Tom Bullus war einer der besten Motorradrennfahrer der 1930er Jahre. Doch die Ehe mit der Tochter des NSU-Direktors beendete seine Karriere vorzeitig.
Montag, 15. Juni 1925: Es ist die offizielle Geburtsstunde des Rennfahrers Tom Bullus. Dabei war der damals 18 Jahre alte Bursche eigentlich nur als Ersatzfahrer für die legendäre Tourist Trophy auf der Insel Man in der Irischen See vorgesehen. Hauptfahrer für die Panther-Maschine der Firma Phelon & Moore war Oliver Langton. Doch Langton stürzte auf einer Proberunde. Das war Bullus‘ Chance. Der junge Mann, den viele einfach nur Tommy nannten, nutzte sie. Und wie.
Bereits seit seinem 14. Geburtstag hatte er zuhause auf dem Motorrad seines Vaters bei sogenannten Speed Trials teilgenommen, kleinen Geschwindigkeitsrennen auf abgesperrten Straßen. Das zahlte sich nun aus. Tom Bullus kam – obwohl er die letzte Runde ohne Schutzbrille und mit gebrochenem Rahmen durchhalten musste – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 99,7 km/h sensationell als Vierter ins Ziel.
Der Fokus liegt auf dem Motorrad
Der Engländer aus Bradford im Westen der Grafschaft New Yorkshire war über Nacht ein Begriff in der Rennsportszene geworden. Davon profitierten einige Jahre später auch die NSU-Werke in Neckarsulm. Das Unternehmen war Ende der 1920er Jahre in wirtschaftlich schweres Fahrwasser geraten. Nur durch den Einstieg zweier neuer Mehrheitsaktionäre – die Dresdner Bank und die italienische Autofirma Fiat – ging es mit NSU wieder aufwärts. Das Automobilgeschäft wurde an Fiat verkauft. Somit lag der Fokus vollkommen auf dem Motorrad. Werbewirksame Siege in der wichtigen Halbliterklasse sollten her. „Win on Sunday, sell on Monday!“, lautete das Motto. Zudem entschied man sich, mit Walter William Moore einen Engländer als neuen Konstrukteur zu verpflichten. Der sollte eine NSU-Rennmaschine der 500 Kubikzentimeter-Klasse an die Weltspitze heranführen. Bei der Konkurrenz der englischen Norton-Rennabteilung hatte er das in der Halbliterklasse schon hinlänglich unter Beweis gestellt.
Doch der Ingenieur Moore wusste: Um erfolgreich zu sein, braucht man nicht nur gute Rennmaschinen, sondern auch exzellente Fahrer. Also empfahl er dem damaligen NSU-Direktor Fritz Gehr, seinen Landsmann Tom Bullus als Werksrennfahrer nach Neckarsulm zu holen. Gehr stimmte zu und verpflichtete Bullus. Was er allerdings nicht ahnen konnte: Seine jüngste Tochter Hilde verliebt sich unsterblich in Tom, und so ist das Ende der Karriere von Bullus über kurz oder lang schon programmiert.
Doch der Reihe nach. Keine weiß die Liebesgeschichte von Tommy und Hilde besser zu erzählen als Susanne Schartel. Sie ist die Urenkelin von Fritz Gehr, und Hilde ist ihre Großtante. Schartels Omi Gretel war Hildes ältere Schwester. Als Schartel nach dem Tod ihrer Großmutter deren Haus in Stuttgart auflöst, stößt sie auf unzählige Fotos, Dokumente, Prospekte, Briefe und Tagebücher. „Insbesondere Onkel Tommys persönliche Notizen über seine Rennjahre fesselten mein Interesse“, erzählt Schartel.
Gesamtsieg beim Solitude-Rennen
Denn Tom Bullus startet von 1930 bis 1932 so richtig durch. Im Juni 1930 kommen 120 000 Zuschauer zum Großen Preis von Deutschland auf den Nürburgring. Bullus wird auf der 500er Vierter und holt sich den Ehrenpreis für das schnellste deutsche Motorrad. Ein Anfang ist gemacht.
Im Juli desselben Jahres donnert er als Gesamtsieger des Solitude-Rennens vor den Toren Stuttgarts durchs Ziel. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 110,4 Stundenkilometern stellt er zudem einen neuen Solitude-Rekord auf. Im NSU-Werk in Neckarsulm erwartet ihn vor den Werkstoren ein triumphaler Empfang. Die gesamte Belegschaft und auch viele Neckarsulmer haben sich versammelt und huldigen dem erst 23 Jahre alten Rennfahrer.
Es reiht sich ein Erfolg an den nächsten. Anfang August rast Bullus auf dem Motorrad schneller über den Klausenpass in der Schweiz als die Rennfahrerlegende Caracciola mit einem 300 PS starken Kompressormotor im 7,1-Liter Mercedes-Benz SSK. Und es kommt noch besser: Mitte August steht der Große Bergpreis von Deutschland auf dem Programm. Wieder ist er schneller als Caracciola und auch als alle anderen Sport- und Rennautofahrer wie Stuck oder von Morgen. Es ist das erste Mal, dass einem Motorradfahrer dieses Meisterstück gelingt. Auf dem Schauinsland bei Freiburg wird Bullus zu Ehren die englische Nationalhymne gespielt und der Union Jack gehisst.
