Er war an Corona erkrankt und ist spät zum Team gestoßen – doch Toni Kroos ist weiter von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Im Interview sagt er, worauf es für das deutsche Team bei der EM 2021 ankommt.
Seefeld - Toni Kroos hat fast alle großen Titel gewonnen, die es als Fußballer zu gewinnen gibt – die EM-Trophäe fehlt dem Weltstar von Real Madrid noch. Vor dem Turnier spricht der Mittelfeldmann im Interview über seine Ziele.
Herr Kroos, Sie sind vor einer Woche nach Ihrer Corona-Erkrankung und dem Ablauf der Quarantäne zur Mannschaft gestoßen. Die einfachste, aber wichtigste Frage vorneweg: Wie geht es Ihnen?
Sehr gut! Es gibt keine Einschränkungen hier für mich, und ich kann seit ein paar Tagen voll mit der Mannschaft trainieren. Wir haben ja am vergangenen Montag, als ich aus Madrid gekommen bin, alle Tests gemacht – und dabei fast noch ein bisschen mehr als nötig, um ganz sicher zu gehen, dass nicht nur Sport, sondern auch Leistungssport bei mir möglich ist.
Wie war die Gefühlslage, als Sie in Madrid die Nachricht vom positiven Coronatest bekamen?
Ich war nicht mehr sonderlich überrascht. Ein Mitarbeiter bei uns zu Hause war positiv, dann meine Frau – und, na ja, da konnte ich mich darauf einstellen, dass ich es auch bekomme, weil der Abstand zu meiner Frau überraschenderweise nicht allzu groß war (lacht). Ich hatte aber zum Glück einen vergleichsweise milden Verlauf. Ich hatte ein bis zwei Tage lang Fieber, war zwei bis drei Tage platt, und dann ging es wieder. Und ich konnte dann daheim, bevor mein Test negativ war und ich zum Team reisen durfte, schon wieder laufen und Sport machen.
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Und haben so alleine die EM-Mission gestartet. Jetzt sind Sie seit einer knappen Woche im Kreise der DFB-Elf. Mit welchen Erwartungen und Zielen gehen Sie ins Turnier?
Ich glaube, uns bleibt nichts Anderes übrig, als sofort voll da zu sein. Wir können nicht einfach mal so ins Turnier kommen, denn wir spielen gleich am Anfang gegen Frankreich, den Weltmeister, und damit gegen den wohl größten Titelfavoriten. Da bringt es nichts, jetzt über irgendwelche Ziele zu sprechen. Unser Anliegen muss es sein, im ersten Gruppenspiel zu überzeugen – wenn wir nicht gut anfangen, dann kann es schnell vorbei sein.
Wie Toni Kroos den Bundestrainer erlebt
Das will auch Joachim Löw nicht – wie erleben Sie den Bundestrainer vor seinem letzten großen Turnier?
Er ist top motiviert und sehr aktiv in den Trainingseinheiten. Er korrigiert immer wieder und ist vielleicht auch einen Tick emotionaler als sonst. Es ist auch für ihn etwas Besonderes, wenn es in ein Turnier geht. Es ist ein Unterschied, ob man sich darauf vorbereitet oder auf ein Freundschaftsspiel. Das merkt man.
Sie haben Joachim Löw nun mehr als zehn Jahre lang als Bundestrainer erlebt, Sie sind gemeinsam durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Was wünschen Sie ihm für die Zukunft, und wie hat sich Ihr Verhältnis entwickelt?
Also erst einmal wünsche ich ihm eine erfolgreiche EM, das ist ja klar. Wir hatten von Anfang an ein gutes Verhältnis, und bis heute haben wir ein großes Vertrauensverhältnis. Aber es ist ja nicht so, dass mir zu Beginn etwas geschenkt wurde in der DFB-Elf. Ich hatte auch erst einmal ein oder zwei Jahre, in denen ich beißen musste. Wenn man neu dazukommt als junger Spieler, ist es normal, dass man sich hinten anstellt.
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Dann hat Joachim Löw aber meist bedingungslos auf Sie gesetzt – sind Sie ihm dankbar?
