Die Reichsbanner-Gruppe „Gau Württemberg“ mit dem späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher (vordere Reihe, Dritter von links) und links hinter ihm Karl Molt (mit Fliege) Foto: Stadtarchiv Stuttgart/Stadtarchiv Stuttgart

Der Stuttgarter Eisenbahner Karl Molt hat in der NS-Zeit den Widerstand gegen das Hitler-Regime organisiert. Die Geschichte eines mutigen Mannes, der sich den faschistischen Machthabern nicht beugen wollte.

Der 7. März 1933 ist für den Sozialdemokraten Karl Molt der letzte Beweis dafür, dass die Nazis mit Wahlen nicht besiegt werden können. Obwohl sie in Württemberg nur ein Drittel der Stimmen erhalten, rufen die Braunen ihre Anhänger vor das Landtagsgebäude und hissen die Hakenkreuzfahne. Zwei Tage nach der Reichstagswahl wollen sie damit klarmachen, dass die NSDAP endgültig die Macht übernehmen wird. Nach einer Wahl, die schon nicht mehr demokratisch war und bei der die Nazis mit 43,9 Prozent auch reichsweit von einer absoluten Mehrheit weit entfernt sind.

 

Der damals 41 Jahre alte Karl Molt hatte seit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler immer wieder mit seinen Genossen darüber gestritten, wann man nun endlich zuschlagen solle, um die Republik und die Demokratie zu verteidigen. Dies war ihm schon deshalb eine Herzensangelegenheit, weil er einer der führenden Köpfe beim „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ in Württemberg ist, zusammen mit dem jungen Kurt Schumacher, dem späteren SPD-Vorsitzenden. Fotos von damals zeigen den schlaksigen, einarmigen Schumacher neben dem klein gewachsenen Molt mit seinem markanten, eher quadratischen Schädel.

Das Reichsbanner war 1924 gegründet worden. Von Sozialdemokraten, darunter vielen ehemaligen Soldaten, und Mitgliedern der Demokratischen Partei und des Zentrums. Ziel: die Verteidigung der Republik gegen rechts und links. Als nach den großen Wahlerfolgen der NSDAP Anfang der 30er Jahre der Straßenterror der SA zunimmt, entwickelt sich die Organisation immer mehr zu einem Wehrverband.

Treffen am Heslacher Waldheim

Karl Molt, damals hauptamtlich bei der Gewerkschaft der Eisenbahner, leitet als „technischer“ Gau- und Kreisführer die Kameradschaften der Reichsbanner-Schutzformationen in Württemberg. Ohne deren Schutz können SPD oder Gewerkschaften keine Demonstration und keine Kundgebung durchführen. Molts Männer sind uniformiert, treffen sich zu paramilitärischen Übungen – zum Beispiel auf dem Gelände des Waldheims und des Kraftsportvereins in Stuttgart-Heslach. Außerdem erlernt man den Umgang mit der Waffe. Das ist keine Besonderheit. Anderswo besitzen die Schutzformationen des Reichsbanners ebenso geheime Waffendepots. Und auch dort warten die Kameradschaften auf den Einsatz.

Als die Verfolgung der politischen Opposition nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 zunimmt, fragen sich viele Reichsbanner-Aktivisten, wie lange sie dem braunen Treiben noch tatenlos zuschauen sollen. Doch die SPD- und die Gewerkschaftsspitze zögert weiterhin. Sie warnen vor „voreiligen und darum schädlichen Einzelaktionen“.

Am 7. März 1933 will sich Karl Molt nicht mehr beschwichtigen lassen. „Als alle den Kopf verloren haben“, so Molt drei Jahre später in einem Brief an einen Eisenbahner-Kollegen, mobilisiert er 2000 republikanische Kämpfer. Die Reichsbanner-Leute holen die Waffen aus den Verstecken und beziehen in der Nacht Stellungen in den Wäldern rings um Stuttgart. „Wir wollten in dieser Nacht die Nazis aus allen von ihnen besetzten Punkten heraushauen“, schreibt Molt. Doch der Parteiführung – auch Kurt Schumacher – ist die Aktion zu riskant: Sie verweigert den Schießbefehl, so dass Molt enttäuscht den Rückzug anordnen muss. Weder in Stuttgart noch sonst wo kommt es in diesen Tagen zu einer Erhebung. Es wäre eine, vielleicht die letzte Chance gewesen.

