Der Stuttgarter Karl Adler war einer der bedeutendsten Musikpädagogen der Weimarer Republik. Dann geriet er ins Visier der Nazis, denen er sich durch Flucht entziehen konnte. Er starb vor 50 Jahren in seiner zweiten Heimat Amerika.
Karl Adler ist heute noch präsent in Stuttgart – und doch kaum bekannt. Die Israelitische Kultusgemeinde ehrt ihn jährlich mit einem internationalen Jugendwettbewerb. 1990 benannte die Stadt eine Staffel unweit seiner ehemaligen Wirkungsstätte am Herdweg nach dem Musikpädagogen. Wer war dieser Mann, der vor 50 Jahren gestorben ist?
Adler wird am 25. Januar 1890 in Buttenhausen bei Münsingen geboren, einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb mit einer großen israelitischen Kultusgemeinde. Karls Eltern betreiben ein Putz- und Manufakturwarengeschäft. Die jüdische Kultur prägt den hochtalentierten jungen Sänger und Musiker.
Im Ersten Weltkrieg wird er als Artillerieoffizier schwer am Kopf verwundet und kehrt traumatisiert von der Front zurück. Seine Schaffenskraft ist ungebrochen. Gleich nach dem Krieg bereitet er die Gründung des Neuen Konservatoriums für Musik vor, eine bald viel beachtete und erfolgreiche Bildungsinstitution in privater Trägerschaft. Dann, in der Blütezeit der Einrichtung, kommen die Nazis an die Macht.
Antisemitische Gewalttaten
Die Chronologie des Niedergangs ist in Adlers schriftlichem Nachlass im Archiv des Leo-Baeck-Instituts in New York nachzulesen. Die Dokumente belegen eindrücklich, wie schnell das Gift des Antisemitismus und die Rassenideologie eine wichtige kulturelle Institution Stuttgarts zerfressen.
Die Aggression der Nazis gegen Karl Adler beginnt gleich mit einem Angriff auf Leib und Leben. Am 13. März 1933 gegen 21 Uhr wird er von drei Maskierten überfallen und durch einen Schlag mit einer Stahlrute auf den Kopf schwer verletzt. Dieselben Täter haben in diesen Tagen wahrscheinlich noch zwei andere prominente Stuttgarter Juden angegriffen: Georg Weinstein, der Geschäftsführer des Kaufhauses Tietz, und Medizinalrat Emanuel Weil, der schließlich an den Folgen des Angriffs stirbt. Dass es sich dabei um antisemitische Gewalttaten handelt, ist schon damals unbestritten.
Die Täter, gerüchteweise eine Bande aus Heilbronn, werden nie ermittelt. Dagegen wird Karl Adler noch im Laufe seiner Behandlung im Stuttgarter Katharinenhospital „zum Schutz seiner Person“ in Haft genommen.
Eindeutige Rechtslage?
Bei einer Sitzung des Vorstands des Neuen Konservatoriums am 24. März 1933 erklärt der Ministerialrat Frey vom damals so genannten Kultministerium Württemberg, Adler könne nicht auf seiner Position bleiben, weil er ein Jude sei. Das Gegenargument des Vorstandes, dass das Konservatorium als eingetragener Verein juristisch allein über Personalfragen entscheiden könne und müsse, wischt Frey zur Seite. Die Rechtslage sei zwar „unzweideutig“, aber „in Zeiten der Revolution werde sie eben möglicherweise doch nicht anerkannt“. Der Anschlag auf Karl Adler wird von der Kultusverwaltung als „Unfall“ heruntergespielt.
Zwei Tage nach der Attacke erscheint der Schneidermeister und SA-Mann Fritz Meininger aus der Silberburgstraße, ein ehemaliger Schüler des Konservatoriums, beim Zweiten Vereinsvorsitzenden Bäuerle und beschuldigt Adler persönlich sowie auch das Konservatorium als Institution. Es herrsche dort „eine ganz schwüle Atmosphäre“. Wenn man Genuss haben will, so heiße es, muss man nur ins Konservatorium gehen, trägt Meininger vor. Das habe zwar nichts mit „dem Juden Adler“ als solchem zu tun, dennoch fordert Meininger: „Mit Adler müssen auch die weiblichen Angestellten im Geschäftszimmer verschwinden.“
Adler wird wegen Missbrauchs angezeigt
Bäuerle weist alle Vorwürfe zurück. Doch der SA-Mann droht laut Bäuerles Gesprächsprotokoll: „Es täte ihm leid, wenn er in einigen Tagen als Braunhemd vor mir stehen und mir befehlen müsse. Denn in kurzem werde in Deutschland nicht mehr verhandelt, sondern befohlen.“
Wenig später wird Adler von einem Major a. D. Kolhorn wegen Missbrauchs angezeigt. Er beziehe sich dabei nicht auf eigene Erkenntnisse, erläutert der Major, sondern auf diffuse Anschuldigung eines Denunzianten, den er nicht preisgeben wolle. Vorsichtig bezeichnet er die Vorwürfe als „Gerücht“. Beweise hat er keine.
Der Schluss, dass Fritz Meininger der Denunziant ist, liegt für den Vorstand des Konservatoriums auf der Hand. Der Landgerichtsrat Dill vom Stadtkommissariat Stuttgart erklärt, Fritz Meininger sei vor den zuständigen SA-Führer geladen, dort werde man ihm das Nötige sagen.
