnjak flirtet mit Dynamo Moskau. Und Jens Lehmann genießt still seine letzten Tage als Profi.

Aber das größte Problem stellt Hleb dar. Der Weißrusse führte von Anfang an sein Eigenleben. Und das besteht darin, so bestätigen auf dem Wasen alle, dem süßen Leben nachzujagen. Auch auf dem Platz macht der frühere Weltklassespieler sein eigenes Spiel. Ohne Verantwortungsbewusstsein fürs Team - als Solist ohne Wirkung. Auf das Trainerteam hat er selten gehört. Selbst Liegestützen verweigerte er dreist grinsend. Den Höhepunkt erlebten am Samstag 40.000 Zuschauer im Stadion: Babbel gab Hleb eine Anweisung, der ignorierte ihn.

Fazit: Am Ende fehlte Markus Babbel die Kraft und der Rückhalt des Vorstands, dem Treiben jener Spieler mit Söldnermentalität ein signalhaftes Ende zu setzen.

Die Wütenden: Serdar Tasci wollte nicht jubeln, obwohl der Torschütze am Samstagnachmittag für kurze Zeit der Held war. Es hat ihm nichts mehr gepasst. Das Verhalten der Fans - und das des Teamchefs. Tasci hat es Markus Babbel nicht verziehen, dass er ihn bei der Wahl des Kapitäns übergangen hat. Er hatte sich als bisheriger Vizekapitän als natürlicher Nachfolger von Thomas Hitzlsperger gesehen. "Natürlich bin ich sauer darüber", sagte er unterkühlt. "aber das ist jetzt nun mal so, mehr will ich dazu nicht sagen. Denn es geht nicht um Einzelne, sondern um den Verein."

Was das bedeutet? Tasci und Babbel wären wohl keine Freunde mehr geworden - der Ärger über den Teamchef war zu groß. Auch andere Spieler fraßen in den vergangenen Wochen ihren Frust in sich hinein: Elson, Sebastian Rudy, Kahlid Bouhlarouz, Ricardo Osorio und Ludovic Magnin. Sogar der junge Daniel Didavi, stets bester Mann bei der Zweiten, aber ohne Chance in der Ersten.

Fazit: Am Ende war das Verhältnis zu diesen Spielern kaum noch zu kitten.

Die Mutigen: Es gab kaum noch Profis, deren Körpersprache Courage und Stärke ausstrahlte. Kapitän Matthieu Delpierre und Zdravko Kuzmanovic sind zwei Ausnahmen. Nur mit diesen beiden - so wirkte es - hätte man beruhigt in die nächste Schlacht ziehen können. Zwei von 28. Ein trauriger Rest.

Fazit: Am Ende hatte(n) Markus Babbel und sein Trainerteam alle(s) verlassen: die Mannschaft und das Glück. Vieles davon hat sich zwar angedeutet. Aber die wenigen, die hätten warnen können, wurden kaltgestellt. Auch Teambetreuer Jochen Rücker. Stattdessen installierte Manager Horst Heldt den früheren Reisemarschall Ralph Herkommer, der in der Mannschaft als Spion des Managements gilt.

Wenn man so will, war in diesem Klima das Scheitern programmiert. Babbel schätzte diese Strömungen falsch ein. Auch wegen der Doppelbelastung durch den Trainerlehrgang. Das Projekt Babbel war damit im Grunde mit dem ersten Schultag an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Köln gescheitert.

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