Der Turm in Tübingen soll saniert und mit einer neuen Ausstellung versehen werden. Foto: Faltin

Friedrich Hölderlin war in Tübingen, Nürtingen und Lauffen verwurzelt. Doch wie gehen diese Städte heute mit ihrem größten Sohn um?

Tübingen/Nürtingen/Lauffen - Der langsame Strom des Neckars, er verbindet die drei Orte Tübingen, Nürtingen und Lauffen, in denen der unglückliche Friedrich Hölderlin (1770–1843) den überwiegenden Teil seines Lebens verbracht hat. Und in vielen Gedichten ist der Fluss, teils als Spiegel von Hölderlins Seele, gegenwärtig.

„An deinen Ufern wachte mein Herz mir auf, Zum Leben, deine Wellen umspülten mich.“

In Tübingen hat Hölderlin, den viele als den größten Dichter deutscher Sprache ansehen, studiert und 36 Jahre umnachtet im Turm verbracht. Vom ersten Stock ging sein Blick über den Fluss hinweg auf die Alb. In Nürtingen wohnten seine Mutter und Geschwister, das Städtchen war sein großer, ja überhöhter Sehnsuchtsort, an den er niedergeschlagen zurückkehrte, wenn wieder ein Lebenstraum zerstoben war.

„Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat;

So käm auch ich zur Heimat, hätt ich

Güter so viele, wie Leid, geerntet.“

Und natürlich, in Lauffen ist er geboren, dort dürfte er als Bub oft an der Zaber und am Neckar gespielt haben. In vier Jahren, am 20. März 2020, würde Friedrich Hölderlin 250 Jahre alt. Doch wie eigentlich gehen die drei Städte mit ihrem großen, ihrem größten Sohn um? Und was planen sie für das gewichtige Jubiläum?

Lauffens Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger ist ein beherzter, tatkräftiger Mann, ganz anders als der fremdelnde, tief im Gefühl wurzelnde, manchmal gar lebensuntüchtige Hölderlin. Dennoch liebt der Bürgermeister den Dichter, er kann aus dem Stegreif mehrere Gedichte vortragen, und vor gut einem Jahr hat er den großen Coup gelandet: Nach jahrzehntelangen Querelen konnte die Stadt endlich das elterliche Haus Hölderlins nahe des ehemaligen Klosters kaufen. Noch dazu übernahm ein Lauffener Unternehmer die Bezahlung. Spätestens 2017 wird das barocke Anwesen saniert und in ein Museum samt Veranstaltungsraum, Bi­bliothek und Café verwandelt. Der Bürgermeister ist zuversichtlich, 70 Prozent der Kosten über Zuschüsse abdecken zu können. Die hohen Räume, die wuchtigen Balken des Dachstuhls und der voluminöse Keller zeugen noch von der vermögenden Familie, in die der kleine Friedrich hineingeboren wurde.

Über dem Kreisverkehr, gleich neben Lidl und Aldi, wächst zudem ein Kunstwerk des berühmt-berüchtigten Peter Lenk in die Höhe: Der Hölder sitzt auf einer Schreibfeder, überschattet von den übermächtigen Dichtern Schiller und Goethe, die Hölderlins Talent nicht erkannt hatten oder nicht erkennen wollten. Auch die Geliebte Diotima, nackt und mit schwellenden Brüsten, ist zu sehen. Und im Kloster gibt es heute schon ein feines Museum, in dem man sich Gedichte Hölderlins vorlesen lassen kann. Man kommt nicht an Hölderlin vorbei, wenn man durch Lauffen geht.

„Heimzugehn, wo bekannt blühende Wege mir sind, / Dort zu besuchen das Land und die schönen Tale des Neckars.“

Doch lohnt sich dieser Aufwand überhaupt, ist man geneigt zu fragen. Denn bei aller Begeisterung für Friedrich Hölderlins einzigartige Lyrik muss ein Museum schließlich bezahlt werden, und es muss auch besucht werden. Bisher kommen gerade 1500 Menschen pro Jahr in das Hölderlin-Zimmer in Lauffen. Für Klaus-Peter Waldenberger ist die Antwort dennoch klar: Als Geburtsort habe Lauffen eine „besondere Verantwortung, an Hölderlin weiterzuarbeiten“. Zugleich sei der Dichter ein wesentliches Element in der Marketingstrategie der kleinen Weinstadt am Neckar: „Man kann mit Hölderlin etwas bewegen. Aber dazu muss man eine hohe Qualität bieten.“ Literatur und Stadtmarketing, das ist für Waldenberger kein Gegensatz.

