Ein Wiedersehen mit Marijn Rademaker gab es in dem Noverre-Beitrag „What we’ve been telling you“, den der Holländer mit Matteo Miccini choreografierte und tanzte. Foto: Stuttgarter Ballett

Zehn Choreografien addieren sich im Schauspielhaus zu einer tollen Show. Engagiert getanzt, gibt dieser Noverre-Abend Einblick in die Ernsthaftigkeit, mit der junge Menschen heute auf ihre Welt schauen.

Stuttgart - Welch ein Glück muss es am Mittwochabend gewesen sein, Ballettintendant in Stuttgart zu sein. Mal abgesehen davon, dass während der Vorstellung der „Jungen Choreografen“ im Schauspielhaus der Vorhang riss, war da ein höchst professioneller Noverre-Jahrgang am Werk, der noch von sich hören und sehen lassen wird. Wo Ballettdirektoren anderswo mühsam Videomaterial sichten müssen, hat Tamas Detrich am Ende eines kurzweiligen Abends die Qual der Wahl: Unter den zehn gezeigten Choreografien war jede tänzerisch so intensiv, so nah am Puls der Zeit oder so besonders, dass man ihre Urheber ohne Zögern mit größeren Aufgaben betrauen könnte. Engagiert getanzt, gab der Abend Einblick in die Ernsthaftigkeit, mit der junge Menschen auf die Welt schauen.

Alles stimmte also, sogar die Zerstörung des Vorhang hatte perfektes Timing und ließ durch Stofffetzen auf das Schlussbild eines Stücks schauen, das wie ein Rocky Horror Picture Ballet auf sehr komischen Grusel setzte. In „Demon Days“ lässt Fraser Roach wie in einem alten Film Nero auf Nosferatu, Blumenmädchen auf Nervenbündel treffen. Zitternde, zuckende Bewegungen bündeln emotionale Energie – und sogar ein Paar Spitzenschuhe, das einzige des Abends!, taucht auf. Zehn Tänzer braucht Roach für sein Scary-Ballet, mehr bot keiner. Doch auch in kleiner Besetzung konnte der choreografische Nachwuchs überzeugen: Matteo Miccini und sein ehemaliger Stuttgarter Kollege Marijn Rademaker tanzten ihr Duett „What we’ve been telling you“ selbst: Präzise, reif, geerdet, holländisch klar bis in die feinsten Gesten spürten sie dem Gegen- und Miteinander einer Freundschaft nach, unterstützt von Franz Schubert und zwei Pianisten. Was für ein anrührendes Wiedersehen!

Energie entlädt sich

Außer Rademaker gab es weitere Gäste: Lucyna Zwolinska aus Saarbrücken lässt drei Tänzer die Köpfe wie nervöse Pferde nach hinten werfen, Wellen durchlaufen ihre Körper, bis sich die Energie in „Trying to Breathe“ gegen den entlädt, der später dazukam und anders aussieht. Aus London kommt Morgann Runacre-Temple und bringt in „Rosie fällt“ enormes Tempo in das Aufeinandertreffen von Hyo-Jung Kang und drei Jungs; klassische Linien, Pirouetten flirren regelrecht, dann werden Figuren in wunderbarer Trance gedehnt. Sehr routiniert bewegt Azman Arturi aus Essen sechs Paare durch Soli, Duette, Gruppen und setzt mit Licht und Musik sentimentale Effekte.

Kurze Statements der Choreografen

Überhaupt: Mit Licht arbeitete der Nachwuchs, als wäre es ein Leichtes, eine Bühne auszuleuchten. Agnes Su zum Beispiel taucht drei Tänzer in einen roten, einen grünen und einen blauen Lichtkegel. Schöne Mischungen ergibt das in „White Light“ – und überraschende Bewegungen, die Agnes Su, die selbst in Blau tanzt, wie einen Schatz mit gewichtigen Gesten aus großer innerer Ruhe birgt. Eine Augenweide ist auch Aurora de Moris Blick auf sechs Menschen vor und nach einer rot ausgeleuchteten Katastrophe. Angetrieben von der Wucht in der Musik Carl Orffs stürzen sie sich in „Pompei“ in beeindruckend virtuose Szenen, um sich danach in einem ruhigen Epilog freizukämpfen und die eigene Hybris zu reflektieren. Mit zwei Seiten spielt auch Timoor Afshar in „B-Side“, wenn sich ein dunkler Schatten immer wieder zwischen ein Paar drängt, bis das Glück der Zweisamkeit die beiden triumphieren lässt.

Ein Wiedersehen wünscht man sich auf alle Fälle mit diesen beiden Stücken: Alessandro Giaquintos „Just Sometimes“ besticht durch präzise Gesten, die Körper auch zum Instrument machen; die sechs Tänzer insistieren unter Hochspannung, fügen sich zu Gruppenskulpturen, kosten Ruhemomente aus. „Polosoma“ heißt Shaked Hellers Betrag, getanzt zu einer finnischen Polka von sechs Tänzern in witzigen, weißen Anzügen entwickelt es mit kessen Hüftschwüngen und minimalistisch gesetzten, aber doch einfallsreichen Bewegungen einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.

Insgesamt ein prächtiger erster Noverre-Streich unter Regie des Stuttgarter Balletts. Projektleiterin Sonia Santiago hat die Abfolge der Stücke klug komponiert und ihnen Statements der Choreografen vorangestellt, die auf ihre Beiträge einstimmten. Das alles summiert sich zu einem Abend, aus dem man so viele Eindrücke mitnimmt, die das Warten auf den nächsten Noverre-Reigen versüßen.

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