Die Ehe ist noch immer ein Dauerbrenner. Warum? Das erfahren sie in diesem Artikel Foto: Marco/Fotolia

Obwohl gesellschaftlich längst nicht mehr notwendig, ist die Mehrheit der Deutschen verheiratet. Oft ist dabei viel weniger Liebe im Spiel als man denkt.

Stuttgart - Auch wenn über einen langen Zeitraum gesehen die Zahl der Eheschließungen rückläufig ist: Geheiratet wird weiterhin. 2013 taten es 373 655 Paare. Für jedes sechste Gespann war es nicht die erste eigene Hochzeit. Die ledigen Bräute waren durchschnittlich 30,9 Jahre alt, die ledigen Bräutigame verfügten über 33,6 Jahre Lebenserfahrung. Vor 24 Jahren, also kurz nach der Wiedervereinigung, waren Braut und Bräutigam im Schnitt fünf Jahre jünger.

Die Zahl der Hochzeiten nimmt ab – wenn auch langsam

Hochzeitszahlen Ein weiterer Blick zurück: 1991 wagten 80 626 Paare mehr den Schritt in eine Ehe. Bei einer Einwohnerzahl von gegenwärtig etwa 80,9 Millionen und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Differenz aber nicht alarmierend, obwohl die Zahlen eine abnehmende Tendenz anzeigen.

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg sieht die Ehe langfristig nicht vor dem Aus. Dort heißt es: „Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass die Bereitschaft zu einer Heirat künftig weiter zurückgehen wird, wird die Ehe zweifelsohne auch in den nächsten Jahrzehnten die häufigste Form des Zusammenlebens bleiben.“

Und wie sieht es mit der Haltbarkeit heutiger Ehen aus? Die statistisch fundierte Prognose lautet: 36 Prozent aller frisch Vermählten werden sich im Lauf der nächsten 25 Jahre vor dem Scheidungsrichter wiederfinden. Die Mehrheit jedoch feiert zumindest Silberhochzeit.

Die Ehe ist ein seltsam Ding, denkt mancher und heiratet trotzdem

Warum aber hält der moderne Mensch, der in seinem Privatleben so viel darf und nur zu wenig verpflichtet ist, überhaupt an der Ehe fest? Nach einer TNS-Emnid-Umfrage im Auftrag des evangelischen Magazins „Chrismon“ war der am häufigsten genannte Heiratsgrund: „Um meinem Partner/meiner Partnerin vor Zeugen meine Liebe zu versprechen“. Ihm stimmten 60 Prozent zu.

40 Prozent meinten, im Falle eines Unglücks besser abgesichert zu sein. 36 Prozent waren der Ansicht, andernfalls keine richtige Familie­ zu sein. Je 30 Prozent nannten Steuervorteile und Gottes Segen als Motive. Weitere 24 Prozent äußerten die Hoffnung, dass man sich als Ehepaar weniger leicht trennt. 18 Prozent ließen sich von der Aussicht auf ein Fest lenken. „Ich würde nie heiraten“ sagten nur fünf Prozent.

Auch die Soziologen Norbert F. Schneider und Heiko Rüger sowie die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke meinen herausgefunden zu haben, was die Ehe noch heute für viele attraktiv macht.

In der 2007 publizierten Studie „Value of Marriage“ (Der Wert der Heirat) und dem 2012 erschienenen Fachbuch „Familie – nein danke?!“ (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen) betonen sie, dass in Zeiten unsicherer Arbeitsmärkte und hoher beruflicher Anforderungen Zweierbeziehungen ein hoher Wert zukommt. Eine verbindliche, dauerhafte und intime Partnerschaft werde da zum Kult, auch durch medial erzeugte Sehnsuchtsbilder befördert.

Nur jedes siebte Paar heiratet aus Liebe

Doch die Wissenschaftler räumen mit dem Klischee der reinen Liebesheirat – nur jedes siebte Paar nimmt sie für sich in Anspruch – ebenso auf, wie mit der Annahme, Paare heirateten, wenn sich Nachwuchs ankündige. Nur bei jeder zehnten Hochzeit ist eine Schwangerschaft oder ein schon geborenes Kind der Auslöser.

