Über Jahrzehnte war Andreas Nothardt Lehrer am Gymnasium in Kornwestheim. Für unserer Autorin Hilke Lorenz war er der beste Lehrer, den sie hatte. Anlässlich seines Todes erinnert sie sich an den Mann im Nickipullover.
Ende Oktober kam die Mail. In der Betreffzeile standen nur drei Worte. Der Vor- und der Nachname meines ehemaligen Englisch- und Deutschlehrers – und das Wörtchen verstorben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hätte er seinen 81. Geburtstag gefeiert. Seine drei Kinder haben die Nachricht verfasst. Und es hört sich so an, als sei Andy Randy, wie wir Schüler ihn manchmal heimlich nannten, sehr geliebt und umsorgt gewesen. Bis zum letzten Tag.
Wenn eine Nachricht wie diese kommt, setzt unwillkürlich das Kopfkino ein. Jahrelang denkt man nicht an die eigene Schulzeit zurück – und mit einem Mal kommen die Erinnerungen an einen Lehrer hoch, der den berühmten Unterschied machte. 1974 wurden wir seine Klasse im Gymnasium in Kornwestheim. Andreas Nothardt gehörte zu den Menschen, die, ohne es im Moment ihres Tuns zu ahnen, die ein oder andere entscheidende Weiche im Leben ihrer Schülerinnen und Schüler stellten.
Herr Nothardt, erst seit der Wiederbegegnung sehr viele Jahre später, nenne ich ihn Andreas, war einer von denen, die etwas angestoßen haben im Leben derer, die für seine fordernde Art empfänglich waren. Diskutieren sollten wir, Für- und Gegenargumente abwägen lernen. Im Klassenzimmer und später dann, so wohl seine Hoffnung, im echten Leben. Wenn man Glück hat, begegnet man in einem Schülerleben einem solchen Lehrer oder einer solchen Lehrerin. Ich hatte das Glück.
Anders als seine Kollegen war Herr Nothardt frei von Kriegstraumata
Andreas Nothardt war anders als viele der älteren Lehrer im Kollegium. Er gehörte nicht mehr der Kriegsgeneration an, deren Vertreter noch selbst an der Front gewesen waren und die die für immer prägendenden Erlebnisse vom Verschüttetwerden und von Gefangenschaft auch im Unterricht nicht hinter sich lassen konnten. Der Mann in Nickipullover und Cordhose tickte anders. Geboren 1943, war er einer, der gegen all das ankämpfte. Gegen Muff und Erdenschwere. Er war noch nicht erschöpft vom Leben und glaubte ganz offensichtlich an die Möglichkeit von Glück und die Notwendigkeit von Gerechtigkeit. Auf seine Art setzte er sich dafür ein. Nicht mit Worten oder gar ideologiegeschwängert.
Nein. Er lebte seine Menschenliebe einfach. Sein Mittel, sie im Leben und für eine andere, vielleicht bessere Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen, war offenbar der Beruf des Pädagogen. Davon, so sieht es aus der Perspektive der Erwachsenen aus, war er beseelt. Unendlich leidensfähig war er, wenn der Lärmpegel im Zimmer stieg. Und so sitzt er nun für immer vor meinem geistigen Auge: Auf der Kante des Lehrerpults, die Tafel im Rücken, ein bisschen schräg, der Klasse zugewandt, die vielen Locken nur mühsam durch einen Scheitel gebändigt.
Ein Lehrer, der Schallplatten an seine Schüler verleiht
Dass er neben dem Leben auf dem Pult, im Klassenzimmer und im Schullandheim noch sein ganz privates Leben hatte, merkten wir, als er einem Mitschüler eine Langspielplatte geliehen hatte und der darauf eine Widmung fand. „Meiner geliebten Renate“ stand handschriftlich darauf. Eine ganz große Liebe muss das gewesen sein. Das ahnten wir Vorpubertären, ohne so recht zu wissen, was das sein könnte. Im Falle unseres Lehrers währte sie bis zu seinem Lebensende. Auch das verrät die Trauerkarte. Aber auch die LP. Und mal ehrlich: Welcher Lehrer hätte damals Schallplatten an seine Schüler verliehen? Damit fängt’s ja eigentlich schon an.
