Kann man mit Dufttrends Wahlergebnisse vorhersagen? Welche Rolle spielt der Geruch für die Partnerwahl? Und warum macht ein kleiner subtiler Gestank ein Parfüm erst richtig raffiniert? Ein Gespräch mit Joachim Mensing, der den Klassiker Cool Water entwickelte.
Joachim Mensing, 61, ist ein Pionier der Duft-Designer. Aufgewachsen in Freiburg, lebt er heute in Miami mit freiem Blick auf den Atlantik – seine „türkisblaue Energie“, wie er sagt. Die Schwarzwälder Hochnebel, die auf Dauer seinem Gemüt zusetzten, hat er hinter sich gelassen. Sein Herz schlägt aber weiter für den SC Freiburg. Und er vermisst die Herbstdüfte der alten Heimat, den leichten Mostgeruch, der dann in der Luft liegt.
Herr Mensing, es gibt eine Stelle in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, da schenkt ein Duft dem Parfümeur Baldini einen Ewigkeitsmoment der Erfüllung. Kennen Sie so was auch?
Ein Parfüm meiner Mutter hat mich als Junge absolut gefesselt: Ravissa. Es löste in meinem Gehirn etwas aus. Der Geruch von Tiroler Speckknödeln, wie meine Mutter sie zubereitete, ist auch tief in mir drin. Oder diese bestimmte Karamellnote von Dampfnudeln. Heute weiß man ja: Schon der Fötus riecht das Fruchtwasser. Wir werden bereits vor der Geburt auf die Essensgerüche und Geschmäcker unserer Mutter eingestellt.
Und Sie haben extra viel abgekriegt?
Musikalisch bin ich das schwarze Schaf der Familie, eine komplette Niete. Aber dafür der beste Riecher. Ich habe auch immer einen Flacon zum Zwischendurch-Schnuppern in der Tasche und auf dem Schreibtisch. In meiner Duftbibliothek stehen Tausende Fläschchen. Ich wollte das lange keinem erzählen: Aber ich glaube, ich rieche Dinge, die es gar nicht gibt. Ich träume auch von Düften.
Manchmal kommt einem auch ein Duft seltsam vertraut vor, man kann ihn aber nicht wirklich einordnen.
Wir riechen mit der Amygdala im limbischen System, wo der tiefste Kern unseres Emotionszentrums sitzt. Findet die Amygdala einen Duft interessant, kann sie ihn an den Hypocampus weitergeben und ins Langzeitgedächtnis überführen. So verbinden wir manche Gerüche mit einem Urvertrauen, einer Uraffinität. Und deshalb erleben wir auch so etwas wie olfaktorische Déjà-vus. Keiner hat direkteren Zugang zu unserer Gefühlswelt als der Geruchssinn.
Wie wurden Sie Duftdesigner?
Das begann in der Freiburger Parfümerie Beck, wo ich einen Duft für meine damalige Freundin kaufen wollte. Beim Gespräch mit der Chefin war ich bemüht, mit meinem Wissen zu glänzen – ich studierte Psychologie und Soziologie. Ich erklärte, dass wir mit unserem Emotionszentrum riechen. Und dass für eine Beraterin eigentlich die Persönlichkeit einer Kundin wichtiger sein müsste als die Haarfarbe. Sie schlug vor, das mal dem Gebietsleiter von Guerlain zu erzählen. Der war genauso erstaunt. Eine Duftwissenschaft gab es noch nicht. Ich wurde daraufhin in die Deutschland-Zentrale eingeladen. Dort sagte man mir: „Wir haben da ein Parfüm, Shalimar, das verkauft sich manchmal sehr gut, manchmal ganz schlecht.“
Und Sie fanden heraus warum?
Mein Test war ein Flop, eine Blamage. Dann aber änderte ich die Fragen. Ich wollte von den Probanden nicht nur wissen, wie sie sind, sondern wie sie sein möchten. Das ergab erstaunliche Zusammenhänge. Man lud mich ins Hauptquartier nach Paris ein und bot mir gleich eine Marketingposition an. Parallel promovierte ich, machte eine Parfümeurausbildung. So ging ich meinen Weg.
