Marvin Dienst (links) und Lando Norris im August 2015 bei einer Siegerehrung der Formel 4 am Nürburgring. Foto: ADAC

Vor bald elf Jahren hat Marvin Dienst gegen den heutigen Formel-1-Weltmeister Lando Norris gewonnen. Warum haben sich die Karrieren seither auseinander entwickelt?

Am Sonntagmorgen, wenn in Melbourne die Motoren beim Großen Preis von Australien aufheulen, beginnt die neue Formel-1-Saison. Weltmeister Lando Norris reist als Titelverteidiger an. In Pforzheim hingegen wird Marvin Dienst nicht einmal um fünf Uhr mitteleuropäischer Zeit aufstehen, um den Start am Bildschirm zu verfolgen. „Ein paar Rennen werde ich mir im Laufe der Saison schon im Fernsehen anschauen“, sagt der 29-Jährige. „Aber live war ich noch bei keinem Formel-1-Rennen. Und das wird wohl auch so bleiben.“

 

Es ist fast elf Jahre her, dass Dienst und Norris direkte Konkurrenten waren. 2015 fuhren sie in der Formel 4, jener Nachwuchsklasse mit halbwegs identischen Rennwagen: 565 Kilogramm leicht, 160 PS stark, über 210 Stundenkilometer schnell. Der erste ernsthafte Schritt auf dem Weg nach ganz oben. „Rückblickend frage ich mich manchmal, was ich anders hätte machen müssen“, sagt Marvin Dienst. „Ob ich noch mehr hätte investieren können. Mir war damals nicht bewusst, dass es für mich unrealistisch war, dieselben Ziele wie Lando zu verfolgen.“

Der Titel in der deutschen ADAC-Serie

Norris gewann 2015 die britische Formel-4-Meisterschaft, Dienst im selben Jahr den Titel in der deutschen ADAC-Serie. Der Brite gastierte zusätzlich bei drei Rennwochenenden in Belgien und Deutschland (Spa-Francorchamps, Nürburgring, Hockenheim), um früh Erfahrung auf Grand-Prix-Strecken zu sammeln. Sie schenkten sich nichts. In Spa hatte Norris die Nase vorn, holte einen Sieg. In der Eifel gewann Dienst zwei Läufe. Beim Finale in Hockenheim konterte er erneut. Es war ein Duell auf Augenhöhe – zumindest auf der Strecke.

„Ich werfe mir manchmal vor, dass wir zu sehr Gegner waren“, sagt Dienst heute. „Jeder war überzeugt, der Bessere zu sein. Für Freundschaften unter Konkurrenten waren wir wohl noch nicht reif.“ In Nachwuchsserien denkt jeder an den Aufstieg. Doch die Voraussetzungen sind selten gleich.

Norris stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus. Britische Medien schätzen das Vermögen seines Vaters Adam auf rund 200 Millionen Pfund. Früh stellte die Familie alles in den Dienst der Karriere des Sohnes. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte Norris einmal den „talentiertesten Rennfahrer schwerreicher Eltern in der Formel 1“.

Mutter Cisca und Vater Adam waren dabei, als ihr Sohn, der McLaren-Werksrennfahrer, als WM-Spitzenreiter in Abu Dhabi ins letzte Rennen der Formel-1-Saison 2025 startete. Lando Norris reichte nach 58 Rennrunden der dritte Platz hinter Max Verstappen und Oscar Piastri, um den Weltmeistertitel zu gewinnen. Cisca Norris erzählte danach im Interview bei Sky Sports: „Es waren viele Opfer nötig. Als Lando sieben war, begann er mit dem Kartfahren, mit acht trat er zu den ersten Wettkämpfen an.“

Kartfahren – damit begann auch die Laufbahn von Marvin Dienst. Am 24. Juli 2011 erreichte er das EM-Finale im spanischen Zuera. 350 Bewerber, 34 Startplätze. Dienst war als einziger deutscher Teenager dabei. „Ich hatte ein Kart und einen Motor“, sagt er. Andere Teams verfügten über mehrere Motoren, Ersatzchassis, diverse Reifensätze.

Einer der Konkurrenten: Lance Stroll, der damals auf Platz 19 ins Ziel gekommen ist. Seit 2017 fährt Lance Stroll in der Formel 1 – und das mit massiver Unterstützung seines Vaters Lawrence Stroll, dem der Aston Martin-Rennstall gehört. „Diese Leute sind von Kindesbeinen an gepusht worden, hatten schon als Teenager reichlich Erfahrung gesammelt“, sagt Marvin Dienst. „Es war wie David gegen Goliath. Nur, dass im Motorsport David selten gewinnt.“

Verstappen drückte ihn raus

Auch Max Verstappen startete damals. „Er hat mich im EM-Finale rausgedrückt“, erzählt Dienst und lacht. Verstappen wurde 14., Dienst 28. „Mit heutigem Blick weiß man, gegen wen man gefahren ist“, sagt Marvin Dienst. „Aber damals waren wir einfach Kinder mit demselben Traum.“ Gewonnen wurde das EM-Finale von George Russell, heute die Nummer eins im Formel-1-Werksteam von Mercedes-Benz.

