Johannes Schwanke lebt mit seiner Frau und seinen vier Söhnen im Bühler Schloss. Foto: Gerlinde Wicke-Naber

Glaube und Vernunft gehören zusammen, davon ist Johannes Schwanke überzeugt. Diesen Grundsatz lehrt der Professor an den Universitäten in Tübingen und Basel.

Der Schlossherr empfängt leger in Jeans. Ein ungewohnter Anblick, wenn man den Professor nur aus dem Hörsaal kennt. Dort ist er stets sehr korrekt gekleidet: Anzug, weißes Hemd, Krawatte. „Der Anzug ist mein Arbeitsoutfit“, sagt Johannes Schwanke. Sehr jugendlich wirkt der schlanke 58-Jährige, im Eiltempo nimmt er die 66 Stufen zu seiner Wohnung im zweiten Stock des Bühler Schlosses im Tübinger Stadtteil Bühl. 14 Wohnungen beherbergt der Schickhardtbau aus dem 16. Jahrhundert. Zwei davon haben Schwanke und seine Frau gekauft, sie leben dort mit ihren vier Söhnen, die zwischen drei und zwölf Jahren alt sind.

 

Die Treppen und die Söhne halten den Professor jung. „Ich will mit meinen Kindern mithalten können, wenn sie bei McDonalds durch die Röhre rutschen“, sagt Schwanke. Begeistert zeigt er den Gewölbekeller und den unterirdischen Gang, der in einen Bunker führt, angelegt im Zweiten Weltkrieg. „Für meine Söhne ist das hier das Paradies. Wir feiern fantastische Schlossgeburtstage.“

Frauen sind unterrepräsentiert

Ortswechsel. Ein sonniger Herbsttag in Basel. Im schwarzen Anzug steht Schwanke in einem kleinen Hörsaal der Universitären Theologischen Hochschule (STH). 15 Studierende, davon nur eine Frau, besuchen das Proseminar, in dem es um die Grundlagen der Theologie geht. Überwiegend Studienanfänger sitzen im Seminar. Doch viele sind keine Schulabgänger nach dem Abi. „Sie haben zuvor bereits eine handwerkliche Ausbildung gemacht oder anderweitig gearbeitet“, sagt Schwanke. Die meisten seien bereits als Mitarbeiter in Gemeinden aktiv. „Das merkt man auch an ihren Fragen. Sie stellen ganz andere als meine Studierenden in Tübingen.“

Die STH ist eine kleine staatsunabhängige Hochschule mit staatlicher Anerkennung und 120 Studierenden. Diese kommen zum großen Teil aus verschiedenen freikirchlichen und landeskirchlichen Gemeinden in der Schweiz und in Deutschland. Alle bringen sie eine große Frömmigkeit mit. Frauen sind eher unterrepräsentiert. Das liege daran, dass in vielen Freikirchen Frauen nicht predigen dürfen, erklärt eine der wenigen Studentinnen.

Das wissenschaftliche Herangehen an Bibeltexte sei für viele eine echte Herausforderung, sagt Schwanke. Im heutigen Seminar steht ein eigener Text des Professors im Mittelpunkt. Es geht um die Paradoxien in der Bibel: Gott als der Gerechte und Strenge, aber auch als der Gnädige. Die Vergebung der Sünden als eine göttliche Inkonsequenz. Ein Student meldet sich, denn er ist verwirrt: „Was sage ich den Leuten in meiner Gemeinde, zum Beispiel einer trauernden Frau, wenn sie mich danach fragt, ob ihrem verstorbenen Mann die Sünden vergeben werden?“ Professor Schwanke stellt klar: „Dieser Text ist nicht als Seelsorge für die trauernde Witwe in ihrer Gemeinde bestimmt, sondern für Sie. Sie sollen sich erst einmal mit den verschiedenen Positionen auseinandersetzen. Seelsorge lernen Sie dann später in Ihrem Studium.“

