Kann der Pontifex eine Welt in Aufruhr und Hass befrieden? Foto: KI/Midjourne/Montage: Björn Locke

Der Status des Papstes gleicht einem absoluten Monarchen. Doch außerhalb der Kirche zählt nur Glaubwürdigkeit. Hier gibt es für Leo XIV. noch einiges zu tun.

Habemus Papam – wir haben einen Papst.“ Diesem Satz des Kardinalprotodiakons auf der äußeren Loggia von Sankt Peter haben am Abend des 8. Mai Tausende auf dem Petersplatz und Abermillionen an den Bildschirmen entgegengefiebert, nachdem kurz zuvor aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle weißer Rauch gequollen war. Doch dann war die Überraschung groß: „Robert Francis – wer?“ und „Leo XIV.“? Den Augustiner Kardinal Prevost, einen US-Amerikaner mit peruanischem Pass, hatte kaum jemand auf der Rechnung.

 

Aber auch wenn kaum jemand Prevost kannte, brandete auf dem Petersplatz ungeheurer Beifall auf. Die Person des Gewählten scheint kaum eine Rolle gespielt zu haben. Hätten die Menschen jedem applaudiert, der auf der Loggia, angetan mit den päpstlichen Gewändern, als neuer Papst präsentiert worden wäre? Offenkundig ja. Hauptsache man war bei diesem einmaligen Ereignis dabei. Die Papstwahl als Höhepunkt der modernen Eventkultur – Inhalt und Person des Pontifex weitgehend gleichgültig?

Dafür spricht viel, wenn man sich bei den auf dem Petersplatz versammelten Menschen umhört, aber es ist vielleicht doch nur die halbe Wahrheit. Denn das ganze Zeremoniell der Sedisvakanz – jener Zeitspanne, in der der Papstthron leer ist – dient letztlich dazu, die Ewigkeit des Papsttums als Institution rituell und theologisch abzusichern und dabei die Sterblichkeit des einzelnen Papstes als Person in den Hintergrund treten zu lassen: „Non è Francesco, non è Leone, è il Papa, indifferente il nome.“ – Es ist nicht Francesco, es ist nicht Leone, es ist der Papst, der Name ist egal. Das ist einer der Gründe, warum sich der Pontifex an der Spitze der katholischen Kirche als ideale Projektionsfläche ganz unterschiedlicher Wünsche und Kirchenträume geradezu anbietet, die der konkrete Papst kaum jemals erfüllen kann.

All die Rituale im Umfeld einer Papstwahl sollen vergessen lassen, dass es dabei natürlich auch um Macht und Einfluss geht, um mitunter heftige Auseinandersetzungen um die „Richtung“, die die Kirche einschlagen soll. Die ewige Ordnung der katholischen Kirche soll abgebildet und die gütig waltende Vorsehung des transzendenten Gottes sichtbar gemacht werden. Da in all diesen Riten Gottes verborgenes Handeln erfahrbar werden soll, verwundert es nicht, dass der eigentlich entscheidende Akt, die Wahl des Papstes, im Geheimen geschieht, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, hinter verschlossenen Türen im Konklave in der Sixtina unter Michelangelos Jüngstem Gericht.

Die Ahnung, dass hier etwas Geheimnisvolles, Einmaliges und Entscheidendes passiert, ist wahrscheinlich der entscheidende Grund dafür, warum das Konklave und der daraus hervorgegangene Papst Menschen weit über den Raum der katholischen Kirche hinaus derartig fasziniert: eine Ahnung von Transzendenz in der Immanenz, von Ewigkeit in den Irrungen und Wirrungen der Zeit. Wo Verschwörungserzählungen und Fake News grassieren und politische Potentaten einem angst und bange werden lassen, sehnt man sich nach einem Anker der Wahrheit und authentischem Anwalt der Menschlichkeit. Und was könnte dafür geeigneter sein als die uralte Institution des Papsttums?