Wie entwickeln Sie einen Duft?
Zunächst wird mit dem Auftraggeber vereinbart, welchen Charakter das Parfüm haben soll. Eng damit verbunden sind schon die ersten Ideen zu Farb- und Formdesign. Dann stelle ich mir ein kleines Team von vier, fünf Leuten zusammen. Wesentlich ist natürlich die Auswahl des Parfümeurs.
Hat da jeder sein Spezialgebiet?
Durchaus. Es gibt welche, die lieben Zitrusnoten. Andere sind Meister in wasserfallartigen frischen Dufteindrücken. Wieder andere können vor allem orientalische Noten. Wenn die ersten Kompositionen eintreffen, rieche ich sie auf Duftstreifen, dann auf der Haut, protokolliere, wie sie sich nach einer Stunde, nach acht Stunden entwickeln. Schließlich bekommt ein Duft den Zuschlag. Und dann geht die Arbeit los. Dann mache ich Vorschläge, wie man ihn weiterentwickeln könnte. Etwa: Wir brauchen eine andere Rose, weil es zu metallisch für das Projekt riecht. Oder: Wir brauchen mehr Duftentfaltung im Raum. Wenn ich Glück habe, hält der Parfümeur das für eine tolle Idee und schickt eine neue Mischung. Manchmal überzieht er dann etwas, und ich zügele wieder sachte.
Welche Parfüms haben Sie entwickelt?
Ich könnte Sun von Jil Sander oder Cool Water von Davidoff nennen, weil das mehr als 30 Jahre her ist. Üblicherweise unterschreiben alle Beteiligten eine Stillschweigeklausel. Ich bin so etwas wie ein Geist in der Duftindustrie. Wenn ich mich zu stark herausstelle, verliere ich Kunden. Bei Cool Water brachte ich den Parfümeur Pierre Bourdon regelmäßig zur Weißglut, er musste den Duft gut 20 Mal überarbeiten. Wir wollten ja was Frisches machen. Ich bin durch Europa gereist und fast verrückt geworden, denn jedes Land versteht etwas anderes unter „frisch“.
Was ist in Cool Water drin?
Es sind 16 Zutaten. Ein paar kann ich nennen: Mandarine in der Kopfnote, Minze, Bergamotte. Viel Ambroxan, das auch die Eigenschaft hat, die Duftwirkung zu verlängern.
Vor 50 Jahren hatte es der deutsche Mann leicht bei der Duft-Auswahl. Er klatschte sich Pitralon, Prestige oder Hattrick auf die Wangen.
Es war tatsächlich sehr überschaubar. Frankreich beherrschte die Parfümerie. Und was dort so passierte, bekam man hier kaum mit. Deutsche Männer ließen sich Old Spice zum Geburtstag schenken und das Fläschchen im Bad verstauben. Dann erkannte der visionäre Herbert Frommen, Chef von Lancaster: Die Zeit ist reif für Düfte von deutschen Designern. Er gab mir damals die Chance, Parfüms für Joop und Jil Sander mitzuentwickeln.
Heute gibt’s Parfüms im Überfluss.
Pro Jahr kommen etwa 2000 neue Düfte auf den Markt. Nur ein Bruchteil davon schafft es, länger als ein Jahr zu überleben. Die Duftbranche ist zu einer Unterhaltungsindustrie geworden. Die Leute wollen ständig Innovationen, sie haben auch feinere und duftinteressierte Nasen als früher.
Entführen Sie uns auf eine kleine Reise in die Parfümgeschichte.
Ein Meilenstein war Aqua Reginae Hungari, im 14. Jahrhundert das erste international vertriebene Parfüm, das alle abendländischen Königshäuser beherrschte. Die genaue Rezeptur ist verschollen, es soll Rosmarin enthalten haben. 1881 kreierte Paul Parquet für das Pariser Dufthaus Houbigant ein revolutionäres Herrenparfüm: Fougere Royale enthielt erstmals einen synthetisch hergestellten Duftbaustein – Cumarin. Der Konkurrent Guerlain konterte mit Jicky, reich am künstlichen Duftstoff Vanillin. Jicky war für experimentierfreudige Jünglinge gedacht, wurde aber zum Parfüm der Neuen Frau, die für Gleichberechtigung kämpfte und nicht mehr nach Blümchen riechen wollte.