Vor 15 Jahren erhielt der Tübinger Johannes Schwanke, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen und frisch habilitiert, einen Anruf aus Basel. Ob er sich vorstellen könnte, als Professor für Systematische Theologie anzufangen. Schwanke konnte sich das vorstellen. Seither pendelt er zwischen Tübingen und Basel. Von Montagabend bis Mittwochabend unterrichtet er seine Studierenden in der Schweiz, donnerstags hält er seine Vorlesung in Tübingen. Dort ist er zusätzlich außerordentlicher Professor für Systematische Theologie. Seine Vorlesung Christologie, die er jedes Jahr einmal an der Uni Tübingen anbietet, gehört zu den beliebtesten Veranstaltungen bei den Studenten. Der Hörsaal ist stets gut gefüllt. Davon können so manche Kollegen von Schwanke nur träumen. Die Zahl der Theologiestudenten ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Das macht sich auch in den Vorlesungen und Seminaren bemerkbar. Nur nicht bei Professor Schwanke.

In Basel kennt er jeden seiner Studenten mit Namen

In der letzten Vorlesung des Tübinger Sommersemesters hat Schwanke noch eine sehr persönliche Bitte: „Gehen Sie am Samstag zur Knochenmark-Typisierungsaktion nach Bühl. Es geht um einen dreifachen Familienvater, der an Leukämie erkrankt ist. Ich kenne ihn gut. Meine Kinder sind mit seinen befreundet.“ Es sind solche persönlichen Noten, die seine Studenten an Schwanke schätzen. „Im Wintersemester hat er bei einem Blockseminar drei Tage hintereinander Hefezopf, Brezeln und Tee mitgebracht, damit wir versorgt waren“, berichtet eine Studentin. Mehr als 40 Seminarteilnehmer hätte er so aus eigener Tasche verköstigt und sogar die Sprudelkisten nach oben geschleppt.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und der Schweizer Hochschule? Ja, so einige, meint der Professor. An der kleinen Basler Hochschule, die in einer alten Villa mit großem Garten untergebracht ist, schätzt er das Familiäre. Eine Mensa gibt es nicht. Die Studenten kochen mittags gemeinsam und laden manchmal auch ihren Professor dazu ein. Beginn und Ende jeder Vorlesung werden wie in der Schule durch Klingelzeichen angezeigt. Im Garten steht eine Tischtennisplatte, an der die Studenten in der Pause Rundlauf spielen. Alles ist sehr überschaubar. „Ich kenne anders als in Tübingen hier jeden meiner Studenten mit Namen“, sagt Schwanke.

Einen besonderen Kontakt hat er zu den neun Studenten, die er als Mentor betreut. Dieses System kennt Johannes Schwanke aus seiner eigenen Studienzeit und hat das Mentoring daher auch an der STH Basel eingeführt. Jeder Studierende wählt seinen Mentor. Zu seinem eigenen Mentor, den er während seines Auslandsstudiums in Oxford hatte, hält er bis heute die Verbindung. „Er hat jedem meiner Söhne zur Geburt einen antiken Silberlöffel geschenkt.“

In Tübingen, wo er selbst studiert hat, schätzt Schwanke die jahrhundertealte Tradition des wissenschaftlichen Arbeitens. Seine Studierenden, mehr junge Frauen als Männer, stammen zumeist aus Gemeinden der evangelischen Landeskirche. Sie kommen häufig direkt nach dem Abitur zum Studium. Schwanke selbst vereinigt beides in sich – eine tiefe Frömmigkeit, wie sie seine Schweizer Studenten pflegen, und wissenschaftliches Denken, das die Lehre in Tübingen prägt. Geboren als Sohn eines Missionars in Taiwan, wo er die ersten neun Jahre seines Lebens verbrachte und auf eine chinesische Schule ging, trägt er einen tiefen Glauben in sich.

Martin Luther und die Angst

An der Universität Tübingen, wo er studierte und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter forschte, promovierte und habilitierte, lernte er das wissenschaftliche Denken und Lehren. Er sieht es als seine Aufgabe, beides an seine Studentinnen und Studenten zu vermitteln. „Tübingen und Basel ergänzen sich sehr gut, beide haben ihren ganz eigenen akademischen und geistlichen Charakter. Ich unterrichte an beiden Hochschulen sehr gerne“, sagt er. „In Tübingen muss ich manchmal mehr die Seite des eigenen Glaubens betonen, in Basel die des wissenschaftlichen Arbeitens.“ Doch Lehre ist für ihn keine Einbahnstraße. „Ich lerne auch sehr viel durch die Fragestellungen meiner Studenten.“

Im Februar lädt er Studenten beider Hochschulen zu einem gemeinsamen Seminar nach Eisenach ein. Dort, wohin sich Martin Luther einst hin geflüchtet hatte und in großer Angst vor seinen Verfolgern lebte, geht es um das Thema „Martin Luther und die Angst“. Mit dabei ist der Psychiater Olaf Rosenau, ein Nachbar von Schwanke, der die medizinische Seite der Angst beleuchten soll. Das Einbeziehen anderer Wissenschaften in die Theologie – darauf legt Johannes Schwanke Wert.

Den Zugang zur wissenschaftlichen Lehre ermöglicht Johannes Schwanke auch Menschen ohne Abitur. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat er in Zürich die Evangelisch-Theologische Akademie ins Leben gerufen – ein Programm für alle, die an Theologie interessiert sind. Für 100 Franken oder 100 Euro im Monat können sie an den Vorlesungen teilnehmen – in Präsenz oder per Zoom. „Die bekommen, sprachlich vereinfacht, inhaltlich das gleiche Programm wie meine Studierenden in Tübingen und Basel. Nur, dass sie kein Examen machen müssen.“ Mehr als 100 Personen zwischen Mitte 30 und mehr als 70 Jahren nehmen an den Veranstaltungen teil – vom Handwerker bis zum Rentner. „Das sind spannende Veranstaltungen mit interessanten und auch besonders interessierten Menschen“, sagt Johannes Schwanke.

Hat die Kirche noch eine Zukunft?

Was können die Deutschen von den Schweizer Kirche lernen? „In der Schweiz sind die Kirchengemeinden unabhängiger.“ Ein solches System könnte auch der württembergischen Landeskirche guttun, meint Schwanke.

Doch hat die Kirche in Deutschland überhaupt noch eine Zukunft? Das Interesse an Religion schwindet, die Zahl der Theologiestudenten sinkt rapide. Schwanke sieht das weniger pessimistisch: „Ich denke, das Sterben der Religion ist eher ein Thema der Medien. Für viele Menschen aber ist es noch immer ein Lebensthema.“ Und die zentrale Botschaft der Bibel – die der Vergebung – sei gerade in der heutigen Zeit mit häufig aufgeheizter gesellschaftlicher Stimmung umso wichtiger. „Die Botschaft der Vergebung beinhaltet immer auch die Möglichkeit eines Neuanfangs, und den brauchen wir immer wieder, heute mehr denn je.“

Im Bühler Schloss schaut Johannes Schwanke auf die Uhr. Seine Tage sind streng getaktet. „Ich muss mich leider verabschieden.“ Um 12.30 Uhr muss er seinen Jüngsten vom Kindergarten abholen, anschließend zwei Söhne von der Grundschule. Am Nachmittag steht ein Zahnarzttermin für alle auf dem Programm. „Wir sind ein gutes Team“, sagt Schwanke über sich und seine Frau, eine Gymnasiallehrerin. Am Abend wird der Professor dann in die Schweiz fahren. Dort lebt er in einem Bed & Breakfast. Von Montag bis Mittwoch gehört er ganz seinen Studenten.