Andere Argumente wiegen stärker. Noch immer ist die Ehe nützlich: für Beamte, die nicht an einen anderen Ort versetzt werden möchten, für Nicht-EU-Bürger, die sich mit dem Jawort gegenüber einem Europäer ihr Aufenthaltsrecht sichern, und wegen steuerlicher Vorteile. Auch der liebe Gott und die guten alten Werte spielen eine Rolle. Und dann die Seele, die sich auf legalem Terrain subjektiv sicher wähnt.

Sogar, dass man sich zur Not wieder scheiden lassen kann, ist für so manches Paar ein Grund, vor der Ehe nicht Reißaus zu nehmen. Gar nicht so wenige finden das Heiraten vor allem deswegen gut, weil sich dabei so schön feiern lässt. Zusammenfassend, heißt es bei Seiffge-Krenke und Schneider, basiere „Heirat gegenwärtig auf einer Mischung aus Emotion, Rationalität und Tradition“.

Warum heiratet ihr eigentlich?

Wenn nun der Wonnemonat Mai vor der Tür steht und mit ihm die Hochzeitssaison, müssen Heiratswillige und solche, die noch unentschlossen sind, nicht gleich in Torschlusspanik verfallen. Denn weit häufiger wird der Bund fürs Leben im August geschlossen. Es bleibt also noch etwas Zeit, sich gute Gründe für die Ehe zu überlegen.

„Warum heiratet ihr eigentlich?“ – Mit so einer Frage begibt man sich auf glattes Eis. Ein Paar, das in diesem Fall den Ehrentitel Brautpaar verdient, erwartet als Reaktion auf seinen tatsächlich oder vermeintlich einmaligen Entschluss verzückt aufgerissene Augen, überschäumende Mitfreude oder wenigstens­ ein warmherziges „Wie schön!“.

Und plötzlich das: Rechtfertigungsdruck! Erklärungsnot! Wenn es den beiden nicht gleich die Sprache verschlägt, heißt die Antwort so schnell und unausweichlich wie Amors Pfeil durch die Luft saust: „Weil wir uns lieben!“

Dass man sich heutzutage auch ohne Trauschein lieben kann, dass man gemeinsam leben, Kinder haben und mit geteiltem Sorgerecht großziehen kann, dass man ohne Hochzeit Freud und Leid teilen kann, bis dass der Tod einen scheidet?

All das könnte ein aufgeklärter Geist einwenden, der aber gleich in den Verdacht gerät, ein missgünstiger zu sein. Dabei geht es nur darum, die wahren Beweggründe zu erfahren. Liebe? Ja, klar. Die spielt – hoffentlich – eine Rolle. Aber wirklich die entscheidende?

Entfremdung, Schicksalsschläge, Scheidung

Vielleicht muss man es machen, wie der amerikanische Dokumentarfilmer Doug Block. Er hatte sich sein Studium mit dem Filmen von Hochzeiten finanziert. Ob bei christlichen, jüdischen oder säkularen­ Eheschließungen, ob heterosexuelle oder homosexuelle Paare, ob Schwarze oder Weiße, ob große Gesellschaften oder kleine Gästeschar: Die Videoausschnitte verraten einen ebenso wohlwollenden wie aufrichtigen Blick fürs Detail.

Mehr als zehn Jahr später kontaktierte Block die ehemaligen Kunden und wollte wissen, wie es den Eheleuten oder mittlerweile Geschiedenen zwischenzeitlich geht und ob sich ihre mit der Heirat verbundenen Erwartungen erfüllt haben.

Neun Paare waren bereit, sich der laufenden Kamera erneut auszusetzen. Unterbrochen durch Ausschnitte ihrer Hochzeitsvideos erzählen sie in dem 2014 erschienenen Dokumentarfilm „112 Weddings“ (112 Hochzeiten) von schleichenden Prozessen der Entfremdung, von Schicksalsschlägen, die zusammenschweißen, von der Sorge um die Kinder, von aufgegebenen Träumen und vom Glück, die Widrigkeiten des Alltags nicht allein bewältigen zu müssen.