Und da ist es ein Glücksfall, dass in Lauffen mit Eva Ehrenfeld eine Frau für Hölderlin zuständig ist, die als Lyrikerin die Tiefen des Werkes kennt und als Kulturmanagerin doch sehr praktisch veranlagt ist. Man müsse den Leuten etwas bieten, sagt sie – und das will man 2020 machen. Das Konzept ist fast fertig. Um es auf den Punkt zu bringen: In Lauffen geht man mit Herzblut und mit einer Strategie an den Kasus Hölderlin heran.

„Lebt wohl! ihr güldnen Stunden vergangner Zeit, Ihr lieben Kinderträume von Größ’ und Ruhm.“

In Tübingen will man Hölderlin künftig besser vermarkten

Immer am Sonntagabend, wenn die Straßen leer sind, fährt Eva Ehrenfeld nach Tübingen. Denn seit Kurzem ist sie dort auch Geschäftsführerin der ehrenwerten, aber zuletzt etwas abgehobenen Hölderlin-Gesellschaft, die eher wissenschaftlich ausgerichtet ist. Gut tausend Mitglieder hat die Gesellschaft. Gemeinsam mit der Stadt Tübingen soll der Hölderlin-Turm – der zu Hölderlins Zeiten nicht rund, sondern eckig war – saniert werden. Daneben wird auch die Dauerausstellung völlig neu gestaltet, was sehr notwendig ist, denn die Glasvitrinen mit unendlich viel Flachware sind längst nicht mehr zeitgemäß.

Eva Ehrenfeld und Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast wollen künftig vor allem ein größeres Augenmerk auf die Vermittlung von Hölderlins Werk legen – denn dieses gilt als schwierig, obwohl viele Gedichte so eingängig sind, dass sie unmittelbar das Herz treffen.

„Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhen, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Bisher sind jährlich gerade 5500 Besucher in den Turm gekommen, was zeigt, dass das Gebäude eher als pittoreskes Accessoire der Neckarfront wahrgenommen wird denn als literarische Pilgerstätte. „Da ist noch Luft nach oben“, findet auch Christine Arbogast. Sie und Ehrenfeld, beide noch nicht allzu lange in ihren Tübinger Ämtern, wollen jedenfalls für frischen Wind sorgen. Die Latte hängen sie hoch: Hölderlin sei Tübingens „wichtigster Dichter“, sagt Arbogast, und gerade die vielen Schriftsteller und Dichter gehörten zum „Markenkern“ der Stadt. Dieser soll jetzt gestärkt werden.

Zumindest in der Vergangenheit hat Tübingen seinen Hölderlin aber eher lieblos behandelt. Er schwamm so mit im Stadtgeschehen. Vielleicht, weil Tübingen den Dichter nicht existenziell braucht für seinen intellektuellen Ruf. Natürlich ist die Geschichte toll vom kranken Hölderlin, den der Tischlermeister Ernst Zimmer aus Ehrfurcht für Person und Werk so lange aufopferungsvoll gepflegt hat und der sogar im Zustand der Zerrüttung noch Vierzeiler von Weltrang verfasste.

„Die Linien des Lebens sind verschieden,

Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“

Fürs Marketing ist Hölderlin gut, aber nicht unverzichtbar. Um es auf den Punkt zu bringen: Tübingen kommt allmählich in Fahrt, der Hölder bleibt aber nur ein Diamant in einer funkelnden Krone.

