Das Ehepaar Erwin und Anita Müller Foto:  

Nach dem Weggang vieler Führungskräfte führt Erwin Müller mit 89 Jahren die Geschäfte in seiner Drogeriemarktkette wieder selbst. Wer ist dieser Mann und was treibt ihn an?

Er ist wieder da, lässt Erwin Müller ausrichten. Umgeben von wenigen Getreuen wolle er „fortan das Unternehmen wieder selbst führen“. Dabei war der Gründer der Drogeriemarktkette, die seinen Namen trägt, nie weg. Der Abgang von Kronprinz und Kurzzeithoffnung Günther Helm nach gerade drei Jahren, den das „Manager Magazin“ diese Woche öffentlich machte, deutet auf einen Betriebsalltag hin, in dem der Patriarch allzeit über sämtliche Schreibtische fegt. Wenige Wochen vor dem 43-jährigen Helm, der vom österreichischen Aldi-Ableger Hofer nach Ulm gekommen war, entfernten sich bereits oder wurden entfernt: Müllers Finanzchef, sein Vertrieb sbeauftragter und die Personalleiterin.

 

Man könnte sagen, es ist wie immer in der braun-orangenen Firmenzentrale im Stadtteil Jungingen, einem Gebäude, das angesichts des famosen Wachstums der Drogeriekette lächerlich unterdimensioniert wirkt. Andererseits ließe sich auch konstatieren, dass Müllers Volten mit bald 90 Jahren immer skurriler werden. Seit der gelernte Friseur ums Jahr 2006 herum die Hoffnung aufgab, dass sein Sohn aus erster Ehe, Reinhard, das nötige Format fürs Unternehmen besitzt und ihn hinausdrängte, wechseln die Köpfe in der Geschäftsführung in erstaunlicher Frequenz. Einen Exodus wie in den vergangenen Wochen aber gab es bisher nicht.

Wendepunkt zwischen Vater und Sohn

Wer vom Vater Millionen mit auf den Weg bekommt, kann damit manches anfangen. Reinhard Müller gründete unweit der väterlichen Zentrale ein Waffenhandelsgeschäft und ließ eine unterirdische Schießbahn bauen. Man weiß nicht, was in dieser Familie vor sich geht oder gar im Kopf des Patriarchen. Aber die Zeit um 2006 war nicht nur ein Wendepunkt zwischen Vater und Sohn. Müller senior heiratete damals die fast 30 Jahre jüngere Anita Burghardt. Bis dahin interessierten sich vor allem Fachtitel wie die „Lebensmittelzeitung“ für Müller. Nun kamen auch die Promiblätter. Das öffentliche Interesse verlangte nach Futter. Und zum einsetzenden Geraune gehörte bald, die Ehefrau ziehe die Fäden und schirme ihren Mann ab.

Ob das so stimmt, darf bezweifelt werden. Eine Zufallsszene aus der Vorweihnachtszeit vor wenigen Jahren: Im Stammgeschäft von Müller in der Ulmer Hirschstraße öffnet sich plötzlich eine Fahrstuhltür in der ersten Etage. Heraus tritt ein Pulk aufgeregt sprechender Müller-Mitarbeiter, ganz vorne Erwin Müller, dreinschauend wie der Henker von Venedig. Erst dahinter, mit Abstand, Anita, die ostentativ einen Prospektstapel zurechtrückt. Marktkontrolle eines Ehepaars, in dessen Unternehmen aktuell rund 35 000 Menschen in 887 Filialen arbeiten.

Bei Widerspruch Verkauf

Dass Erwin Müller detailbesessen und zahlenfixiert sei, berichteten schon mehrere ehemalige Mitarbeiter. Eine Verwaltungskraft, die früher lange in seiner Schreibtischnähe saß, erzählt, Müller habe jeden Morgen mit der Bestandslistenkontrolle seiner riesigen Hochregallager nördlich von Ulm begonnen. Wehe, er habe Überbestände entdeckt, die auf einen schleppenden Warenfluss hindeuteten. Dann sei man für die nächsten Stunden besser in Deckung gegangen. Für die Gewerkschaft ist das Autokratengehabe. Versuche, in Müllers Holding Betriebsratswahlen zu organisieren, scheiterten bisher jedoch überwiegend. Als sich in einem Lager doch einmal genügend Mutige fanden, verkaufte es der Patriarch kurzerhand an einen ihm eng verbundenen Großspediteur.

