Joachim Holzhausen, Vorsitzender Richter am Stuttgarter Landgericht: „Sie können ganz normal mit mir reden.“ Foto: LG

Richter Joachim Holzhausen und seine Mission, der Wahrheit über die Osmanen näherzukommen: Mehmet Bagci soll die Gruppierung im Frühjahr 2017 verlassen haben. Zwölf Tage vor seiner Verhaftung nahm der Chef-Osmane aber im August 2017 an einem Strategietreffen in Antalya teil, um den Kampf gegen Erdogan-Kritiker zu planen.

Stuttgart - Die Grenze verläuft mitten durch den Gerichtssaal in Stammheim: links die Altvorderen des Osmanen Germania Boxclubs, die, die entschieden; rechts die Handlager, das Fußvolk, links die, die dem Gerichtsverfahren meist konzentriert folgen, sich leise mit ihren Anwälten austausche und rechts die juchzende und schnatternde Krabbelgruppe der Truppe, ein schwatzendes und kicherndes Quartett, das unentwegt Pfefferminzbonbons in sich reinschaufelt. In der Mitte, genau auf der Grenze und eine Stufe höher, fünf Richter: zwei Schöffen, drei Berufsrichter, in der Mitte Joachim Holzhausen: grau melierte Haare, eine Brille mit feinen, goldenen Bügeln, schlanker Typ. Oft lächelt er.

 

An diesem Tag sitzt Cebrail Kaya vor ihm, ein Ex-Osmane aus Wuppertal, einer, der bei der rockerähnlichen Gruppe ausgestiegen ist. „Hömma: Net dat Se mich falsch schnallen – aber ich guck jerne Adolf-Hitler-Filme“, ruhrpöttelt Kaya. Rechts von Holzhausen wird gefeixt und gekichert. Holzhausens Blick ändert sich auf fragend: „Adolf-Hitler-Filme?“ Ja, solche Filme über den Krieg. In denen gezeigt wird, wie die Deutschen ihre Feinde täuschten. Derart inspiriert habe Kaya sich entschlossen, eine virtuelle Gegentruppe zu den Osmanen aufzubauen. Eine, die nur in sozialen Netzwerken existierte, eine Fake-Gruppe: „Ich bin doch nicht geschützt worden!“

Ex-Osmane aus Wuppertal: „Guck jerne Adolf-Hitler-Filme“

Dabei lebte Kaya im Frühsommer durchaus gefährlich. Er, der innerhalb kürzester Zeit zum „sergeant at arms“, zum Waffenmeister der Wuppertaler Osmanen, aufstieg. Deren Präsident, Hamit Paksoy, erschoss ein Beamter eines Spezialeinsatzkommandos am 9. Februar, als die Polizei die Wohnung Paksoys durchsuchte.

Stimmt, was Ermittler herausgefunden haben, dann ordnete Paksoy an, Kaya am 13. Juni 2017 in einen Hinterhalt zu locken, um ihn zu bestrafen. Gegen 2 Uhr wurde der Aussteiger in den Park am Platz der Republik beordert, wo ihm etwa 20 bewaffnete Osmanen auflauerten. 7000 Euro sollte Kaya dafür bezahlen, weil er die Kutte abgelegt hatte. Kaya weigerte sich. Deshalb ließ er vorsorglich eine eigene, ebenfalls bewaffnete Truppe zeitversetzt zum Park folgen. Als dort der Streit eskalierte, alarmierten seine Gefolgsleute die Polizei.

Rechts von Holzhausen wird das in der Osmanen-Rasselbande laut als Verrat aufgefasst, vor allem bei Kayas Nachfolger als Wuppertaler Waffenverantwortlicher, Robin Ott: Er ließ sich einen osmanischen Kriegerkopf – das Wappen der Gruppe – auf die rechte Seite seines Kopfes tätowieren. Daneben den Code 1312 – „All cops are bastards – alle Polizisten sind Hurensöhne“, „Loyality – Treue“ über dem rechten Auge. Antonio S. sitzt hinter ihm, ein Deutsch-Italiener, der unbedingt Türke sein will. Links neben ihm Ali Ihsan S., mit 46 Jahren der Stuttgarter Methusalem des Quartetts. Vor ihm Burak U., mit 20 Jahren das Küken der Angeklagten, Osmanen-Rekrut.