Aber eigentlich wurde nach dem Konklave etwas Ungeheures angekündigt. Denn vor dem „Habemus papam“ hat der Kardinaldiakon gesagt: „Annuntio vobis gaudium magnum“ – Ich verkünde Euch eine große Freude. Das greift die Formulierungen des Verkündigungsengels im Weihnachtsevangelium auf, der mit diesen Worten die Geburt des Erlösers Jesus Christus im Stall von Bethlehem bekannt macht. Der Papst ist also niemand anders als der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der Vicarius Christi, wie einer seiner Titel lautet. Und er verfügt nach den 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil verabschiedeten Dogmen nicht nur über den absoluten „Jurisdiktionsprimat“ in der ganzen Kirche – vereinigt also als absoluter Monarch Legislative, Exekutive und Judikative in einer Hand – sondern kann in Glaubens- und Sittenfragen auch unfehlbar lehren und ewige unveränderliche Wahrheiten verkünden. Ein Bischof sprach damals sogar von der dreifachen Inkarnation, der dreifachen Menschwerdung Christi: im Kind im Stall von Bethlehem, in der Hostie der Eucharistie – und im Papst.

Dieser absolutistische Machtanspruch ist gewaltig, wird aber in dem neuen, seit 1978 gültigen Zeremoniell der Amtsübernahme eines neuen Papstes gekonnt verschleiert. Die Liturgie heißt jetzt offiziell nicht mehr „Krönung des Papstes“, sondern nur noch „Feier zur Übernahme des Petrusdienstes“, und alles, was irgendwie nach monarchischen Ansprüchen aussehen könnte, wird gekonnt hinter einem Zeremoniell der Demut und päpstlichen Bescheidenheit versteckt.

Das kann man sehr gut erkennen, wenn man die Amtseinführung Pauls VI. 1963 mit der des jetzigen Papstes 2025 vergleicht: Heute eine einfache Bischofsmitra und der schlichte Fischerring statt wie damals die Krönung mit der Papstkrone, der Tiara. Sie symbolisierte die dreifache Vollmacht des Papstes, wie das Gebet bei der Krönung deutlich zum Ausdruck brachte: „Empfange die mit drei Kronen geschmückte Tiara und wisse, dass du der Vater der Fürsten und Könige, der Lenker der Welt, der Vicarius unseres Erlösers Jesu Christi auf Erden bist, dem Würde und Ehre ist in aller Ewigkeit.“ Zudem gab es 2025 keine Inthronisation mehr wie bei der Amtseinführung eines Königs oder Kaisers. Der neue Papst kommt zu Fuß und wird nicht mehr in der thronartigen „Sedia gestatoria“ getragen, von Pfauenfedern beschattet. Schließlich wird auf den Fußkuss der Kardinäle verzichtet, stattdessen gibt es Umarmungen. Zusammengefasst: imitatio Christi statt imitatio Imperii – zeremonielle Nachahmung des armen Christus, der keinen Platz hatte, sein Haupt hinzulegen, statt Nachahmung des byzantinischen Kaisers.

Das Zeremoniell der Bescheidenheit ist zunächst einmal nur eine rituelle Fassade, die an dem Faktum der absoluten Papstmonarchie im innerkirchlichen Feld nichts ändert. Und die theologische Frage bleibt, ob man ewige Wahrheiten wie das Unfehlbarkeitsdogma von 1870 überhaupt ändern kann. Die katholische Kirche gleicht hier eher einer Einbahnstraße ohne Wendeplatte. Dass Laien, auch Frauen, an den Synodenberatungen in Rom teilnehmen und „mitentscheiden“ durften, wurde von manchen Kommentatoren als große Reform gefeiert. Doch einerseits hat eine solche Synode keinerlei Entscheidungskompetenz, sie darf dem Papst lediglich Vorschläge machen, nach denen der Pontifex nach Gutdünken verfährt. Andererseits wurden keine wirklichen Reformvorschläge vorgelegt, die zu einer Veränderung des geltenden Kirchenrechts geführt hätten.

