Andreas Wellinger will seine Leidenszeit beenden. Während seiner Verletzungspause sowie einer Formkrise hat der Doppel-Olympiasieger im Skispringen viel über sich selbst gelernt.
Stuttgart - Es kann passieren, dass man sich 20 Jahre älter fühlt, als man ist. Nach einer durchzechten Nacht oder nach einer Reise um die halbe Welt ohne Pause. Andreas Wellinger kennt diesen Zustand. „Gefühlt bin ich 14 Jahre alt, körperlich allerdings 44“, sagt der Mann aus Traunstein. Sein biologisches Alter beträgt 26, es liegt zwischen den gefühlten Jahren. Im Geiste ist der Skispringer mitunter ein Teenager mit einem Schalk im Nacken, er lacht viel und albert auch mal. Seine Knochen und Muskeln haben ihm aber schon oft deutlich vermittelt, dass es hart sei, dieses Runterfahren von Schanzen und mit den Flügen über 100 Meter. „Ich habe noch Spaß am Sport, sehr großen Spaß“, sagt Andreas Wellinger, womit die Frage nach dem Karriereende beantwortet ist.
Es hätte aber passieren können. Der Skispringer ist in seinem Leben hoch und weit geflogen, und man könnte meinen, er sei dabei wie Ikarus der Sonne zu nahe gekommen – tief ist Wellinger abgestürzt und hart gelandet. Mit 19 wurde er mit der Mannschaft Olympiasieger in Sotschi, 2018 in Pyeongchang sprang er zu Einzel-Gold auf der Normalschanze, holte zudem Silber auf der Großschanze sowie mit dem Team. Danach fiel der Oberbayer aus allen Wolken in ein tiefes, dunkles Loch. Und dort saß er lange fest.
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Bei der WM 2019 und im Weltcup blieb er weit hinter den Erwartungen, im Sommer stoppte ein Kreuzbandriss sämtliche Bemühungen um Anschluss. Es folgte im März 2020 ein Schlüsselbeinbruch, den sich der Zollbeamte vom Surfen in Australien als Souvenir mitgebracht hatte. Im Winter 2020/21 war die Form weg, die einstige Klasse war nur noch in der Erinnerung vorhanden – der Doppel-Olympiasieger musste froh sein, wenn er überhaupt die Qualifikation im Weltcup überstand und im Wettkampf auf die Schanze durfte. Bestes Ergebnis war Platz 32 in Engelberg, null Weltcup-Punkte – die Höchststrafe. „Die vergangenen zwei Jahre waren wirklich kein Zuckerschlecken“, erzählt Wellinger, „umso motivierter war ich diesen Sommer, umso mehr freue ich mich, wieder beim Team zu sein.“
Doch ob der 26-Jährige zur deutschen Weltcup-Truppe zählt, steht noch nicht fest. Bis zum Saisonstart am 20. November in Nischni Tagil in Russland lautet die Aufgabe für Bundestrainer Stefan Horngacher „Aus acht mach sechs“. Acht Springer stehen in der Lehrgangsgruppe 1a des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), der allerdings nur sechs Startplätze im Weltcup besitzt. Wellingers Kollegen und Konkurrenten sind Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Severin Freund, Constantin Schmid, Stephan Leyhe, Martin Hamann und Pius Paschke. „Es wird einen harten Qualifikationsmodus geben“, verspricht Horngacher, „Andreas ist auf einem guten Weg. Ich bin guter Dinge, dass man ihn wieder in der Weltspitze sehen wird.“ Eine Freikarte für den Weltcup sind diese Worte allerdings nicht.
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Der Rückkehrer hat in seiner unfreiwilligen Abstinenz viel über sich selbst erfahren, hat sich einen neuen Blickwinkel auf seinen Job angeeignet. Wellinger hat erkannt, dass er verkrampft aufs Comeback hinarbeitete, dass er „wie ein Roboter“ die Sprünge „wie unter Zwang“ bewältigt habe, dass ihm dabei „das nötige Feingefühl und die wichtige Leichtigkeit“ abgegangen seien. Lange musste er seinen persönlichen Reset-Knopf suchen, im vergangenen Winter hat er ihn gefunden. „Ich bin jetzt nicht mehr der Andi Wellinger, der ich mit 18 oder mit 21 Jahren war“, betont er. Reife ist nicht immer lediglich eine Frage des Lebensalters, sondern vielmehr der eigenen Geschichte.
Der Weg zurück nach oben ist lang für den Vierschanzentournee-Zweiten von 2018, ein verlockendes Ziel wartet auf ihn: die Olympischen Spiele in Peking 2022, er könnte bei den dritten Spielen in Folge eine Medaille gewinnen. Doch das ist Zukunftsmusik. „Es ist ein Privileg, dabei sein zu dürfen“, sagt er, „ich weiß, dass es nicht zwingend so kommen muss.“ Ein Ziel, für das es sich im Training zu schinden lohnt, dass Knochen und Muskeln schmerzen. Sollte Andreas Wellinger an den Skisprung-Wettbewerben in Peking teilnehmen und sich danach am 15. Februar wie ein 50-Jähriger fühlen, dann hoffentlich nur deshalb, weil er eine stimmungsvollen Partynacht hinter sich hat.