Parfüm riecht ja auf jeder Haut anders.
In den ersten fünf Minuten nicht. Aber dann verschmilzt es langsam mit dem Körpergeruch, dann wird’s richtig spannend.
Ist Duft wichtig bei der Partnerwahl?
Man weiß: Die Amygdala ist bei der Frau vernetzter, riecht feinfühliger. Sie kann das Immunsystem von einem Mann erschnuppern und mag, wenn es bekannt duftet. Vor allem junge Frauen wählen ihren Partner aus dem vertrauten Kreis – freilich nicht aus der Verwandtschaft, die Natur will ja keine Probleme. Der Mann soll gleich, aber auch anders riechen. Frauen sind also, ohne es zu wissen, sehr konservativ in der Partnerwahl – wenn sie das Vertraute mit etwas Gutem assoziieren. Bei einer gestörten Vaterbeziehung haben es Männer, die ähnlich riechen, schwer.
Helfen Pheromone?
Ich weiß nicht, ob es wie bei Schweinen funktioniert: Dass man was aufsprüht, und schon ist da eine Paarungsbereitschaft. Wozu auch. Es gibt Männer, die haben einen so attraktiven Körpergeruch für ihre Partnerin, da braucht es nichts anderes. Oder wenn eine Frau frisch aus der Dusche kommt und etwas Sun – bis heute einer meiner Lieblingsdüfte – auf die noch warme Haut gibt: Das ist betörender als jedes Pheromon.
Kann man beim Kauf eines Parfüms auch völlig danebengreifen?
Es passiert mir tatsächlich öfters, dass ich denke: Diese Duftaura passt gar nicht zu der Art, wie die Person auftritt. Bei Bewerbungsgesprächen kann das fatal sein – wenn das Parfüm gerade jene Eigenschaft wegnimmt, die man gerne rüberbringen möchte. Das merkt der andere sofort und intuitiv. Ein falscher Duft ist Kannibalisierung des eigenen Ich.
Eine leicht animalische Note ist aber durchaus spannend, oder?
Oh ja. Was nach Katzenpipi riecht, kann in leichter Konzentration einen Rosenduft menschlich machen. Der kleine subtile Gestank, den wir unbewusst wahrnehmen, verleiht Tiefe und Anziehung. Die Parfümerie hat seit jeher mit Zibet gearbeitet, einem Sekret der Zibetkatze, mit Amber, einer Ausscheidung des Pottwals, oder mit Bibergeil. Dass wir gewisse Gerüche in unserer Duftsozialisation als schrecklich empfunden haben, interessiert die Amygdala nicht. Deshalb riecht auch oft der eigene Gestank attraktiv für einen selber.
Parfümwerbung ist eigentlich immer erotisch angehaucht.
Das ist interessant, was Sie sagen, weil es sich gerade komplett ändert. Die Generation Z, die bis 25-Jährigen, suchen eher Happiness als Erotik. Die scheinen derart gebeutelt, die wollen nur noch Glücksgefühle. Deswegen sind Neuroscents so im Trend – Düfte, die einen in gewünschte Stimmungen bringen. Man kann heute nachweisen, wo bestimmte Düfte im Gehirn wirken. Will man aktiver, energetischer sein, muss man den Orbitalfrontalkortex stimulieren – und der liebt Zitrusnoten. Andere Duftkombinationen können eine leichte Gemütsaufhellung bei depressiver Verstimmung bewirken.
Welche Düfte in Mode sind, sagt auch etwas über unsere Gesellschaft?
