24. Mai 1965: Queen Elizabeth II. und Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger in Degerloch Foto: Horst Rudel

Beuys-Kunst mit Zinksalbe, Winfried Kretschmann auf dem Damenfahrrad, die RAF-Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und ihre letzte Ruhestätte auf dem Dornhaldenfriedhof: Horst Rudel hat als Fotograf der Stuttgarter Zeitung Stadtgeschichte festgehalten.

Sein entscheidendes Foto macht er mit 14. Am 24. Mai 1965 besucht die Queen Stuttgart. Eine Woche vorher hat sich Horst Rudel von seinem Ersparten eine Kodak Retina gekauft. Er ist bereit. Mit seinem Jugendrad fährt er zum Fernsehturm, wo Elizabeth II. erwartet wird. Er ist viel früher da. Alles abgesperrt. Polizeibeamte. So lungert er noch eine Weile in dem Waldstück herum. „Als sie im offenen Mercedes ankam, bin ich unter dem Sperrband durch, zehn Meter vorgelaufen und hab meinen Schuss gemacht.“

 

Er lässt den Film im Fotofachgeschäft entwickeln und vergleicht das Foto mit den Queen-Bildern in der Zeitung: Seines ist eigentlich nicht schlechter, findet er. „Das war meine Erweckung, wenn man so will“, sagt Horst Rudel. Da ist so ein Vorgefühl: „Das könnte mein Beruf werden.“

Was Horst Rudel damals nicht ahnt: Er wird das fotografische Gedächtnis der Stadt einmal mitprägen. 1975 fängt er bei der Stuttgarter Zeitung an. Die sitzt damals noch im legendären Tagblatt-Turm. „Schon beim Reinkommen empfing einen der Geruch von Zink und Druckerschwärze, ich mochte das sehr. Da wusste man gleich, das ist ein grafischer Betrieb.“

50 000 Termine

Er hat mal grob überschlagen und kommt auf an die 50 000 Termine in all den Jahren. Rudel kennt jeden Winkel in Stuttgart, jedes noch so abgelegene Nest in der Region. Heute kämpft er sich durch zähen Verkehr, früher glitt er nur so über die Straßen. „Die Leute sind morgens um acht ins Geschäft gefahren, nachmittags um vier wieder heim. Dazwischen war nichts los.“

27. Oktober 1977: Auf dem Dornhaldenfriedhof werden die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe zu Grabe getragen. 1000 Besucher, 1000 Polizisten. Hochnervöse Stimmung. Rudel sucht Abstand zur Menge. Etliche Pressevertreter und RAF-Sympathisanten lassen jede Pietät vermissen. Beschämende Szenen. Doch dass die Beisetzung überhaupt stattfindet, ist auch ein Zeichen. Zuvor hat OB Rommel ein Machtwort der Menschlichkeit gesprochen: „Im Tod endet jede Feindschaft.“

Am 9. März 1984 wird die Neue Staatsgalerie eingeweiht. Joseph Beuys darf einen Raum gestalten. „Es sah ein bisschen schmuddlig aus. Manche dachten, da wird noch umgebaut“, sagt Rudel. In der Ecke ein Gebilde aus sprödem Gips und Wachs, als Hauptattraktion das Werk „Plastischer Fuß Elastischer Fuß“ aus Stahl, Gummi, mit Batterie, Luftpumpe und Zinksalbe.

Juli 1987: Die große Tour de France gastiert in Stuttgart. Die Rotebühlstraße kann zwar nicht ganz die Intensität eines Col du Tourmalet entfalten. Aber fast. Rudel bildet sie ab.

1991, Rudel hat sich inzwischen selbstständig gemacht, starten die Landes-Grünen am Cannstatter Kursaal ihre Tour „Raus und ran an die Leute“. Alle auf dem Rad. Alle ohne Helm. Hätte man damals gewusst, wie viel politisches Gewicht Winfried Kretschmann oder Fritz Kuhn noch zulegen . . . Das ist das Schöne an so einem umfassenden Fotoarchiv: Man kramt alte Bilder hervor und kann treffsicher Orakel spielen.

In den letzten Jahren zog sich Horst Rudel nach und nach zurück, machte der Tochter den Weg frei. Es sei seine Idee gewesen, dass sie mit einsteigt: „Ines, du kannst natürlich auch was anderes lernen, aber wir haben doch schon eine Firma.“

Horst Rudel, Jahrgang 1951, ist in Aidlingen geboren. 1972 begann er nach einem Fotovolontariat bei der „Filder-Zeitung“, 1975 wechselte er zur Stuttgarter Zeitung. 1990 gründete er eine eigene Agentur, blieb der Zeitung aber als freier Fotograf bis heute treu.