Bleibt der Wechsel von Nationalstürmer Timo Werner von RB Leipzig zum FC Chelsea vorerst der letzte Großtransfer der Bundesliga? Foto: AFP/Odd Andersen

Die Corona-Krise verändert den Transfermarkt – und dürfte viele Fußballprofis arbeitslos machen. Wer ist betroffen? Was können diese Spieler tun? Antworten gibt auch Karlheinz Förster.

Stuttgart - In große Fußstapfen ist Jürgen Kramny bereits im vergangenen Jahr getreten. Vom nimmermüden Peter Neururer übernahm er das Traineramt bei der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) und leitete das Sommercamp für vereinslose Profis. In gleicher Funktion wird der frühere Chefcoach des VfB Stuttgart auch in diesem Jahr tätig sein – und deutlich mehr zu tun haben, wenn am 3.  August in Duisburg die ersten Einheiten beginnen. Die Zahl der Anmeldungen bewegt sich auf Rekordniveau.

 

Am 30. Juni sind in den ersten vier deutschen Fußballligen Dutzende von Verträgen ausgelaufen – von diesem Mittwoch an werden fast ebenso viele Spieler zumindest vorübergehend arbeitslos sein. Ausnahmen sind jene Kicker, deren Vereine sich weiterhin im Spielbetrieb befinden, also im Europapokal oder der Relegation. Der große Rest ist auf der Suche nach neuen Arbeitgebern – und wird allem Anschein nach viel Geduld benötigen.

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Die Corona-Krise hat auch im Fußball vieles verändert – dazu gehört nicht zuletzt der Transfermarkt. Den Clubs steht nach den Monaten des Stillstands und der Geisterspiele das Wasser bis zum Hals, die Kassen sind leer. Vorbei scheinen damit vorerst die Zeiten, in denen Fantasieablösesummen und -gehälter bezahlt werden und auch Durchschnittskicker die freie Auswahl haben. „Es kommen jetzt sehr viele Spieler auf den Markt, und es wird nicht wenige geben, die keinen neuen Verein finden“, sagt Karlheinz Förster.

Der frühere VfB-Nationalspieler und heutige Spielerberater hat zuletzt Timo Werners 53-Millionen-Euro-Wechsel von RB Leipzig zum FC Chelsea abgewickelt – einer von bislang ganz wenigen Transfers dieser Größenordnung. Noch im Vorjahr wurden deutlich mehr als jeweils 100 Millionen für Eden Hazard (Real Madrid), Antoine Griezmann (FC Barcelona) und Joao Felix (Atletico Madrid) bezahlt. Auch die deutschen Nationalspieler Leroy Sané (Manchester City) und Kai Havertz (Bayer Leverkusen) zählten zu dieser Kategorie – doch dürften nun die Preise purzeln.

Karl-Heinz Rummenigge glaubt nicht an eine Fortsetzung des Transfer-Wahnsinns

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass in dieser Saison in Deutschland oder auch sogar Europa so viel Geld für einen Spieler gezahlt wird“, sagte zuletzt der Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dem „Handelsblatt“. Denn: „Es ist nicht viel Liquidität vorhanden, es fehlt also an Nachfrage. Nicht aber am Angebot an wechselwilligen Spielern. Das wird die Preise neu justieren.“ Offenbar geht der FC Bayern auch da voran. Medienberichten zufolge ist d Transfer von Sané zu den Bayern (Vertrag bis 2025) wohl perfekt und die Ablösesumme mit weniger als 50 Millionen Euro geringer als erwartet. Nicht mehr als ein Luxusproblem ist es für die Topstars, wenn sie künftig nicht mehr 20 Millionen Euro, sondern ein bisschen weniger verdienen. Viel größer sind die Sorgen bei den Profis aus der Mittel- oder gar Unterklasse, die während des großen Booms in Vor-Corona-Zeiten ebenfalls fürstliche Gehälter erhielten – und nun gewaltige Abstriche machen müssen. „Sie werden es deutlich schwerer haben“, sagt Karlheinz Förster.

Neben sinkenden Ablösen und Gehältern erwartet der frühere Vorstopper zwei weitere Corona-Konsequenzen. Zum einen werden sich die Vereine mit der Verpflichtung neuer Spieler Zeit lassen, weil sie erst die weitere Entwicklung abwarten und möglichst spät mit den Gehaltszahlungen beginnen wollen. Unterstützt werden die Clubs dabei von den Verbänden. Während noch unklar ist, wann die neue Saison startet, wurde die Sommertransferperiode bereits bis zum 5. Oktober ausgeweitet.

Zum anderen geht Förster davon aus, dass viele Vereine im Zuge der Sparmaßnahmen den Rotstift vor allem in der Lizenzspielerabteilung ansetzen und ihre Kader verkleinern. Ob auch in der neuen Saison noch 30 Profis fürs Mannschaftsfoto posieren? „Das kann ich mir momentan kaum vorstellen“, sagt Förster.

Die Spielergewerkschaft VDV hat großen Zulauf

Dass die Kader vielerorts mit Nachwuchsspieler aufgefüllt werden und Arbeitsplätze wegfallen – das befürchtet Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es mehr vereinslose Spieler gibt.“ Wie groß die Unsicherheit unter den Kickern ist, zeigen ihm die vielen neuen Mitglieder, die in diesen Wochen Hilfe suchen. Karrierecoaching und Rechtsberatung, aber auch Gespräche mit Psychologen oder die frühzeitige Planung der Zeit nach dem Profifußball – die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen sei „deutlich gestiegen“, sagt Baranowsky. Auch deshalb sind Profis der ersten drei Ligen, darunter Mats Hummels und Lars Bender, derzeit dabei, eine weitere Interessensvertretung zu gründen, die den Aktiven mehr Gehör verschaffen soll.

Der vereinslose Fußballtrainer Jürgen Kramny sollte sich derweil für die nächste Zeit nichts vornehmen. Beim VDV geht man davon aus, dass das Sommercamp bis weit in den Herbst hinein dauert.