Otto Umfrid (1857-1920) Foto: Ev. Nordkirchengemeinde Stuttgart

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der Stuttgarter Pfarrer Otto Umfrid für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Dann fiel er der Vergessenheit anheim.

Im Nordbahnhofviertel der Landeshauptstadt mangelt es nicht an Hinweistafeln. Manche verweisen auf Parkmöglichkeiten oder einschlägige Verbote. Andere drohen: „Grundstück wird videoüberwacht“. Oder: „Abgestellte Fahrzeuge werden abgeschleppt“. Für Otto Umfrid war nur ein schmales Stück Blech übrig, kaum halb so groß wie ein Buch. Er sei „Stadtpfarrer in Stuttgart“ gewesen, heißt es dort. Das erklärt nicht, warum diesem Mann immerhin eine Stichstraße gewidmet ist.

 

Auch auf dem benachbarten Pragfriedhof, wo Otto Umfrid bestattet ist, erfährt niemand, dass dieser Mann einmal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen war. Darauf deutet immerhin ein Bibelzitat aus dem Matthäus-Evangelium hin, das am Fuß des Grabkreuzes eingraviert ist: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Neben der Inschrift liegt ein umgestürzter Blumentopf im Gras. An der verdorrten Pflanze flattert ein kleiner Wimpel im Herbstwind, auf dem zu lesen ist: „Frieden schaffen ohne Waffen!“

Diese Parole hat sich die Deutsche Friedensgesellschaft zu eigen gemacht. Otto Umfrid zählt zu ihren Vordenkern. Er war ein Wegbereiter des Pazifismus in Deutschland. Über ihn schrieb der Tübinger Literaturhistoriker und Schriftsteller Walter Jens allerdings: „So unbekannt ist der eine aufrechte Mann, so unbekannt selbst in den Reihen derer, die in ihm einen Kronzeugen haben, ohne es zu wissen.“

Otto Umfrid entstammt einer uns fremden Zeit. Als er zur Welt kam, war Württemberg noch ein Königreich. Als er Pfarrer wurde, stand Deutschland unter der Fuchtel eines Kaisers. Als er sich zur Ruhe setzte, herrschte ein Weltkrieg, an dem sein eigenes Land große Mitschuld trug. Und als er starb, war die Demokratie noch ein Experiment. Dennoch gibt uns vieles heute noch zu denken, was er gesagt und geschrieben hat.

„Die fortgesetzte Rüstung kommt uns zu teuer“

Nur ein Beispiel an dieser Stelle: 1898 warnte er vor der Logik der Aufrüstung, die sich auf das römische Prinzip berief, wer für den Frieden sei, müsse sich auf den Krieg vorbereiten („Si vis pacem, para bellum“). Für Umfrid sprach solches Denken für „Verschrobenheit im Gebiet der Urteilskraft“. In Wahrheit sei das „Rüstungsfieber eine eigentümliche Abart der Psychosen“. Sein Fazit: „Die fortgesetzte Rüstung ist irrationell und sie kommt uns allmählich zu teuer.“

Dass er ein „Friedenshetzer“ werden würde, wie ihm ein Pastorenkollege vorwarf, war Otto Umfrid nicht in die Wiege gelegt. Er wurde am 2. Mai 1857 geboren – „in einer Zeit, die eine atemberaubende Militarisierung des öffentlichen Bewusstseins erlebt und mit ihrem übersteigerten Nationalismus vor den Köpfen des Einzelnen nicht halt macht“, notieren seine Biografen Tobias Brenner und Christof Mauch. Die in Nürtingen ansässigen Eltern entstammen alten württembergischen Familien. Zu ihren Vorfahren zählen die Reformatoren Johannes Brenz und Matthäus Alber.

Das Nürtinger „Hutzelmännlein“

Otto Umfrid war schon als Kind eher gebrechlich, ein „leibarmes Bürschlein“, wie es hieß. Die Verwandten nannten ihn deshalb das „Nürtinger Hutzelmännlein“ – nach einem bekannten Märchen des schwäbischen Dichters Eduard Mörike. In seiner Erziehung herrschte keine Gewaltfreiheit. „Mein Vater handelte nach dem Bibelspruch: ,Unsere Väter haben uns gezüchtigt nach ihrem Gutdünken’“, erinnert sich Umfrid. Das sei damals „zwar keine vorbildliche, aber auch keine ungewöhnliche“ Art des Umgangs mit Kindern gewesen.

