Seit 1. September ist Kai Gniffke der neue Intendant des SWR. Er muss seinen Sender fit machen für die Zukunft, sieht Heimatfernsehen aber nach wie vor als wichtige Aufgabe an. Streamingdienste erkennt er als große Konkurrenz – aber Angst macht die ihm trotzdem nicht.
Stuttgart - Als Peter Boudgoust im Jahr 2007 Intendant des SWR wurde, galt die zweitgrößte ARD-Anstalt als verschnarcht und weitgehend unreformierbar. Boudgousts Nachfolger Kai Gniffke, der am 1. September sein Amt angetreten hat, findet einen in vielem dann doch reformierten Sender vor – aber auch einen, der vor gewaltigen neuen Herausforderungen steht. Im Interview erklärt der 58-jährige Gniffke, der von 2003 bis 2019 Chef von ARD-Aktuell in Hamburg war, also auch zuständig Für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, was er vorhat.
Herr Gniffke, vor Ihrer stark politisch geprägten Wahl zum SWR-Intendanten gab es einige Querelen. Hatten Sie irgendwann das Gefühl, beschädigt zu werden?
Ja, definitiv, aber mit Politik hatte das gar nichts zu tun. Ich bekam da eine SMS: „Es gibt Metoo-Vorwürfe gegen Dich!“. Das zog mir beinahe den Boden unter den Füßen weg. Es stellte sich dann heraus: Es bezog sich auf einen Abschiedsfilm für einen früheren Kollegen, bei dem ich in die Maske einer Nachrichtensprecherin geschlüpft bin. Das Video wurde begutachtet und für komplett in Ordnung befunden.
Es gab aber auch Stimmen, die sich ein breiteres Kandidatenfeldgewünscht hätten.
Das finde ich völlig okay. Es war nicht meine Entscheidung, ich habe das Verfahren nicht zu bewerten.
Die Medienwelt ist im Umbruch, Sie finden ganz viele Baustellen vor. Mit welcher wollen Sie anfangen?
Für viele Probleme finde ich schon etwas vor im Sender: Die Diskussionen sind geführt, es gibt schon Konzepte. Weshalb ich die Frage der Veränderungs- und Innovationskultur als vordringlich sehe. Wie bringen wir Innovationen künftig schneller an den Start? Und wie schaffen wir es, unsere Arbeitsprozesse so zu organisieren, dass wir weniger Kräfte durch Doppelarbeit verschleißen?
Wie gehen Sie dabei mit den Egoismen der verschiedenen SWR-Standorte um?
Ich erlebe gerade etwas ganz anderes als den Kampf für Standortinteressen: einen sehr hoch ausgeprägten Teamgeist. Wir sind dabei, die Strukturen des gesamten Nachrichtenbereichs im SWR neu zu organisieren. Damit nicht mehr an allen Standorten alles gemacht wird, Onlinenachrichten, Hörfunknachrichten, Fernsehnachrichten. Ich verspüre da eine sehr große Offenheit, auch mal Wege zu gehen, die vor einem Jahr vielleicht noch unvorstellbar gewesen wären.
Zu Heimat und Moderne
Neue Wege: Wäre das zum Beispiel der Stadtteil-Reporter, der ganz weit weg vom schweren alten Produktionsapparat und dem Ü-Wagen mit der Smartphone-Kamera arbeitet, ganz nah am Regionalen und Aktuellen?
Es geht nicht zwingend nur um Stadtteilgeschichten. Aber wenn wir auch im SWR Fernsehen frühere Nachrichten wollen, nicht erst ab 16 Uhr, wird das schwierig, wenn ich in herkömmlichen Produktionsweisen denke. Also muss ich einen Kollegen bitten, gleich nach einer Pressekonferenz um 12 Uhr ein wenig Rohmaterial ins Funkhaus zu überspielen, damit wir daraus einen Beitrag machen. Haben Smartphone-Bilder denn die nötige Qualität, wird da gefragt. Antwort: Ja. Im Newsbereich muss es nicht immer das große Besteck sein.
Zur Stabwechselfeier beim SWR hatten Sie eine TV-Kritikerin eingeladen, die Ihrem Sender ordentlich die Leviten las: zu viel Heimattümelei und kochende Landfrauen, zu wenig Gesprächsstoff. Können Sie damit etwas anfangen?
Ja und nein. Da wurde schon eine großstädtische Perspektive deutlich, der alles, was auf dem Land passiert, sofort suspekt ist, weil es angeblich „tümelnd“ ist. Aber uns muss es gelingen, Heimat und Region abzubilden, ohne dabei provinziell zu wirken. Wir müssen die Themen, die die Menschen bewegen, die sich etwa verbinden mit den Begriffen Digitalisierung und Globalisierung, in der Region und im Land abbilden, des Lebens pralle Fülle.