Sie gaben sich das Jawort, weil sie Kinder wollten oder Gottes Segen

Und sie erinnern sich daran, warum sie einander vor Jahren das Jawort gegeben haben – etwa weil sie viele Kinder wollten oder Gottes Segen. Es gibt aber auch Interviewpartner, die ratlos den Kopf schütteln und – wiewohl glücklich miteinander – beteuern, das heute nicht mehr wirklich zu wissen.

Und dann sind da noch Janice und Alexander, die vor 13 Jahren eine Privatzeremonie wählten, um einander ihre Liebe zu bekunden, zwei Kinder bekamen und während die Videokamera surrt beschließen, dass es an der Zeit sei, nun auch offiziell Mann und Frau zu werden.

Während die Eltern darüber debattieren, ob dieser Schritt nicht ihrer Überzeugung zuwiderlaufe, die Ehe sei mit ihrem latenten Besitzanspruch an den Partner eine unlautere Einrichtung, entfährt der pubertierenden Tochter ein halb erleichtertes, halb vorwurfsvolles „Na endlich!“.

Die Ehe macht den Menschen zum sozialen Wesen

Die Soziologie untersucht seit Jahrzehnten, warum geheiratet wird, und streitet dabei unter anderem über die Frage, ob die eheliche Zweierbeziehung den Menschen zu einem sozialen Wesen macht oder ob diese exklusive Verbindung nicht viel eher Gemeinschaft verhindert, da sie sich auf das Wir konzentriert.

Diese Gefahr besteht in der individualisierten Gegenwart weit eher als zu Zeiten, in denen Ehen geschlossen wurden, um Familien zusammenzuführen und weiter wachsen zu lassen. Weitgehend einig sind sich die Forscher darin, dass eine Heirat bis ins 20. Jahrhundert hinein gesellschaftlich notwendig und demnach vernünftig war: Beiden Geschlechtern ebnete der Trauschein die Aufnahme in die erwachsene Gesellschaft, erlaubte gelebte Sexualität und Nachkommenschaft.

Eine Heirat sicherte Frauen in der Regel die Lebensgrundlage­ – und sei es als Arbeitskraft im Familienbetrieb. Männern verhalf sie zur rechtmäßigen Vaterschaft und damit zu anerkannten Erben. Wer als Mann und Frau zusammenleben wollte, musste diese Lebensform vor Gott und der Gemeinde, später wahlweise auch nur auf dem Standesamt legalisieren. Und in der DDR war eine Heirat oft der einzige Weg, um an eine Wohnung zu kommen.

1969 – das Jahr, in dem alles anders wurde

Vergangene Zeiten. Seit 1969 der sogenannte Kuppelparagraf 180 des Strafgesetzbuchs geändert wurde und heute nur noch die Förderung sexueller Handlungen mit und an Minderjährigen unter Strafe stellt, hat sich die Lage massiv verändert. Unverheiratete Paare werden nicht mehr diskriminiert.

Auch auf der Karriereleiter werden ihnen keine Steine mehr in den Weg gelegt, wie das prominente Beispiel des Bundespräsidenten Joachim Gauck und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt belegt. Nachdem Frauen wie Männer größtenteils ökonomisch unabhängig ihr Leben meistern und auch unverheiratete Väter das Recht haben, ihr Kind zu sehen und zu erziehen, scheint die Ehe ihren nutzbringenden Charakter zu verlieren und überflüssig zu werden.

Allerdings: Noch immer ist hierzulande die Mehrheit der volljährigen Bevölkerung verheiratet. Die Volkszählung Zensus 2011 nennt einen Anteil von 54,8 Prozent. Dazu kommen weitere 17,1 Prozent, die verheiratet waren: Verwitwete und Geschiedene zu je gleichen Teilen. Zwölf Prozent leben ohne Trauschein in fester Partnerschaft. Sie gehören demnach zu den 28,2 Prozent Ledigen.

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