Ein Leben im Untergrund

Viele Reichsbanner-Mitglieder und andere NS-Gegner, vor allem Kommunisten, werden in den kommenden Tagen und Wochen verhaftet und ins neu gegründete „Schutzhaft-Lager“ auf dem Heuberg bei Stetten am Kalten Markt gebracht. Karl Molt wird wegen Hochverrats und Vergehens gegen das Waffengesetz steckbrieflich gesucht. SS-Leute überfallen sein Reihenhäuschen in einer Genossenschaftssiedlung in der Sillenbucher Silberwaldstraße. Die Polizei durchsucht sein Büro im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Molt taucht unter und versteckt sich bei Freunden. Seine Frau und sein Sohn müssen aus dem halb abbezahlten Siedlungshaus ausziehen. Sogar das Konto und das letzte Gehalt werden beschlagnahmt.

Monatelang versucht Karl Molt noch aus dem Untergrund den Widerstand aufrecht- und die SPD und das Reichsbanner zusammenzuhalten. Doch die Luft wird immer dünner; schließlich bleibt nur noch die Flucht. Zunächst nach Paris, später in die Schweiz in den Kanton St. Gallen. Molt findet eine feuchte Dachmansarde in Rorschach am Bodensee. Er hat alles verloren und lebt von nun an von einer spärlichen Flüchtlingshilfe, 60 Schweizer Franken im Monat. Es gibt fast nur noch Brot und Marmelade oder Maggi-Suppen und Nudeln, zubereitet auf einem Spirituskocher.

Dabei hätte Molt einst Karriere bei der Reichsbahn machen können. Schon sein Vater war Eisenbahner. Die Familie lebte zeitweise im Gebäude des ersten Stuttgarter Hauptbahnhofs. Als gelernter Feinmechaniker – erste Arbeitsstelle bei Bosch – war Molt bei der Bahn ein gefragter Mann. Denn das Unternehmen benötigte Fachleute, die das damals noch neue Fernmeldewesen aufbauen konnten. Molt arbeitete im Bahnhof in Cannstatt, wurde Oberwerkmeister im Telegrafenbau und war bis Ende 1927 Vorsitzender des Betriebs- und Beamtenrates. Dann wechselt er als Hauptamtlicher ins Stuttgarter Gewerkschaftshaus.

Holländischer Unterstützer

Ab Herbst 1933 versucht Molt von der Schweiz aus, den Widerstand gegen das NS-Regime zu organisieren – besonders den der Eisenbahner. Sein Deckname: August Wernli. Im Sommer 1936 findet er bei einem Treffen im Bahnhof von Basel einen wichtigen Unterstützer, einen stämmigen Holländer mit markanter Löwenmähne. Es ist Edo Fimmen, der zehn Jahre ältere Sekretär der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft (ITF), die ihren Sitz in Amsterdam hat. Er hatte den Widerstand der deutschen Eisenbahner von Anfang an unterstützt.

Edo Fimmen ist Karl Molts Bruder im Geiste, der Holländer steht der Politik der SPD-Spitze ähnlich kritisch gegenüber wie er. Beide werfen ihr und den deutschen Gewerkschaftsführern vor, kampflos vor den Nazis kapituliert zu haben. Auch der Kommunistischen Partei attestieren sie Versagen, beide Parteien hätte die faschistische Gefahr unterschätzt.

Im Sommer 1937 fährt Molt nach Württemberg. Ein hohes Risiko, denn wenn er erwischt wird, droht die Todesstrafe. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz fasst er das Ergebnis der Reise so zusammen: „Es ist jetzt eine feste Verbindungslinie von mir über Friedrichshafen, Aulendorf, Ravensburg, Ulm, Plochingen, Esslingen, Stuttgart, Kornwestheim, Heilbronn hergestellt. Abzweigungen nach Aalen-Crailsheim und Tübingen bis in den Schwarzwald, wo sich Stützpunkte befinden, werden von bestimmten Genossen weiter ausgebaut.“

Ein Netzwerk entsteht

Wenig Monate später trifft er Edo Fimmen, um dem Holländer Fridolin Endraß und Jakob Müller vorzustellen, seine wichtigsten Leute im Untergrund. Beide arbeiten im Eisenbahnausbesserungswerk in der Industriestadt Friedrichshafen auf der anderen Seite des Sees. Endraß und Müller pflegen die illegalen Kontakte zu den Eisenbahnerkollegen im Südwesten, verteilen Flugschriften, die sie von Karl Molt aus der Schweiz erhalten, verfassen Berichte über militärische Geheimnisse, Truppenbewegungen und die örtliche Rüstungsindustrie.