Um genau zu sein, fing es in der siebten Klasse an. Da bekamen wir ihn in Englisch. Irgendwann übernahm er die Klasse auch in Deutsch, weil sein Kollege – ganz anders als er – wohl so viel Angst vor dem Leben hatte, dass er im Unterricht völlig benebelt vom Mutmacher Alkohol mehr als einmal einschlief und alsbald aus unserem Leben verschwand. Mittendrin in der Unterrichtseinheit zur indirekten Rede und dem Erlernen des Konjunktivs. Offenbar haben wir den dann doch irgendwie gelernt. Aber wir lernten noch vieles andere mehr.
Gemeinsam „Tatort“ gucken – wie erzählt man in Bildern?
Wir lasen Heinrich Bölls Erzählungen, schauten gemeinsam einen Stuttgart-„Tatort“, „Die schöne Belinda“ nämlich, und analysierten, wie das Erzählen mit Bildern funktioniert. Wir gingen als Klasse ins Theater, saßen im Kleinen Haus des Staatstheaters Stuttgart und schauten Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“. Ein Stück über eine Teenagerschwangerschaft mit tödlichem Abtreibungsausgang. Für viele war das der erste seriöse Theaterbesuch nach den üblichen Kindertheatererlebnissen. Als er in der nächsten Deutschstunde fragte, wie es uns gefallen habe, ertrug er mit viel Langmut die Antwort eines zugegeben sehr großen Mitschülers, er habe keinen Platz für seine Beine gehabt. Wahrscheinlich stand das Diskutieren, der Theaterbesuch und vieles mehr im Lehrplan. Doch den kann man mit weniger Leidenschaft mit Leben füllen.
Apropos Leben. Wir lernten durch eigene Anschauung auch, dass Lehrer (und Lehrerinnen) tanzen können. Im Schullandheim im Bayerischen Wald gab es natürlich eine der üblichen improvisierten Discos. Herr Nothardt saß nicht etwa abseits als Aufpasser. Zusammen mit einer Kollegin schlenkerte er mit uns wild Arme und Beine. Eine schlechte, unscharfe und über die Jahre furchtbar gealterte Fotografie erinnert daran. Nur beim Stehblues machte er nicht mit.
Seine Coolness bewies er aber schon beim Elternabend vor dem Schullandheimaufenthalt. Dort, so erzählte man sich, fragten offenbar frühe Helikoptereltern, wie sie denn erfahren würden, dass der Nachwuchs wohlbehalten am Ziel angekommen sei. Mobiltelefone gab es damals ja noch nicht. Wenn etwas passiert sei, würden sie das schon erfahren, konterte er. Heute würde ein so gechillter Lehrer anwaltliche Schreiben bekommen, in der WhatsApp-Elterngruppe würde diskutiert, ob man einem solchen Menschen Kinder anvertrauen könne. Damals fuhren wir einfach los – und kamen wohlbehalten an.
Wiedersehen nach Jahrzehnten
Wie wir uns nach zwei Jahren als Klassenlehrer von ihm verabschiedeten, weiß ich nicht mehr. Sehr wohl aber, wie das Wiedersehen Jahrzehnte später war. Es war dienstlich, denn daraus wurde eine Geschichte über sein ehrenamtliches Engagement im Ruhestand. Es war ein Treffen geprägt von gegenseitigem Respekt und Zuneigung. Lange redeten wir. Das taten wir von da an des Öfteren. Wieder ging es um Gerechtigkeit. Andreas Nothardt hatte für die Stolperstein-Initiative die kurze Lebensgeschichte eines Ludwigsburger Mädchens erforscht, hatte sich durch Akten gegraben, um von ihr erzählen zu können. Anita Henk wurde nur vier Jahre alt, dann wurde sie Opfer der Krankenmorde der Nationalsozialisten. Andreas Nothardt wollte sie ins Leben zurückholen. Da war er ganz der Alte.