Der Pfarrvikar Ramesh Lashmanan ist auch in der Degerlocher Gemeinde Mariä Himmelfahrt für die Seelsorge zuständig. Foto: Cedric Rehman

Ramesh Lashmanan ist neuer Pfarrvikar in Degerloch, Heumaden, Hohenheim und Sillenbuch. Er kümmert sich vorrangig um die Seelsorge. Dem 38-jährigen Inder liegt dabei vor allem die Gleichheit vor Gott am Herzen.

Filder - Gelassen wirkt Ramesh Lakshmanan, als er durch das Gemeindezentrum von Sankt Michael in ein Büro führt. Der Inder ist zwar erst einige Tage auf den Fildern, aber er scheint sich schon an die neue und fremde Umgebung gewöhnt zu haben. Auf die Frage, ob er sich speziell vorbereitet habe auf die heterogene Seelsorgeeinheit aus Degerloch, Hohenheim, Heumaden und Sillenbuch reagiert der 38-Jährige mit einer Gegenfrage: „Wie hätte ich das machen sollen? Die Menschen sind doch überall gleich.“

Es wäre sicher falsch, darin ein Zeichen von Gleichgültigkeit zu erkennen. Wer Ramesh Lashmanan erzählen hört, begreift, wie wichtig ihm der Gedanke der Gleichheit ist, gerade in Bezug auf die Gleichheit vor Gott. Das hat viel mit seiner indischen Herkunft zu tun. Lakshmanan stammt aus Südindien. Er ist Tamile und gehört damit einer ethnischen Minderheit an.

Gleichheit vor Gott

Noch mehr geprägt hat ihn aber die religiöse Einteilung der indischen Gesellschaft in Kasten. Sie entstammt der Mehrheitsreligion der Inder, dem Hinduismus. Lakshmanan steht von Geburt an und ohne sein Zutun auf der unteresten Stufe der gesellschaftlichen Ordnung Indiens. Seine Eltern waren Dalits, Unberührbare, und Lakshmanan wird es für die Hindumehrheit in Indien auch bis an sein Lebensende bleiben. Seit einigen Generationen schon bekennt sich die Familie des Pfarrvikars zum katholischen Glauben. Das ist kein Zufall. Das Christentum sei unter Indiens Dalits weit verbreitet, sagt Lakshmanan, weil es eine Befreiung sei aus der sozialen Ächtung. „Für mich ist die Gleichheit die wichtigste Botschaft des Christentums“, sagt er.

Also macht er sich auch wenig Sorgen darüber, wie es denn sein wird mit den neuen Schäfchen in Degerloch, Sillenbuch, Heumaden und Hohenheim. Lakshmanan wird als Pfarrvikar in den vier Gemeinden Gottesdienste halten. Er wird bis auf Weiteres Seelsorger sein, denn einen eigenen Pfarrer hat die Einheit noch nicht. Verwaltungsaufgaben muss er nicht wahrnehmen. Um die kümmert sich interimsmäßig der Möhringer Pfarrer Heiko Merkelbach.

Konzentration auf Seelsorge

Die Konzentration auf das Seelsorgerische ist sicher etwas, um das Lakshmanan viele Pfarrer beneiden. Denn sie sind in Zeiten der Sparzwänge und des Personalmangels in den Kirchen besonders stark eingespannt mit Managementaufgaben.

Lakshmanan hat die gleiche Position bereits in Tübingen innegehabt. In der Universitätsstadt hat er auch Pastoraltheologie studiert. Am Anfang, sagt Lakshmanan, sei ihm die Seelsorge in Deutschland durchaus schwergefallen. Er habe natürlich eine Weile gebraucht, bis er die fremde Sprache erlernt habe, sagt er. „Sprache ist das Mittel, um Gedanken auszudrücken und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Das ist schon eine Voraussetzung für die Arbeit“, sagt Lakshmanan. Nun fühlt er sich sicher im Umgang mit der deutschen Sprache.

Lokale Bräuche werden gepflegt

Der Inder ist nach Deutschland gekommen, um in Theologie zu promovieren. Dafür hätte er eigentlich sieben Jahre gehabt. Da Lakshmanan aber bereits nach drei Jahren seine Doktorarbeit beendet hat, wird er den Rest der Zeit als Pfarrvikar in Deutschland verbringen. Danach soll es zurückgehen nach Indien. In dem Land mit seinen vielen Völkern und Religionen haben es Christen nicht einfach. In Neu-Delhi regieren Hindu-Nationalisten. Fundamentalisten greifen Indiens religiöse Minderheiten an, vor allem Muslime und Christen. Ein Argument der Hindu-Fundamentalisten gegen Indiens Christen ist, dass sie eine Religion aus dem Westen übernommen haben und damit die indische Kultur verraten hätten.

Ramesh Lakshmanan weist den Vorwurf zurück. „Meine Glaube bestimmt doch nicht, welcher Kultur ich angehöre“, sagt er. Die indischen Katholiken würden seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 ihre Gottesdienste in der Muttersprache abhalten und nicht mehr auf Latein. „Wir folgen den lokalen Bräuchen genau wie die Hindus oder die Muslime“, sagt Lakshmanan. Zum Beispiel würden indische Pfarrer weiß tragen, weil dies in Indien eine feierliche Farbe sei – so wie in Europa schwarz.

Religiöse Rituale sind nur ein Aspekt

Auch das Argument, dass Pfarrer aus Asien oder Afrika, die den europäischen Kirchen in Zeiten des Priestermangels beistehen, eine umgekehrte Missionierung im verweltlichten Europa betreiben, hält der Inder für haltlos. Die Menschen in Indien seien in der Tat religiöser als Deutsche, zumindest wenn es um die Einhaltung von Gebräuchen geht. „Ich akzeptiere aber die kulturellen Gepflogenheiten und versuche, nicht zu urteilen“, sagt er.

Ohnehin ist für ihn die Einhaltung von religiösen Ritualen nur ein Aspekt des Glaubens. Lakshmanan sieht in Deutschland mehr Bereitschaft, Glaubensinhalte in Handeln umzusetzen als in Indien. „Ich denke da zum Beispiel an die Barmherzigkeit im Umgang mit Flüchtlingen“, sagt er.

Aus Lakshmanans Sicht ist es zu kurz gedacht, das Christentum als Teil einer bestimmten Kultur zu betrachten. Für ihn gehört es der ganzen Menschheit und die Kirche sieht er als globale Gemeinschaft an, in der die einen die anderen unterstützen sollen. „Im Moment kommen indische Priester nach Europa, weil es Probleme gibt, in einigen Jahren wird es vielleicht umgekehrt sein“, sagt er.

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