Keine Betriebsräte, keine externe Kommunikation, keinerlei Kontrolle von außen – mit dieser Firmenpolitik ist Erwin Müller der Letzte seiner Art in Baden-Württemberg. Nur ein paar Kilometer nach Norden und nach Westen hatte er in dieser Hinsicht noch lange Jahre Brüder im Geiste. In Ehingen regierte Anton Schlecker seine Drogeriefilialen ähnlich erratisch, in Blaubeuren leitete Adolf Merckle die Firmengruppe um den Pharmahersteller Ratiopharm und den Baustoffproduzenten Heidelberg-Cement im Stil einer Geheimoperation. Schlecker ging bekanntlich pleite, weil seine Märkte schäbig wirkten und sein kreditfinanziertes Expansionsgeschäft am Ende zum Schneeballsystem mutierte. Merckle scheiterte, weil er nebenher mit Aktien zockte, immer höhere Risiken einging – und im Zuge der Finanzkrise schließlich alles verlor.

Vier Milliarden Jahresumsatz

Erwin Müller bewegte sich stets vorsichtiger. Seine Filialen sind große, sorgsam ausgeleuchtete Kaufhäuser, oft in guten Stadtlagen. Von den rund 190 000 Artikeln im Sortiment gehören nur rund 50 000 zum Segment Drogerie. Die Masse machen Schreib- und Spielwaren, Haushaltswaren, Multimedia-Artikel und seine Parfümerie-Abteilungen, in denen das Beratungsniveau oft erstaunlich hoch ist. Das letzte bekannte Resultat aus diesem Mix: rund vier Milliarden Euro Umsatz.

Ein Zocker ist Erwin Müller aber auch. Nach dem Jahr 2010 ließ sich dem „Bundesanzeiger“ wiederholt entnehmen, dass sich der Ulmer mit Spekulationen auf den Schweizer Franken und die türkische Lira verhoben hatte. Er musste „Drohrückstellungen“ von mehr als 200 Millionen Euro bilden. In diesem Zeitraum, Ende 2010, vertraute Müller zudem der Schweizer Bank Sarasin rund 50 Millionen Euro zur wundersamen Vermehrung an. Das Geldhaus schob das Vermögen sofort in einen Luxemburger Fonds, der sich an der Ausplünderung deutscher Steuerzahler durch sogenannte Cum-ex-Geschäfte beteiligte. Müller, der glaubhaft machen konnte, dass er davon nichts wusste, holte sich das Geld samt Zinsen in einem Prozessmarathon wieder zurück.

Müller baut am Ulmer Münsterplatz

Am Image des geschätzten Arbeitgebers hat das in Müllers Heimatstadt Ulm nie gekratzt. Regelmäßig spendet er für den Erhalt des Münsters. Dazu macht der Patron Furore als Immobilienunternehmer. Schon lange besitzt und vermietet er Handelsflächen in der City, aktuell baut er direkt am Münsterplatz ein neues Hotel, traditionell mit Spitzgiebeldach. Das am Platz gegenüberliegende Stadthaus des US-Stararchitekten Richard Meyer nannte er Stadtvertretern gegenüber einmal „Hundeklo“. Kann sein, dass sich Erwin Müller auf die alten Tage sogar auserkoren sieht, den Ulmern guten Geschmack beizubiegen.

Die Zahl der Puzzleteile aus dem Leben des Drogerieunternehmers also wächst. Aber egal, wie man sie zusammensetzt, es kommt kein schlüssiges Bild heraus. Nie schien der Drogerieunternehmer so getrieben zu sein wie jetzt, im Spätherbst seines Lebens. So scheinbar umzingelt von Unfähigkeit und Mittelmaß. So ruppig und sprunghaft im Handeln.

Privatstiftung gegründet

Die Frage, wer sein Erbe übernimmt, sie arbeitet in ihm. 2017 gründete er im Steuerparadies Österreich die Erwin-Müller-Privatstiftung und übertrug ihr millionenschwere Unternehmensanteile. Als Stiftungszweck genannt ist „der Erhalt und die Förderung der Unternehmen, an denen die Privatstiftung (. . .) beteiligt ist“, außerdem „die standesgemäße Versorgung der Begünstigten und die Förderung der Interessen der Allgemeinheit durch die Unterstützung gemeinnütziger Einrichtungen und die Förderung gemeinnütziger Projekte“. Klingt nach Kontinuität. Allerdings hat Müller in dem von ihm eingesetzten Stiftungsvorstand seither ebenfalls schon Köpfe rollen lassen. Das bekannte Muster.

Wer lässt sich jetzt noch mit dem bald 90-Jährigen ein? Müller, diese Schlussfolgerung ist unvermeidbar, hat die Regelung seines Erbes ein für alle Mal verpasst. Er hat eine prächtige Handelskette aufgebaut. Ihre Zukunft und die der Beschäftigten aber ist ungewisser denn je.