Plötzlich wird Molt ernsthaft krank. Edo Fimmen erhöht deshalb die monatlichen Zuwendungen, die Molt für die politische Arbeit nutzt, auf 70 Franken. Er mache „keine Trennung zwischen dem, was für dich persönlich und dem, was für die Arbeit ist“, schreibt Fimmen nach Rorschach. „Nimmst du von den 70 Franken monatlich weniger für Dich, als du dringend nötig hast, dann bist du ein Esel und schadest der Arbeit, weil du deiner Arbeitskraft schadest, nimmst du aber mehr, als du nötig hast, so bist du ein Schwein.“

Langsam kommt Molt wieder zu Kräften und setzt die Arbeit fort. Doch nun gelingt es der Polizei, in die Gruppe in Friedrichshafen einen Spitzel einzuschleusen. Die Folge: Gestapobeamte stürmen das Haus, in dem die Familie Endraß wohnt und nehmen den Widerstandskämpfer und seine Frau fest. Außerdem werden 13 weitere Personen von Molts Netzwerk im Südwesten verhaftet. Fridolin Endraß wird vor den Volksgerichtshof gestellt. Die Verhandlung findet im damaligen Justizgebäude in der Stuttgarter Urbanstraße statt. Als die Richter das Urteil sprechen, tobt der Zweite Weltkrieg bereits, der Krieg, vor dem Endraß, Molt und ihre Mitstreiter gewarnt hatten. Das Gericht verurteilt Endraß wegen Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode. Seine Mitstreiter erhalten Zuchthaus- und Gefängnisstrafen. Endraß wird in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die Zeit nach dem Krieg

Die Zerschlagung seiner Gruppe ist für Karl Molt eine Katastrophe. Und wohl genauso schlimm: Die Internationale Transportarbeitergewerkschaft bricht aus Sicherheitsgründen den Kontakt zu ihm ab. Auch seine Frau trennt sich von ihm.

Selbst in der Schweiz ist er jetzt nicht mehr sicher: Er wird verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Die Auslieferung nach Deutschland wäre der sichere Tod. Doch Molt gelingt die Flucht. Bis Kriegsende kann er sich dank der Hilfe von Schweizer Freunden verstecken.

1945 kehrt Molt nach Stuttgart zurück, arbeitet wieder hauptamtlich für die Eisenbahnergewerkschaft, wird schließlich deren Bezirksleiter für Baden-Württemberg. Zur SPD, deren Mitglied er bleibt, pflegt er ein eher distanziertes Verhältnis. So stellt er selbst in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges seine Mitgliedschaft in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) nie infrage. Und dies, obwohl es bei der SPD dafür einen Unvereinbarkeitsbeschluss gibt, da die VVN kommunistisch unterwandert sei. Als Widerstandskämpfer ist Karl Molt in Stuttgart bis heute nahezu unbekannt geblieben.

Spezialist für zeitgeschichtliche Themen

Autor
Der Stuttgarter Hermann G. Abmayr, Jahrgang 1955, ist als Journalist für Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk- und Fernsehsender tätig. Die ARD-Dokumentation „Gesucht wird Josef Mengele“ (1985), für deren Recherche er zuständig war, erhielt einen Grimme-Preis.

Film
Abmayrs Artikel über Karl Molt basiert auf seinen Recherchen für die SWR-Dokumentation „Eisenbahner im Widerstand – Vergessene Gegner des NS-Regimes“. Der Film wird am 11. Oktober um 23.30 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt und ist anschließend auch in der ARD-Mediathek abrufbar. Ein Preview findet am 9. Oktober um 13.30 Uhr im Stuttgarter Kino Atelier im Bollwerk (Hohe Straße 26) statt.