Die Eltern von Marvin Dienst haben damals einen Kredit aufgenommen, verrieten ihrem Sohn jedoch nichts davon, bis alles auf Heller und Pfennig abbezahlt war. Mehr ging nicht im elterlichen Fahrzeugbaubetrieb. Auch seine Rennerfolge halfen nur begrenzt weiter. Nach dem Gewinn der deutschen ADAC-Formel-4-Meisterschaft hatte Dienst 50 000 Euro an Sponsorengeldern eingesammelt, testete in Zeltweg für ein renommiertes Formel-3-Team, doch für eine komplette Rennsaison wären 550 000 Euro fällig gewesen. Viel zu viel.

Heute ist Dienst in einem Mercedes-AMG in der GT-3-Serie unterwegs (auf dem Foto mit Startnummer 18). Foto: Reuß

Marvin Dienst schaffte es unter die Kandidaten für den Porsche Carrera Cup Shoot Out. Sieger und Gewinner eines Juniorvertrags bei Porsche wurde der Norweger Dennis Olsen. Marvin Dienst landete auf Platz zwei. Pech gehabt. Immerhin, er war im Fahrerpool der Speed Academy der Deutschen Post. Durch seine Erfolge in der Formel 4 hatte er 75 000 Euro eingefahren, die aber allein für die Finanzierung weiterer Renneinsätze zweckgebunden waren. Um bei einem privaten Porsche GT-Team unterzukommen, hätte Marvin Dienst aber noch weitaus mehr Geld mitbringen müssen.

Wenn schon nicht in der Formel 1, dann wenigstens in einer niedrigeren Klasse Profi-Rennfahrer werden. Für diesen Traum hat Marvin Dienst viel geopfert, mehrmals die Schule gewechselt, das Abitur verpasst, weil er drei Jahre hintereinander auf jeweils 100 Fehltage kam. Mittwochs Flug ins Ausland, donnerstags Ankunft auf der Rennstrecke, freitags Training, samstags und sonntags Rennen, montags zurück zur Schule. Später, für die kaufmännische Ausbildung, hat er immer auf den Flügen gelernt und dann als Verkäufer im Autohaus Lehr in Wiesloch gearbeitet, wo alle großes Verständnis für ihren jungen, rennfahrenden Kollegen hatten.

Noch größeres Verständnis hat seine Freundin Larissa. Seit fünf Jahren sind sie zusammen. Sie versteht, worum es geht, kennt den Rennsport, arbeitet bei Porsche und pendelt von Pforzheim nach Stuttgart, während Marvin Dienst eine eigene GmbH betreibt: Auf Rechnung wird er als Instruktor verpflichtet, unterrichtet bei Fahrertrainingsprogrammen.

2021 startete Dienst beim DTM-Finale in Hockenheim, 2023 war er als Stuntfahrer für einen Imagefilm von Mercedes-AMG in der Wüste unterwegs. „Ich habe den Sportwagen im Sand bewegt, bin gedriftet.“ Im fertigen Clip steigen dann andere aus dem Wagen: Lewis Hamilton und George Russell.

Marvin Dienst: „Ich werfe mir manchmal vor, dass Lando und ich zu sehr Gegner waren.“ Foto: Reuß

Dieses Jahr begann für den Rennfahrer Marvin Dienst mit den 24 Stunden von Dubai. Er lag in den Top Ten, ehe ein verlorenes Rad das Aus bedeutete. Von April an ist er bei dem Team AMG Winward Racing für mehrere Rennwochenenden in der GT World Challenge Europe gesetzt. „Ich glaube nicht mehr, dass ich noch Werksrennfahrer werde“, sagt Dienst. „Aber ich fahre in den höchsten GT3-Serien der Welt. Ich messe mich mit den Besten.“

Im Dezember stand Dienst bei den 12 Stunden von Abu Dhabi im Mercedes-AMG GT kurz vor dem Sieg. Eine Woche zuvor war Lando Norris auf dem Yas Marina Circuit Weltmeister geworden. Zwei Karrieren, die einst nebeneinander begannen, haben sich voneinander entfernt.„Wir hatten beide dasselbe Ziel“, sagt Marvin Dienst. „Er hat es erreicht. Aber Glück hatten wir beide.“