Man muss das ja schon mal sehen: Ich habe über mehr als zehn Jahre hinweg alle meine Länderspiele unter einem Trainer gemacht. Das ist etwas Besonderes, wenn man mal nach links und rechts schaut zu anderen Nationen. Von daher denke ich, dass der Bundestrainer und ich uns gegenseitig dankbar sein können: ich ihm für sein Vertrauen über all die Jahre – und ich glaube, auch er ist relativ froh darüber, dass ich ihm mit vielen Leistungen dabei geholfen habe, dass er als Bundestrainer eine gute Geschichte hat. Es war also immer eine Win-win-Situation. Aber es geht hier um Fußball, und da können wir uns hinterher alle über diese Dinge freuen. Jetzt, bei der EM, brauchen wir Leistungen und Ergebnisse, alle zusammen.
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Auf Ihrer Position im zentralen Mittelfeld tummelt sich, sofern alle Spieler fit sind, die Konkurrenz. Es gibt neben Ihnen Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und auch Florian Neuhaus, der zuletzt überzeugte. Fürchten Sie eigentlich um Ihren Stammplatz, oder sagen Sie sich, dass seit vielen Jahren – auch beim Trainer – bekannt ist, was Sie können?
Also erst einmal bin ich hier nicht der Trainer, wie man ja weiß, und ich habe mich auch selbst nie aufgestellt. Das war immer der Trainer, und das ist von mir auch immer mit Leistung untermauert worden. Mir geht es hier vor der EM auch nicht um die ganzen letzten Jahre. Mir reicht es, wenn man auf meine letzte Saison schaut. Und da komme ich, glaube ich, aus einem guten Jahr mit Real Madrid.
So denkt Toni Kroos über seine Konkurrenten
Dennoch: Joachim Löw hat neben Ihnen viele Optionen im Mittelfeld.
Ja, und darüber sollten wir uns doch freuen und nicht ein Problem daraus machen. Denn ich glaube, wir hatten hier auch Zeiten, da hätten wir uns gefreut, wenn wir zwei gute Mittelfeldspieler gehabt hätten. Von daher ist es doch gut so, wie es jetzt ist. Und es ist gut, dass wir, auch mit Blick auf das gesamte Turnier, in dem vieles passieren kann, viele Optionen haben. Und wissen Sie, um den Fußball mache ich mir eh selten Sorgen – ich fühle mich gut.
Die Zeit rund um so ein großes Turnier ist ja immer auch die Zeit der sogenannten Experten und der Kolumnisten. Einige von ihnen haben Sie als möglichen Problemfall für Joachim Löw ausgemacht, weil Sie als etablierter Weltmeister jetzt eben so eine starke Konkurrenz im Mittelfeld haben. Wie denken Sie darüber?
Ach, es es gibt immer viele Expertenmeinungen rund um jedes große Turnier. Das ist auch alles okay, davon lebt der Fußball ja auch. Aber ich kann mich jetzt hier nicht um jeden und um jede Meinung kümmern (lacht).
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Dafür beschäftigen Sie sich sicher auch mit der großen Frage, wie die deutsche Elf auflaufen soll in der Abwehr – also mit einer Viererkette oder einer Dreierreihe, die bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferreihe wird. Was wollen Sie?
Diese Frage ist für mich nicht entscheidend. Viel wichtiger als die Systemfrage ist es doch, dass sich jeder Spieler wohl fühlt auf dem Platz. Dass jeder weiß, was er zu tun hat. Eine taktische Grundformation ist immer nur das, wie man startet in ein Spiel, wie man also in gewissen Situationen stehen will. Die Interpretation dieser Taktik ist immer das entscheidende.
Worauf kommt es an?
Jeder Spieler muss seine Aufgaben kennen und sie umsetzen. Also: Wen muss ich wann anlaufen bei gegnerischem Ballbesitz? Wo muss ich sein, wenn wir den Ball haben? Und in welche Räume muss ich starten? Solche Dinge sind am wichtigsten – nicht das System.