Während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, so entsinnt sich der spätere Pfarrer voller Abscheu, „mussten wir in der Singstunde ein Schlachtenlied singen, in dem der schreckliche Vers vorkam: ,Man sah fast keinen Boden vor Sterbenden und Toten; da liegt ein Fuß, ein Arm, ach dass es Gott erbarm“. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Ulm und Tübingen wählte Otto Umfrid die Theologenlaufbahn – seinerzeit die einzige Hochschulausbildung auf Staatskosten. Während des Studiums begeisterte er sich für die Lehren des Naturphilosophen Karl Christian Planck, einem (wenig bekannten) Visionär, dessen „geschlossene, widerspruchslose Weltanschauung“ Umfrid faszinierte. Geprägt hat ihn auch Carl Weizsäcker, der Urgroßvater des gleichnamigen Bundespräsidenten, von dem Umfrid sagte: „Hier fühlte man sich dogmenfrei.“

Die erste Pfarrerstelle hatte Otto Umfrid in Peterzell anzutreten, einem 500-Seelen-Dorf im Nordschwarzwald. Das lag „in weltabgeschiedner Einsamkeit, und weltabgeschieden waren auch die Leute, von der Kultur kaum beleckt“. Damals begann er bereits, von seiner „Abscheu gegen die Menschenschlächtereien“ zu predigen. Er verstand das als eine Art Volkspädagogik. Für ihn erschien es „selbstverständlich, dass jedes echte Christentum aufs Schärfste gegen den Brudermord, wie er im Krieg ausgeübt zu werden pflegt, protestieren muss“.

„Christus hat auch bisweilen Ärgernis gegeben“

1889 wurde Otto Umfrid nach Stuttgart versetzt. Zunächst war er Pfarrer in einer hölzernen Notkirche, der sogenannten Wanderkirche im anwachsenden Stuttgarter Westen. Später predigte er in der Martinskirche am Pragfriedhof, wo heute die nach ihm benannte Straße verläuft, und in der Erlöserkirche am Rande des Postdörfles.

Vorbilder für Otto Umfrid? Die Führungsriege der SPD um 1900, vorne in der Mitte sitzt der Parteichef August Bebel. Foto: dpa

Nicht allen gefiel, was sie von ihm zu hören bekamen. „Da hätte man ebenso Bebel auf die Kanzel stellen können“, beschwerten sich manche, er sei „der reine Sozialdemokrat“ (deren Parteivorsitzender von 1892 bis 1913 August Bebel hieß). Umfrid verfasste auch ein eigenes „Arbeiter-Evangelium“, worauf ihm die Kirchenoberen vorhielten: „Wissen Sie, dass Sie Ärgernis gegeben haben?“ Seine Antwort: „Unser Herr Christus hat auch bisweilen Ärgernis gegeben.“

Stuttgart, das Zentrum des Pazifismus

Pfarrer Umfrid hat sich jedenfalls nicht einschüchtern lassen. Von 1894 an engagierte er sich in der zwei Jahre zuvor von den Pazifisten Alfred Hermann Fried und Bertha von Suttner gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft. Sein Arbeitsalltag als Pastor kann man sich so vorstellen: „Dann ging ich, oft mit Aufbietung der letzten Kraft, manchmal an einem Sonntagnachmittag, nachdem ich schon zwei bis drei Gottesdienste gehalten hatte, ins Land hinaus, um dort den Frieden zu predigen.“

Was er zu sagen hatte, war zum Beispiel dies: „Der größte Jammer unserer Zeit ist der beständige Kriegszustand, in dem wir leben. Vom Frieden wird geredet, aber was ist das für ein Frieden, in dem die Völker bis an die Zähne gewappnet einander gegenüberstehen?“ Dank Otto Umfrids Engagement wurde Stuttgart zum „Zentrum des organisierten Pazifismus in Deutschland“, so die Biografen Brenner und Mauch. 1899 verlegte die Deutsche Friedensgesellschaft auch ihre Zentrale und den Sitz des Hauptvorstands in die württembergische Hauptstadt.