In Nürtingen ist der Umgang mit Hölderlin noch strittig

In seiner Studentenzeit ist Friedrich Hölderlin oft zu Fuß von Tübingen nach Nürtingen gegangen – die knapp 30 Kilometer am Neckar entlang waren für den leidenschaftlichen Wanderer kein Pro­blem. Was würde er sagen, wenn er, etwa heimkehrend aus der Schweiz, die Alb herunterkäme und erführe, wie heftig derzeit gerungen wird um sein Erbe, gerade in Nürtingen, das er selbst am stärksten als Heimatort empfunden hat und das auch viele Experten und Liebhaber an erster Stelle sehen.

„Du stiller Ort! In Träumen erschienst du fern.“

Vor acht Jahren hatte der Gemeinderat das Hölderlinhaus, den sogenannten Schweizerhof an der Neckarsteige, sogar abreißen lassen wollen, weil nichts Authentisches mehr darinnen sei. Erst ein Aufschrei von Bürgern und ein Gutachten eines Bauhistorikers haben das verhindert. Jetzt streiten sich die Stadt und der Hölderlin-Verein darum, wie die Sanierung erfolgt. Die Stadt will ein Stockwerk aufsetzen, um die Volkshochschule, die bisher auf mehrere Standorte verteilt ist, unterbringen zu können. Dafür soll das frühere historische Walmdach wiederkommen. Und auch eine Gedenkstätte auf 90 Quadratmetern ist vorgesehen.

Ingrid Dolde, die Vorsitzende des Vereins, schüttelt darüber den Kopf – das Gebäude verlöre seinen historischen Charakter, sagt sie. Nun aber hat der Gemeinderat das Vorhaben sowieso gestoppt, weil das Geld für vordergründig wichtigere Dinge wie Wohnungen benötigt wird. Es ist jetzt ungewiss, ob eine Sanierung bis zum Jubiläum stattfinden wird. Dolde, die eigentlich keine starken Worte benutzt, hat dennoch eine klare Meinung zu diesem Vorgang: „Nürtingen muss aufpassen, dass es sich nicht in ganz Deutschland blamiert.“

Trotz manchen Disputs mit dem Nürtinger OB hat sie Otmar Heirich im Grunde an ihrer Seite. „Ich kämpfe weiter darum, dass der Gemeinderat noch vor der Sommerpause den Weg freimacht“, sagt er. „Die Sanierung bis 2020 ist eigentlich ein Muss.“ Da müssten, appelliert er, Meinungsverschiedenheiten zurückstehen.

Doch was Hölderlin angeht, liegt eine seltsame Stimmung über der Stadt. Ja, im Stadtmuseum gibt es einen großen Hölderlin-Raum, der nur leider im Gegensatz zum lebendigen historischen Teil des Museums sehr aktenlastig ist. An der Mündung der Steinach in den Neckar steht ein Stein mit einem schönen Vers. Und auch einen Wanderweg auf Hölderlins Spuren gibt es, hinauf zieht er zum mystischen Winkel von Hardt.

„Hinunter sinket der Wald,

Und Knospen ähnlich, hängen

Einwärts die Blätter.“

Doch scheinen viele Lokalpolitiker mit Hölderlin wenig anfangen zu können, als Marketing-Zugpferd wurde er kaum entdeckt. Nur ein Beispiel: Auf Lauffens Webseiten begegnet einem Hölderlin auf der Startseite – in Nürtingen muss man lange suchen, bis man etwas findet. Um es also auf den Punkt zu bringen: Man müht sich aufrichtig. Aber Leidenschaft sieht anders aus.

Am Rand des Schwarzwalds, in Calw, da lebte einst ein anderer großer Dichter: Hermann Hesse. Was die Städte am Neckar mit Hölderlin noch weitgehend vor sich haben, das hat Calw schon geschafft – Calw und Hesse, das ist eins, real, virtuell, museal. Für Calw sei Hesse jenes Alleinstellungsmerkmal, nach dem andere Städte krampfhaft suchten, sagt OB Ralf Eggert: „Wir hätten nur einen Bruchteil der Besucher ohne Hesse.“ Insofern hält er seine offensive Vermarktungsstrategie für richtig, auch und gerade unter schnöden finanziellen Gesichtspunkten. „Das zahlt sich aus“, ist der Oberbürgermeister überzeugt, „in Euro und Cent.“

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