Schon mit 17 verliebte sich Hilde in ihren Tommy
Drei Jahre in Folge gelingt Tom Bullus der Sieg am Schauinsland. Und nicht nur dort. Auf der Avus in Berlin, in Monza, beim Gaisbergrennen in Salzburg oder auf dem Hockenheimring: Tom Bullus hängt die Konkurrenz auf allen wichtigen Rennen der damaligen Zeit ab und wird dank seiner sympathischen Art zum Publikumsliebling.
Inzwischen sind Hilde und er ein Liebespaar. Schon als das Nesthäkchen der Familie Gehr den schnittigen Engländer im Dezember 1929 das erste Mal zu Gesicht bekam, hatte sie weiche Knie. Vom Fenster der elterlichen Villa aus beobachtete die damals 17-Jährige, wie Tommy im Hof vorfuhr und von ihrem Vater empfangen wurde. Sofort war es um Hilde geschehen.
„Später versuchte sie oft, die genauen Empfindungen dieses schicksalhaften Tages zu rekonstruieren“, schreibt Susanne Schartel in ihrem biografischen Roman „Hilde und Tommy“. „Aber alles blieb schemenhaft unter einem Schleier der Aufregung.“ Sie erinnerte sich „vor allem an sein umwerfendes, lausbubenhaftes Lächeln“. Schartel weiß aus den alten Unterlagen: „Er hatte perfekte weiße Zähne und war unglaublich gut aussehend in seinem hellen Trenchcoat über dem dunkelgrauen Anzug.“ Eine Strähne seines braunen, zurückgekämmten Haares fiel ihm oft in die Stirn, so die schriftlichen Erinnerungen von Hilde.
Nach der Heirat zieht sich Bullus mit seiner Frau nach England zurück
Doch als es richtig ernst wurde zwischen den beiden, stellte Fritz Gehr seinem Erfolgsfahrer eine Bedingung: Nur wenn er mit dem Rennsport aufhören würde, könne er seine Tochter heiraten. Der NSU-Direktor stellte das Wohl seiner Tochter und ihres künftigen Ehemanns über das Wohl der Firma. Vielleicht fiel ihm die Entscheidung auch deshalb etwas leichter, da NSU damals die letzten waren, die trotz der herrschenden eklatanten Rezession noch an einem Rennprogramm festgehalten hatten. Nach der Heirat zog sich Tom Bullus mit seiner Frau nach England zurück, wo er zusammen mit einem ehemaligen Rennkameraden ein Motorradgeschäft eröffnete. Die Geschäfte florierten. 1938 erfüllte er sich einen lang gehegten Wunsch und erwarb den Pilotenschein für Privatflugzeuge.
Da Hilde immer wieder Heimweh hatte, kam es zu unzähligen Heimatbesuchen bei ihrer Schwester Gretel in Stuttgart. „Tante Hilde und Onkel Tommy kommen!“ Diese Ankündigung genügte, „um die gesamte Familie in Stuttgart in einen Ausnahmezustand zu versetzen“, erinnert sich Susanne Schartel noch heute. Denn „Tante Hilde und Onkel Tommy waren die coolsten und lustigsten Familienmitglieder, die ich hatte“, sagt sie.
Die Liebe der beiden, für die Tom Bullus mit der Beendigung seiner Sportlerkarriere einen hohen Preis bezahlten musste, hielt ein Leben lang. Und so endet Susanne Schartels Buch mit den Worten: „Nur der Tod vermochte diese außergewöhnliche Liebe beenden zwischen dem Direktorentöchterlein aus Neckarsulm und dem Motorrad-Champion aus Yorkshire. 1998, im 65. Jahre ihrer Ehe, verließen uns Hilde und Tommy innerhalb von nur sechs Monaten und einem Tag.“
Die Geschichte des schwäbischen Unternehmens NSU
Anfänge
An der Geschichte von NSU lässt sich die Entwicklung der Mobilität ablesen – vom Fahrrad über das Motorrad bis hin zum Automobil. 1873, also vor mehr als 150 Jahren, gründeten Christian Schmidt und Heinrich Stoll die „Mechanische Werkstätte Schmidt & Stoll“, um Strickmaschinen herzustellen. Zunächst ist der Firmensitz in Riedlingen. 1880 wird er von Schmidt und seinem Schwager Gottlob Banzhaf nach Neckarsulm verlegt. Später entwickeln sich daraus die NSU Motorenwerke und der Audi-Standort Neckarsulm. NSU stellt ab 1886 Fahrräder her („Germania“ hieß das erste NSU-Hochrad) und war ab 1900 in Deutschland maßgeblich an der Entwicklung von Motorrädern beteiligt.
Blütezeit
1904 holte Banzhaf dann Fritz Gehr von der Daimler-Motorengesellschaft und stellte ihn zunächst als Prokuristen ein. 1905 wurde zusätzlich die Produktion von Autos aufgenommen. Schon 1908 beteiligt sich NSU an internationalen Autorennen. 1910 wird Banzhaf aus gesundheitlichen Gründen von Gehr als Direktor abgelöst. Er bleibt bis kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis im Jahr 1933 im Amt.
Ende
1969 fusionieren NSU und die Auto Union zur Audi NSU Auto Union AG. 1985 erfolgte die Umbenennung in Audi AG. Der Name NSU verschwindet aus der Firma und ist seither Geschichte.