Ablehnung mangels Zuständigkeit
Zur eigenen Entlastung beantragt Adler beim Kultministerium eine Untersuchung. Diese wird mangels Zuständigkeit für eine private Anstalt abgelehnt. Als der Präsident des Konservatoriums, Karl von Bälz, auf die Untersuchung besteht, wird er vom Ministerialdirektor Meyding abgekanzelt, von Bälz sei „mit den neuen Verhältnissen noch nicht im Bilde“.
Nach seiner Genesung tritt Adler seine Stelle wieder an. Am 25. April 1933 ruft Meyding bei Bälz an: Der württembergische Kultminister Christian Mergenthaler habe befremdet erfahren, dass Adler wieder im Dienst sei. Mergenthaler ist NSDAP-Mitglied seit 1922 und ein fanatischer Nazi, was nicht nur dessen Zitat aus dem Jahr 1935 belegt: „Wir müssen von Schulleitern und Lehrern verlangen, dass sie nicht bloß Dulder, sondern fanatische Kämpfer für den Nationalsozialismus sind. Die Partei muss ihren Rassestandpunkt mit Bestimmtheit durchführen.“
Keine Verfügung, sondern eine Warnung
Mergenthaler weist Adler auf Gefahren hin, denen er sich aussetze – mit dem perfiden Zusatz, dies sei keine amtliche Verfügung, sondern eine auf eigener Kenntnis beruhende Warnung. Am 28. April schließlich teilt der Ministerialrat Frey mit, Mergenthaler habe auf Adlers Ansuchen einen Genesungsurlaub bewilligt. Eine glatte Lüge. Die Beurlaubung geschah keineswegs freiwillig, sondern „unter dem Zwang der Verhältnisse“, wie der Vereinsvorstand betont.
Der Einspruch des Betriebsrates wird vom Ministerium zurückgewiesen – wieder unter Verweis auf dessen Unzuständigkeit. Bei einer Sitzung des Schüler- und Elternausschusses des Konservatoriums am 20. Mai 1933 stellt sich das Gremium klar hinter Adler. Präsident von Bälz setzt sich beim Minister erneut für ihn ein. Er beruft sich auf die gesetzliche Ausnahmeregelung für jüdische Frontkämpfer, die vorläufig Beamte bleiben durften, was nach Bälz doch noch mehr für Angestellte gelten müsse. Aber er bekommt eine Abfuhr. Karl Adler sei für das Ministerium untragbar, heißt es.
Am 28. Juli 1933 schreibt die Abendausgabe des „Stuttgarter Tagblatts“: „Auf Wunsch und mit Zustimmung des Kultministeriums und der Stadtverwaltung Stuttgart hat der Verein zur Förderung der Volksbildung beschlossen, das Konservatorium für Musik als Abteilung des Vereins weiterzuführen (. . .). Mit der Leitung des Konservatoriums wurde Musiklehrer Gansser, Cannstatt, dem der Ruf eines ausgezeichneten Musikpädagogen, Komponisten und Konzertsängers vorausgeht, beauftragt. Gansser hat sein neues Amt bereits übernommen.“
Adler setzt sich für die Stuttgarter Juden ein
Im Beirat des inzwischen gleichgeschalteten Vereins zur Förderung der Volksbildung sitzen neben Vertretern der nationalsozialistischen Behörden auch Vertreter der Stuttgarter Hochschule für Musik, des NS-Lehrerbundes sowie des Kampfbundes für Deutsche Kultur. “
Karl Adler setzt sich nach seiner Entlassung 1933 konsequent in verschiedenen Positionen für den Schutz Stuttgarter Juden ein. 1938 wird er Leiter der Zentralstelle für das Jüdische Vereins- und Veranstaltungswesen. Das herrschende Klima in der vormals renommierten jüdischen Stuttgarter Musikkultur zeigt ein Artikel in der Morgenausgabe des „Stuttgarter Neuen Tagblatts“ vom 16. November 1939. Es geht um einen Vortrag des Komponisten Adolf Seifert: „Die Meinung, Musik sei unabhängig von Volk und Rasse und international, ist ein Grundirrtum, den es zu beseitigen gilt. Wohl gab es Zeiten, wo Völker sich in der Art ihrer Musikschöpfung ähnlich waren. Das lag aber daran, dass die nordische Rasse als Oberschicht eine rassische Brücke bildete. Diese Brücke blieb nicht dauernd, eine Entfremdung bildete sich zwischen anderen Völkern und uns, die wir in der Musik durch unseren hohen nordischen Blutsanteil führend werden.“
Trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, die ihm die Nazis machen, rettet Adler vielen Juden das Leben, bevor er 1939 selbst in die USA flieht. Dort kann er 1946 wieder als Musikprofessor tätig werden. Er ist Mitgründer der jüdischen Universität Yeshiva in New York. Nach dem Krieg macht sich Adler in zahlreichen Deutschlandbesuchen für eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden stark. In Buttenhausen und im Samariterstift Grafeneck setzt er sich maßgeblich für den Bau der Gedenkstätten und für den Wiederaufbau der zerstörten Synagoge ein. Er stirbt am 10. Juli 1973 in Leonia, New Jersey.