Der Stuttgarter Galerist Rainer Wehr macht Schluss Rainer Wehr: „Ich gehe ohne Fest“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Er gehört dazu. Schon immer. Und doch hört der Stuttgarter Galerist Rainer Wehr auf. Warum? „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer hat nachgefragt.

Stuttgart - „Ich habe es ja nicht verheimlicht.“ Stimmt. Im Spätherbst vergangenen Jahres hatte Rainer Wehr „zur vorletzten Ausstellung der Galerie“ eingeladen. Aber was heißt das schon bei einem, der seit vier Jahrzehnten den Kunststandort Metropolregion Stuttgart mitprägt – kritisch, entdeckend, anschiebend, vermittelnd, verkaufend.

Am 30. Juni ist Schluss

„Zu schade für die Lade“ ist die Schau ­betitelt, viel Feines ist tatsächlich zu entdecken – und Rainer Wehr bleibt dabei: „Am 30. Juni ist Schluss“. Die Kunstbühne in der Alexanderstraße 53 wird Geschichte. „Ich gehe ohne Fest“, sagt Wehr, „die Galerie ist dann einfach zu“.

Letzte Eröffnung am 17. April

Einmal aber wird es noch eng werden in der „als Ort der Kommunikation“ einst bewusst gewählten Ladengalerie: „Zur letzten Ausstellung der Galerie Rainer Wehr sind Sie herzlich eingeladen“, schreibt Wehr ­lapidar. „Schaulager“ wird die Schau ­heißen, „Bilder und Objekte aus 38 Jahren“ bieten. Am 17. April um 20 Uhr wird die ­Eröffnung sein – „wie immer an einem Dienstag“.

Die ironische Distanz im Ton ist dabei durchaus ­gewollt. Jedoch: „Bitter aber soll das nicht klingen“, sagt Rainer Wehr. Überhaupt habe seine Entscheidung nichts mit den Diskussionen um den Kunststandort Stuttgart und den kaum auszugleichenden Standort­wechsel von Führungsfiguren wie Sandro Parrotta (nach Köln und Bonn) und Klaus Gerrit Friese (nach Berlin) beziehungsweise die Aufgabe der Galeriearbeit (Angelika Harthan, Franke) zu tun. „Aus dieser ­Diskussion halte ich mich völlig raus“, sagt Rainer Wehr.

Galerie ist für Wehr ein Kommunikationsort

Stattdessen? „Ich werde am 28. August 70 Jahre alt“, sagt er – „und das reicht“. Und er ergänzt: „Meine Enkel fordern mich mehr als die Kunstszene“. Ein Wehr-Satz. Leise formuliert, aber doch mit gewissem Genuss. „Mehr aber will“ Rainer Wehr „wirklich nicht sagen“.

Zur Galeriesache an sich schon. „Die ­Galerie als Kommunikationsort steht nicht mehr im Zentrum“, stellt er fest und bestätigt , dass die Zahl der Besucher „dramatisch eingebrochen“ sei.

Kunst soll nicht elitär sein

Besucher – das waren und sind für Wehr „immer auch Gesprächspartner“. „Natürlich“ habe ihn dies, geprägt durch den ­Aufbruchsgeist der 1968er Jahre, „besonders interessiert“. Deshalb auch die ­Ladengalerie, schon vor und an der Türe das Signal, dass Kunst „eben nicht elitär ist“. „Ich wollte und will, dass die Leute ohne Vorwissen in die Kunst einsteigen können“, sagt Wehr. Würde er es wieder machen? ­„Natürlich“, sagt Rainer Wehr. „Es macht einfach Spaß, selbst ein Programm ­entwickeln, aufbauen und realisieren zu können“.

Auch die „vielen interessanten Begegnungen“ will Wehr nicht missen. Und letztlich wohl auch und gerade nicht jene Jahre, in denen er mit seinen Künstlerinnen und Künstlern wie selbstverständlich auch die überregionale Kunstlandschaft mitprägen kann. „Sicher“, sagt Wehr, „die Erfolge bei der Kölner Messe ­gehören dazu“.

Die Eigendynamik der Bedeutung von Messen für den Erfolg von Künstlerinnen und Künstlern aber sieht Rainer Wehr zugleich mit Sorge: „Hier kommen die Galerien zunehmend in ein Dilemma“, sagt er. Wer für die Sammler interessant bleiben wolle, ­müsse sehr viele Messen besuchen – „honorieren aber sollte man doch die eigentliche Galeriearbeit“.

Eigene Kunstsicht

Für Rainer Wehr hieß und heißt dies: Künstlerinnen und Künstlern Rückenwind zu geben, „die gegen den Strom schwimmen“. ­Holger Bunk und Jörg Eberhard etwa, aber auch der im vergangenen Jahr überraschend gestorbenen Bühnen- und Objektkünstlerin Rosalie als Malerin. Eine eigenwillige Kraft der Stille verbindet zudem das Schaffen ­ von Romane Holderried ­Kaesdorf, ­Peter Dreher, Michael Munding und des nun zu Recht viel gefragten Peter Holl.

Auftakt 1980 mit Rupprecht Geiger

Programmatisch ist in diesem Sinn schon die erste Ausstellung der 1980 neuen Galerie ­Rainer Wehr: Sie gilt Rupprecht Geiger. Für den Düsseldorfer ist Farbe „Element“ und Inbegriff von Malerei. Beides, Malerei und Farbe, sieht Wehr, wie unser Kritiker Rainer Vogt 2015 skizziert, seinerzeit vernachlässigt. An der Düsseldorfer Akademie selbst ­Schüler bei Joseph Beuys und Karl Otto Götz, „hält Wehr die unmittelbare Wahrnehmung alles Sicht­baren für unverzichtbar“, so Vogt. Gerade ­Malerei wird für Wehr ein nicht endendes Abenteuer immer ­wieder ­anders und neu gesehener und interpretierter Welt.

Immer wieder Künstler-Entdeckungen

Entdeckungen gehören dazu – Tim Eitel, Mona Ardeleanu, Philip Loersch, die bis heute unterschätzte Emel ­Geris oder ­Tobias Wyrzykowsky. Manche Wege trennen sich – „das gehört zur Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern“, sagt Wehr nüchtern. Und fügt hinzu: „Leider auch das Vergessen“. Und so streitet er ­anhaltend nicht zuletzt für das Werk von Friedrich Sieber (mit Georg Karl Pfahler 1955 Gründungsmitglied der mit der Durchsetzung der Farbfeldmalerei in Deutschland gleichzusetzenden Gruppe 11) und von Petr Hrbek.

In den Wogen der späten 1980er und ­frühen 1990er Jahre ist Rainer Wehr einer der engagiertesten in seiner und für seine Zunft. Mitbegründer des Galerienrundgangs Art Alarm, Mitbegründer des Landesverbandes der Galerien, tätig zudem in „allen kunstpolitischen Gremien“ – die Liste ist lang.

Was wird bleiben? „Die Kunst natürlich“ , sagt Wehr. „Und der Dialog“. Schließlich „gehen Beratung und Vermittlung unter gleicher Telefonnummer weiter“. 07 11 / 24 26 72 also. „Noch aber ist die Türe offen“. Eine Einladung. eine Aufforderung.

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