Ich habe mal einen Artikel darüber geschrieben, was Duftrichtungen über Wahlergebnisse verraten. In den USA gibt es zwei Hauptduftrichtungen bei Damen: Die warmen Florientals, also blumige Wohlfühldüfte. Und die Chypre-Düfte, die etwas Peppiges, Aufforderndes haben. Jetzt können Sie schauen: Was wird mehr verkauft? Aktuell haben in Amerika blumige Wohlfühldüfte die Nase vorn. Das spricht für eine Tendenz in der Bevölkerung nach Ausgleich, nach Ruhe und wenig Risiko – also für die Demokraten. Während die frischen, lebendigen, aromatischen Düfte eher für republikanische Werte stehen – für Dynamik, Self-help und Move your ass. Im Moment riecht es nach Biden – doch mein gesunder Menschverstand sagt mir nach dem ersten TV-Duell: Die Demokraten können nur gewinnen, wenn er vor der Wahl aus Altersgründen abtritt.
Dieser Duft-Zusammenhang hat sich in der Vergangenheit bewahrheitet?
Verblüffenderweise ja. 2016 duftete es nach Trump, ich war da mit meiner Prognose allein auf weiter Flur. 2020 roch es nach Biden.
Vor der Europa-Wahl machten Sie sich Gedanken, wie Parteien riechen. Dem Wahlgewinner AfD etwa schreiben Sie ledrig-rauchig-animalische Noten zu, den Grünen gemüßig-holzig-süße.
Ich habe mich auf diese sicher nicht wissenschaftlich seriöse, aber vielleicht inspirierende Idee eingelassen. Die Grünen versuchen aus meiner parfümistischen Sicht, zwei Duftrichtungen – Gemüsenoten und Holznoten – zu verbinden. Diese Kombination kommt ursprünglich aus der Aromatherapie. Heute riecht der Duft, selbst mit fruchtigen Noten untermalt, für viele nicht mehr sehr außergewöhnlich. Und er ist in Gefahr, sich selbst zu neutralisieren.
Welchen Duft braucht Deutschland?
Ich mache im Moment alle Düfte für Deutschland mit Antistress. Knallharte Chypre-Noten sind tabu, genauso beschwingte Zitrusnoten. Ich kann in mein Wohlfühl-Floriental etwas positive Kulinarik reinbauen, Pfirsich vielleicht. Aber bloß nicht zu viel.
Schön an Düften ist auch, dass sie so stur unmittelbar sind und sich nicht beliebig reproduzieren lassen wie Töne.
Da muss ich Sie enttäuschen. Einem Team von Forschern des Max Planck Instituts für Chemie, des israelischen Weizman Instituts und des schwedischen Karolinksa Instituts ist es jetzt gelungen, einen Duft digital via Kabel zu übertragen. Mit Anis scheiterte der Versuch, da kam beim Empfänger ein kirschähnlicher Geruch raus. Mit Veilchen klappte es. Die Technologie ist noch nicht vollständig enthüllt und ein praktischer Nutzen auch noch sehr weit entfernt. Aber stellen Sie sich vor, was dann alles möglich wäre: Eine Krankheit etwa zeigt sich oft sehr früh in einer Veränderung des Körpergeruchs. Vielleicht schnuppert uns bald eine E-Nase im Badezimmer ab und schickt den Geruch im Ernstfall gleich übers Internet an den Arzt.
Noch ein praktischer Tipp zum Schluss?
Parfüm in die Kniekehle tupfen. Wer dann mit richtiger Kleidung die Beine gekonnt in Pose setzt, kann eine Duftwirkung entfalten, die irritiert, dann neugierig macht, schließlich den Wunsch weckt, Nähe zu suchen
Das Gespräch führte Robin Szuttor.
Zur Person
Karriere
Joachim Mensing wurde 1963 in Offenburg geboren und wuchs in Freiburg im Breisgau auf. Der Psychologe und Soziologe entwickelt seit Jahrzehnten Düfte und Marketingkonzepte für die internationale Beauty-Branche: von Armani, Chopard und Estée Lauder bis Jil Sander, Lancaster und Lancôme. Viele seiner Produkte erhielten den Fifi-Award, den Parfüm-Oscar. Im Jahr 2021 wurde Mensing mit einem Ehrenpreis der Fragrance Foundation ausgezeichnet.
Autor
Mensing verfasste zahlreiche Studien zur Neuroparfümerie und Neuropsychologie. In seinem Buch „Schöner Riechen“ (Springer-Verlag, 27,99 Euro, 373 Seiten) gibt er Einblicke in die neue Welt der Erlebnisparfüms.