Der Papst muss die Gegensätze versöhnen

Eine wirkliche Reform der Struktur der Kirche könnte nur durch eine Wiederentdeckung der konziliaren Traditionen der Kirchengeschichte Aussicht auf Erfolg haben, die monarchische und kollegiale Tendenzen in der katholischen Kirche wieder in ein Gleichgewicht bringen würde. Eine solche Selbstbeschränkung seiner absoluten Vollmacht kann aber nur vom Papst selbst ausgehen. Ob Leo XIV. dazu bereit ist, steht dahin.

Eine ganze Reihe von Reformansätzen im Pontifikat von Franziskus wurden von sogenannten „Traditionalisten“ mit dem Argument der absolut notwendigen Einheitlichkeit der katholischen Kirche gestoppt. Die Kirchengeschichte zeigt jedoch, dass es in der Tradition der Kirche immer wieder gleichzeitig unterschiedliche Verwirklichungen des Katholischen gab, die aber die Einheit der Kirche eben nicht gefährdet haben: im Frühmittelalter etwa zwei gegensätzliche Konzeptionen des Bußsakraments (in Rom nur einmal im Leben möglich, in Irland so oft wie notwendig), in der frühen Neuzeit verschiedene Modelle der Gnadenlehre oder Bischöfe mit und ohne Weihe. Deshalb wünschen sich viele einen wahrhaft „katholischen“ Papst als unverzichtbaren Einheitspunkt einer katholischen, das heißt umfassenden und vielgestaltigen Kirche, Einheit im Glaubensbekenntnis und versöhnte Verschiedenheit in Feldern der Kirchendisziplin. Weibliche Diakone und die Segnung homosexueller Partnerschaften wären in Mitteleuropa wahrscheinlich denkbar, in manchen kulturellen Kontexten Afrikas vielleicht (noch) nicht. Hier liegen gewaltige Herausforderungen vor einem Papst, der sich als Brückenbauer versteht.

Die Missbrauchsskandale müssen aufgeklärt werden

Die Hoffnungen vielen Menschen – auch und gerade von Nicht-Katholiken – richten sich aber auf das moralische Kapital des neuen Papstes als politischem Akteur. In der momentanen Weltlage, die bedrohlicher ist als jemals seit Ende des Zweiten Weltkriegs, braucht es in der Tat einen ehrlichen Makler und allgemein respektierten Mediator, für den die Würde jedes einzelnen Menschen oberstes Prinzip ist. Hier hat Leo XIV. mit einer klaren Friedensbotschaft bereits erste wichtige Impulse gesetzt. Auch die Wahl seines Papstnamens, die sich an Leo XIII. (1878-1903) orientiert, spricht für ein dezidiert soziales und politisches Pontifikat.

Diese wichtige Rolle kann der neue Papst jedoch nur dann wirklich ausfüllen, wenn die katholische Kirche und ihr oberster Repräsentant ihre Glaubwürdigkeit, die durch die Missbrauchsskandale und ihre unzureichende Aufarbeitung schwer beschädigt wurde, wiedergewinnt.

Dazu müsste der Papst nicht nur die Diözesen und Orden weltweit auffordern, ihre Personalakten ohne Einschränkung zugänglich zu machen, sondern er müsste zuerst alle kurialen Bestände zu diesem Thema – die vor allem im Archiv der Vatikanbehörden für die Glaubenslehre liegen – für die letzten 80 Jahre öffnen.

Dann könnte man sehen, wie seine Vorgänger, vor allem Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus sich bei diesem Thema wirklich verhalten haben. Ob sie klerikale Täter geschützt und in andere Länder und Diözesen versetzt und damit Kinder und Jugendliche erneut Gefahren ausgesetzten oder ob sie Täter konsequent bestraften.

Wer als ehrlicher Makler politisch erfolgreich tätig sein und den Glauben an die Auferstehung Jesu verkünden will, der braucht auf dem politischen wie religiösen Feld gleichermaßen Glaubwürdigkeit als Grundvoraussetzung. Wenn es dem neuen Papst Leo XIV. gelingt, diese wieder herzustellen, dann hätte uns der Kardinaldiakon auf der Loggia des Petersdoms wirklich eine große Freude verkündet.