Dieses Dranbleiben am Wandel und der Realität war auch Ihrem Vorgänger sehr wichtig. Der hatte aber auch keine Scheu, Retro-Formate wie „Die Montagsmaler“ wiederzubeleben oder eine weitere Talkshow zu installieren. Ticken Sie da anders?
Ich kann mir sogar noch mehr Talks vorstellen. Wenn wir die richtigen Ideen dafür haben. Aber es sollte eben nicht die zehnte ähnliche Idee sein, sondern darf ruhig überraschend anders sein. Daran zu arbeiten, den SWR also auch mit neuen Formaten ins Rampenlicht zu stellen, kann unsere Arbeit antreiben.
Zu den neuen Impulsen
Wo sehen Sie denn innovative Formate?
Man muss sich nur mal bei funk umgucken, dem jungen Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Da gibt es ganz viele spannende, innovative Formate. Jetzt müssen wir schauen, wie schaffen wir es, die Kreativität, die dort unstreitig vorhanden ist, ins lineare Programm einsickern zu lassen. An dieser Stelle ziehe ich sämtliche Hüte vor meinem Vorgänger Peter Boudgoust, der funk gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt hat.
Welche Impulse soll der SWR innerhalb der ARD geben?
Der SWR ist der Federführer für funk und auch zuständig für die ARD-Online-Koordination und für die ARD-Mediathek, die wir gerade mit großer Energie noch einmal stärken werden. Die nonlineare Nutzung nimmt rasant zu. Dafür innerhalb der ARD das Bewusstsein zu schaffen, war eine ganz wichtige Aufgabe des SWR. Da dürfen wir nicht nachlassen.
Im Unterhaltungsbereich sehen Sie sich einer gigantischen Herausforderung durch die Streamingdienste gegenüber. Wie wollen Sie diesen finanzstarken Konkurrenten begegnen?
Im Bereich der Serien haben wir sicher Nachholbedarf. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir sagen müssen: Jetzt wollen wir mal sehen, wer besser ist. Wir haben hier in diesem Land hinter jedem Baum ein Studio. Da kann es doch nicht sein, dass amerikanische Tech-Konzerne uns zeigen, wie Fernsehen geht. Wir haben starke Marken, die Menschen haben ein großes Vertrauen zu uns.
Zum Binden junger Talente
Wird man angesichts der Größe der Konkurrenz ARD und ZDF in einigen Jahren vielleicht zu einer einzigen, schlagkräftigeren Anstalt verschmelzen müssen?
Das wäre das Falscheste, zu sagen, jetzt verschmälern wir auch noch Angebot, jetzt machen wir einen der beiden nationalen Anbieter dicht.
Können Sie denn im Wettbewerb die nötigen Talente an sich binden?
Gerade in der Kreativwirtschaft ist den Leuten der Sinn der Arbeit extrem wichtig. Damit können wir wuchern. Wir können jungen Menschen sagen: „Vielleicht können wir nicht so gut zahlen wie die großen Streamingkonzerne. Aber Ihr macht hier was, womit ihr zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zum Erhalt der Lebensgrundlagen beitragt“.
Das ZDF holt gerade Jan Böhmermann ins Hauptprogramm, der stark polarisiert, aber auch für Gesprächsstoff sorgt.
Man braucht heutzutage durchaus Köpfe, die für eine bestimmte Programmfarbe stehen. Ich werde aber nicht anderswo Leute wegkaufen und dann ein Nachahmerformat installieren. Da muss für mich erst einmal eine zündende Idee da sein: Das könnten wir mit der oder dem machen.
Zum Umgang mit der AfD
Den etablierten Journalismus, auch Ihren Sender, trifft der Vorwurf, er bilde legitime Anliegen der Bürger nicht hinreichend und nicht objektiv genug ab. Sehen Sie das auch so?
Der Vorwurf ist in gewisser Weise gerechtfertigt. Nicht im Sinn der Behauptung: „Ihr dürft ja bestimmte Dinge gar nicht sagen.“ Das ist ausgemachter Blödsinn. Aber der Vorwurf trifft insofern, als wir zum Beispiel nicht genügend abbilden, wie Menschen mit Migrationshintergrund heute wirklich leben. Vermitteln wir denen das Gefühl, dass der SWR auch für sie da ist und sie wahrnimmt?
Viel Kritik kommt doch aber gerade von weit rechts, wo man Migranten als Fremde empfindet?
Auch da haben wir Fehler gemacht. Wir müssen stärker in den Blick nehmen, dass es Menschen gibt, die anders ticken. Wir dürfen niemals der Versuchung erliegen, die eigene Meinung zum Maßstab dafür zu machen, worüber und wie wir berichten. