Ein Gewächshaus voller Antiquitäten: Vicenzo Molinaro inmitten seiner vielen Schätze. Foto: Gottfried Stoppel

Antiquitätenhändler Vicenzo Molinaro ködert seine Kunden mit dem Charme eines verlassenen Ortes – in einer alten Gärtnerei in Kernen. Er ist auch bei der RTL-Show „Die Superhändler“ zu sehen.

Kernen - Wer Vicenzo Molinaros Schätze sehen will, muss weit hinaus aufs Feld fahren – seit acht Jahren verkauft der 44-Jährige seine Antiquitäten in den Gewächshäusern einer ehemaligen Gärtnerei außerhalb von Kernen. Während andere Händler aus der Branche auf glatt polierte Oberflächen und barocke Optik setzen, sind hier eher Gummistiefel angesagt. „Meine Kunden sollen das Gefühl haben, sie stöbern selbst im Staub“, sagt Molinaro. „Wir stellen die Sachen genauso aus, wie wir sie finden.“

 

Der Charme eines Lost Place

Der Stöber-Charme wirkt. Auf Instagram verfolgen 14 800 Menschen, was Molinaro bei Antikissimo anbietet: Glasballons für Schnaps, alte Milchkannen, Ölgemälde, hölzerne Fensterläden, Silberbesteck, Weinpressen, Lampen im Industriestil, Zink-Wannen, Puppenwagen, Apothekengläser. Viele geraten angesichts der „Lost Place“-Optik geradezu in Verzückung. Molinaro sieht das Gewächshaus eher pragmatisch: „Hier braucht nur einmal die Sonne zu scheinen – so warm wie es dann wird, ist alles auch gleich noch holzwurmbehandelt“, sagt er trocken.

Staub ist Teil des Geschäfts. Den Fehler, etwas abzustauben, habe er nur ein einziges Mal gemacht, sagt Molinaro: Am Anfang polierte er einmal alte Flaschen sauber. Das enttäuschte Gesicht des Kunden werde er nie vergessen.

Tatsächlich gibt es auch bei Antiquitäten Trends: „Eine Zeit lang wollte jeder einen Fensterladen haben“, sagt Molinaro. Viele dekorierten damit den Garten. „Aber aktuell gehen solche Sachen gar nicht.“ Zinkwannen dagegen sind praktisch immer gefragt. Inzwischen habe er einen ganz guten Riecher für Trends, sagt er. Aber einen solchen Riecher muss man sich hart erarbeiten.

Er liebt die Geschichten seiner Funde

Sein abgefahrenster Fund war eine Art riesige Turbine, deren wahren Charakter er nicht gleich erkannte. Ein Freund hatte das Teil angeschleppt. Zwei Jahre lang vergaß er es, dann erst nahm er es genauer unter die Lupe: Es handelte sich um eine Luftschutzsirene der Sirenenwerke Esslingen. Kaum hatte er den Fund auf Ebay inseriert, meldete sich auch schon ein Sammler – der Mann besaß schon 50 Sirenen. Als er das gute Stück abholte, spielte er Molinaro begeistert auf dem Handy die Töne aus seiner Sammlung vor.

Es sind diese Geschichten, die Molinaro an seinem Job so liebt. Nach dem Abitur hatte er zunächst Außenhandelskaufmann bei Kriegbaum in Böblingen gelernt. Drei Jahre blieb er in der Lebensmittelbranche, bevor er sein damaliges Hobby zum Beruf machte: Als Autoschrauber suchte er gern nach besonderen Teilen. Mit Chromfelgen, die er zunächst für sich selbst in den USA bestellte, machte er dann den Schritt in die Selbstständigkeit. Diese Autowerkstatt behielt er auch noch ein paar Jahre parallel zum Aufbau von Antikissimo. „Aber das hier macht einfach mehr Spaß“, sagt er. „Die Erlebnisse beim Abholen sind durch nichts zu toppen.“

Heute hat er viele amerikanische Kunden – sie suchen sich bei ihm vor der Heimkehr gern ein ungewöhnliches Mitbringsel mit Bezug zur Region aus. Weil die meisten einen Überseecontainer gestellt bekommen, spielt Platz oder Gewicht keine Rolle. Deshalb, sagt er, seien Schnapsballons so beliebt. Sein erster amerikanischer Kunde kaufte ihm gleich 60 Stück auf einmal ab. Molinaro war ihrer überdrüssig und gab sie zu einem Spottpreis her. Der Preisnachlass war im Rückblick eine gute Entscheidung: Der Käufer warb in einem Forum für ihn, das zeigt bis heute Wirkung.

Seine Kunden lieben Upcycling

Aber nicht nur die Herkunft seiner Stücke fasziniert ihn, sondern auch ihre Zukunft: Viele Kunden kommen, um bei ihm Material für ein Upcycling-Projekt zu kaufen: Ein altes Weinfass, das zur Whisky-Bar werden soll. Ein Puppenbett, das zum Loungesofa für den Hund umfunktioniert wird. Obstbaumleitern, die später als Utensilienhalter in der Küche dienen. „Deshalb nehmen wir auch viele Sachen, die anderswo niemals angeboten werden“, sagt er. Kaputte Stühle zum Beispiel. Manche Kunden suchen offenbar genau das: Eine Kundin kam gar aus Hamburg mit dem Wohnmobil angereist, um zwei Tage lang bei ihm zu stöbern.

Sollte die Pandemie irgendwann der Vergangenheit angehören, könnte er solche Besuche womöglich öfter bekommen. Denn seit September zählt Vicenzo Molinaro zum festen Team der RTL-Show „Die Superhändler“. Den Ausschlag hatte wohl sein Instagram-Account gegeben. Mit dem Show-Format ahmt der Sender die längst eingestellte britische Erfolgsshow „Four Rooms“ nach – als zweite deutsche Show. Vier Händler in vier Räumen stehen bereit, dem Gast der Show seinen Schatz abzukaufen. Anders als bei „Bares für Rares“ gilt das Angebot allerdings nur begrenzt. Der Gast muss es annehmen, ohne abzuwägen. „Das macht die Sache eigentlich erst spannend“, sagt Molinaro.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So faszinierend sehen verlassene Orte in und um Stuttgart aus

Ob die tägliche Show sein Geschäft belebt, kann er im Augenblick noch gar nicht sagen. Die meiste Zeit durfte auch er nur eingeschränkt Kunden begrüßen. Und die zunehmende Bekanntheit hat ihm bislang nicht nur Glück gebracht – eine Zeit lang hatten Betrüger ihn und seine Kollegen aus der Sendung im Visier. Dabei bleiben will er trotzdem. Schließlich könnte ihm die Show helfen, Antikissimo in Zukunft noch auszubauen. Damit ginge für ihn ein Traum aus Kinderzeiten in Erfüllung.