Nicht bequem, aber trocken: eine Zeichnerin in der Telefonzelle Foto: Susanne Müller-Baji

Die Stuttgarter Urban Sketchers sind auf dem Pragsattel zusammengekommen. Mit dem Zeichenstift erkunden sie die Gegend.

Stuttgart - Der Pragsattel an einem grauen Sonntagnachmittag: Es gibt lauschigere Winkel, aber in diesem Moment keine spannenderen: Die Zeichner der Stuttgarter Urban Sketcher (Stusk) schützen ihre Skizzenbücher so gut es eben geht gegen den Regen und machen sich unverzagt an die Arbeit: Rundherum lärmt der Großstadtverkehr, über ihnen ragt der Hochbunker auf, landläufig auch „Bosch-Turm“ genannt: „Wo ist der Schriftzug geblieben“, fragt eine Zeichnerin. „Schon eine ganze Weile weg“, antwortet eine andere.

Schriftzüge, Graffiti, Verkehrsschilder sind wichtig für die Urban Sketcher: Sie dokumentieren in ihren Zeichnungen Ort und Zeit, als eine Art visuellen Journalismus. Aktuell zählt die 2007 im amerikanischen Seattle ins Leben gerufene Urban Sketching Bewegung rund 180 Gruppen in aller Welt, die alle gut miteinander vernetzt sind. Man reist zu internationalen Symposien und zelebriert zeichnerisch die Gemeinsamkeit, auch wenn die Welt politisch immer mehr in nationale Interessen zerfällt.

Jeweils am ersten Sonntag des Monats lädt die Stusk-Gruppe im Großraum Stuttgart zu ihren „Sketchcrawls“ ein, also zum „Zeichenkrabbeln“. Die Details werden zuvor per E-Mail und über Facebook bekannt gegeben. Das Tolle daran: Die Treffen stehen allen offen, dem professionellen Künstler wie dem interessierten Laien.

Zeichnungen sind dem Foto einen Schritt voraus

„Man lernt schnell Gleichgesinnte kennen“, sagt es Bärbel Clemens: Sie ist am Tag zuvor aus Wiesbaden gekommen, gehört den Urban Sketchers Rhein-Main an und ist zu Besuch bei einer Stusk-Zeichnerin. Ihrer Erfahrung nach gibt es kaum eine bessere Methode, einen neuen Ort kennenzulernen.

Auch wenn die meisten Menschen eher zur Handykamera greifen würden, die Zeichnung ist dem Foto einen entscheidenden Schritt voraus: Sie zwingt dazu, sich zu konzentrieren und sich ganz auf die Umgebung einzulassen. Nach und nach „erzeichnet“ man sich so seine Stadt; auch im Chinesischen Garten in Stuttgart-Nord ging Stusk bereits ans Werk: „Bei den Sketchcrawls entdecke ich Stellen, die mir sonst verborgen geblieben wären“, sagt der Ludwigsburger Thomas Bickelhaupt, einer der Organisatoren von Stusk.

Auf das Zeichnen folgt beim Sketchcrawl der Austausch: Über Erlebtes, über ungewöhnliche Perspektiven und über die unterschiedlichen Techniken. Denn jeder hat seine eigene Herangehensweise und gerade Laien können dabei viel lernen: Der eine schwört auf seinen speziell zusammengestellten Reiseaquarellkasten, der nächste skizziert mit Bleistift, während der dritte einfach beherzt mit Tusche und Feder loslegt. Eine Teilnehmerin verwischt die mit wasservermalbaren Buntstiften angelegten Farbakzente, die sie mit den wetterbedingt ohnehin feuchten Fingerspitzen verwischt: „Ich habe meine Pinsel vergessen, aber heute ist ja ohnehin viel Grau mit ganz wenig Farbe.“

Normalerweise zeichnet man zwei Stunden lang, an diesem subpolaren Mai-Tag belässt man es bei einer Stunde. „Zum Glück“, seufzt eine Teilnehmerin: Sie hatte in einer Telefonkabine gezeichnet: „Furchtbar unbequem!“ Aber trocken.

Jeder nimmt etwa anderes wahr

Bei der anschließenden Zusammenkunft am Kiosk wird verglichen: Ein Teilnehmer hat zur Zeichnung quasi die Tonspur notiert: „Fahrgeräusche auf nasser Fahrbahn, Polizeisirenen; auch die Vögel melden sich.“

Thomas Bickelhaupt wird zu Hause in Ludwigsburg noch einen plakativen ­Unwetterhimmel einfügen. Es zeigt sich: Jeder hat an diesem verregneten Nach­mittag etwas anderes wahrgenommen – aber jeder für sich hat den wahren Pragsattel gesehen.

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