Respektvoller Umgang mit den Zeugen

Seinetwegen findet das Verfahren, in dem es auch um versuchten Mord, versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung, Zuhälterei geht, vor einer Großen Jugendstrafkammer statt. Holzhausen wies ihn lautstark zurecht, als ihm die seit Wochen andauernde Schwätzerei der vier jetzt während der Befragung Kayas zu viel wurde: „Meinen Sie, ich würde nicht bemerken, dass Sie seit Wochen das Verfahren durch ihre Spielchen stören?“

Als hätte er einen Schalter umgelegt, hilft der Richter im nächsten Moment, dem unstrukturierten Kaya väterlich, seine Gedanken zu ordnen: „Sie können ganz normal mit mir reden. Wenn Sie sagen, dass etwas Scheiße ist, dann verstehe ich schon, dass das Scheiße ist. Nach Berufsjahrzehnten als Richter ist mir kaum noch etwas fremd.“

Es ist dieser respektvolle Umgang mit den Zeugen, der sie erzählen lässt. Das war auch an vergangenen Tagen des Prozesses so, der jetzt bis Mai 2019 terminiert ist: Holzhausens Respekt, Kayas Antworten. Bei denen kommt heraus, dass der nicht erlebt habe, dass der Welt-Osmanen-Chef Bagci Aussteiger bedroht habe. Sein Vize Sahin habe ihm dadurch „das Leben gerettet“, dass er Kaya bei einer Abstrafaktion weniger hart geschlagen habe. Deshalb seien Levent Uzundal und zwei weitere Osmanen nicht mehr zum Zug gekommen: „Die hätten mich sonst totgeschlagen.“

Strategie gegen Erdogan-Kritiker

Zwei der Abstrafer sitzen rechts von Holzhausen, dort, wo die Führungskräfte der streng nationalistisch-türkischen Gruppe sitzen: Mehmet Bagci, der die Osmanen international gründete und anführte, sein Vize Selcuk Sahin, der Waffenmeister der Weltgruppe, der frühere Stuttgarter Filialleiter Uzundal, Toni Wörz, sein Nachfolger.

Offiziell haben Sahin und Bagci im Frühjahr 2017 ihre Kutten – und damit ihre Osmanen-Ämter – bei der Frankfurter Polizei abgelegt. Kaya beschreibt, dass das Machtvakuum nie durch Uzundal und dem Offenbacher Mehmet Küpelikilinc, den alle „Dom Dom“ nennen, ausgefüllt worden sei. Im Widerspruch zum Austritt des Führungsduos steht aber die Frage, warum Bagci nach Recherchen unserer Zeitung, der „Neuen Züricher Zeitung am Sonntag“ und des ZDF-Politmagazins „Frontal 21“ am 5. August 2017 an einem Treffen mit Vertretern des Erdogan-Lobbyvereins „Union der Internationalen Demokraten“ (UID), der türkischen Regierungspartei AKP sowie des türkischen Nachrichtendienstes MIT in Antalya teilnahm. Bei dem Treffen wurde auch über die Strategie beraten, mit der man gegen Erdogan-Kritiker und mutmaßliche Staatsfeinde der Türkei im Ausland vorgehen wolle – zwölf Tage bevor Bagci verhaftet wurde.

Beleidigung in türkischer Sprache

Etwa zeitgleich wurde Kaya verhaftet, der kürzlich wegen Zuhälterei verurteilt wurde. Das Urteil ficht der Wuppertaler an. Er sitzt in Untersuchungshaft und wird deshalb in Handschellen vorgeführt. Das hindert ihn nicht, seine persönliche Fehde mit Uzundal auszutragen, den er für das personifizierte Übel hält: Der habe ihm gedroht, ihn eingeschüchtert, mit dem Tod bedroht. Seinen Hass überträgt Kaya auf Uzundals Anwalt Hans Steffan. Welche Frage der auch stellt, Kaya antwortet aggressiv, wütend, provozierend. Um 14.31 Uhr dreht er sich zu Uzundal um und ruft ihm etwas in türkischer Sprache hin. Uzundal und Bagci reißen Augen und Münder auf. „Ich ficke deine Vergangenheit“ soll die Beleidigung gelautet haben.

Für Holzhausen ist es schwer, Kayas Redefluss weiter zu fördern. Der weigert sich kategorisch, die Fragen Steffans zu beantworten. Der Richter regt an: „Machen wir es doch wie bei der Befragung Minderjähriger, Herr Steffan. Sie stellen mir Ihre Fragen und ich gebe sie an Herrn Kaya weiter.“ Einmal funktioniert das, dann moniert Uzundals Verteidiger, das entspreche so nicht der Strafprozessordnung. „Aber es würde möglicherweise zum Ziel führen“, sagt Holzhausen mit einem Lächeln. Auch wenn seine Diplomatie hier an Grenzen stößt: Mit Steffan will Kaya nichts zu tun haben.