Trikot eines australischen Sportlers bei den Olympischen Spielen in Paris im Sommer 2014 Foto: Imago/Dean Lewins

Viele Ausstellungsbesucher sind fasziniert von „indigener Kunst“, weil der Blick darauf den Horizont erweitere. Ist das wirklich so, fragt unser Kolumnist Jörg Scheller.

Im November ging die Kunstbiennale von Venedig zu Ende. Unter dem Motto „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“ trafen die Besucher der Hauptausstellung nicht nur auf queere Kunst aus der südlichen Hemisphäre, sondern auch auf viele als „indigen“ kategorisierte Werke. Die Biennale folgte damit einem Trend, der im globalen Kunstbetrieb schon seit einiger Zeit zu beobachten ist: Das Indigene hat Konjunktur.

 

Es geht immer um Tradition und Naturnähe

Vielsagend aber ist, was im Kunstbetrieb nicht zu sehen ist, wenn es um das Indigene geht. Polemisch gesagt: Man trifft in Ausstellungen eher selten auf Indigene, die iPhones toll finden, sich für Atomkraft begeistern, in ETFs investieren und mit Schamanismus nichts am Hut haben. Dabei gibt es natürlich auch solche Indigene – die Selbstidentifikation als „indigen“ und die Bewahrung bestimmter kultureller Merkmale steht nicht zwingend im Gegensatz zur gleichzeitigen Wertschätzung von Elementen nicht-indigener Kulturen. Dessen ungeachtet stellt der Kunstbetrieb das Indigene überwiegend in einen Zusammenhang mit Tradition, Naturnähe und Spiritualität.

Durch die häufig einseitige Bezugnahme auf das Indigene als Kontrastfolie der westlichen Moderne verfestigt sich ein Wesenszug ausgerechnet jener Moderne. Denn immer dann, wenn Modernisierungsschübe oder sonstige Disruptionen erfolgen, verlangt der moderne Westen nach Authentischem und Ursprünglichem als dem Nicht-Entfremdeten. So entdeckten romantische Künstler um 1800 das europäische Mittelalter wieder, während Paul Gauguin um 1900 auf Tahiti „maorischen Zauber“ verspürte oder polnische Großstadtintellektuelle zur gleichen Zeit das Kunsthandwerk des Goralen-Bergvolkes feierten. Die jeweiligen Gruppen wurden dergestalt zu Projektionsflächen ideologischer, politischer, sozialer und sonstiger Erwartungen.

Die Vielfalt der Stimmen wird vereinfacht auf Klischees

Bereits 1990 diagnostizierte der Kunsthistoriker Kobena Mercer in seinem gleichnamigen Essay eine „Bürde der Repräsentation“. Diese werde all jenen auferlegt, die vom Mainstream diskriminiert wurden und nun rehabilitiert werden sollen. Doch anstatt sie in ihrer realen Diversität und Individualität ernst zu nehmen und sich offen auf ihre Kunst einzulassen, werden sie mit der gut gemeinten, aber bevormundenden Aufgabe belastet, als „Repräsentanten“ für Anliegen marginalisierter Gruppen, und nur dafür, zu sprechen. Im Sinne Mercers gilt es indes, das Indigene in all seinen Facetten anzuerkennen und nicht einfach als Gegenpart einer angeblich entfremdeten und heilungsbedürftigen Moderne zu vereinnahmen, zu vereinseitigen, zu vereindeutigen.