„Unfriedensäer“

Von Umfrids Friedenspredigten waren nicht alle begeistert. „Von Kollegen und sogenannten Freunden habe ich mancherlei Unbill erfahren“, berichtet der Pfarrer. Auch unter Theologen herrschen bisweilen raue Sitten, wen es um Grundüberzeugungen geht. „Einer hat einmal geradezu vor mir ausgespuckt“, schrieb Umfrid. „Ein anderer sagte mir: Schreiben könne ich, was ich wolle, aber öffentlich reden dürfte ich nicht, das mache zu viel peinliches Aufsehen.“

Die Hauptstätter Straße in Stuttgart um 1890 Foto: Archiv

Der Pazifist mit Talar und Beffchen wurde als „Unfriedensäer“, Ketzer und „Hetzredner“ beschimpft. Die Kirchenhierarchie erwog, ihm weitere Friedenspredigten förmlich zu untersagen. Am Ende blieb es bei einem „konsistorialen Verweis“.

Doch Otto Umfrid ließ sich nicht den Mund verbieten. Den Krieg zu verherrlichen, wie es damals in Mode war, hielt er schlichtweg für „Gotteslästerung“. Für die Deutsche Friedensgesellschaft war er als Missionar unterwegs, er gründete 20 Ortsgruppen in Württemberg, darunter in kleineren Städten, die nicht gerade als Heimatorte pazifistischen Rebellentums bekannt waren: etwa in Baisingen, Ebingen, Laichingen, Metzingen, Nagold oder Strümpfelbach. Ohne solches Engagement „wäre die Friedensbewegung in Deutschland wahrscheinlich gestorben“, bilanzierte er 1913.

Den Ersten Weltkrieg, der ein Jahr später losbrach, konnte er dennoch nicht verhindern. „Man versuchte, einen in den Abgrund rollenden Lastwagen mit einem Seidenfaden aufzuhalten“, so umschrieb er das vergebliche Bemühen. Der Kriegsausbruch war deprimierend für einen wie Otto Umfrid. Doch er ließ sich nicht entmutigen. „Man sagt, der Pazifismus sei tot“, notierte er damals. „Nein, er lebt! Der Krieg selbst stellt einen grausigen Anschauungsunterricht in den Lehren des Pazifismus dar.“ 1914 wurde er immerhin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Doch der Preis wurde in den Kriegsjahren 1914 bis 1916 nicht vergeben.

Zensiert, erblindet, depressiv

Weder das Schicksal noch die Obrigkeit haben Otto Umfrid geschont. Ein Augenleiden machte ihm zu schaffen. In den Kriegsjahren ist er völlig erblindet. Er musste seinen Beruf aufgeben. Das hielt ihn aber nicht davon ab, zu Anfang des Weltkriegs pazifistische Konferenzen in neutralen Staaten wie der Schweiz zu besuchen. Doch im Mai 1915 wurde sein Pass eingezogen. Von Ende 1915 an unterlag er der Zensur. Das Kriegsministerium kam zum Schluss, dass seine Schriften und das Treiben der Friedensgesellschaft den „festen unbeirrbaren Willen zum Durchhalten“ beeinträchtigten und im feindlichen Ausland „zu falschen Ansichten über die innere Kraft Deutschlands“ führten. Umfrid ließ seine Friedensappelle in die Schweiz schmuggeln und dort drucken.

Das Kujonieren und Schikanieren, die Fruchtlosigkeit seines Tuns ließen ihn aber nicht völlig unbeeindruckt. Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Otto Umfrid wegen schwerer Depressionen in der Heilanstalt Winnenden. Dort starb er am 23. Mai 1920. Zu seiner Beerdigung auf dem Pragfriedhof kamen nur wenige Menschen. Er war schon damals nahezu vergessen.

Im Denken war Otto Umfrid seiner Zeit stets voraus. Er hielt sein Anliegen für eine Aufgabe von Generationen – und orientierte sich an einem Ratschlag Martin Luthers: Wer Frieden schaffen wolle, für den gelte es aus „Liebe zu den Kindern, (...) Bäumchen anzupflanzen, deren Früchte erst das Enkelkind genießen soll. Denn die Utopien von gestern sind die Wirklichkeiten von morgen“.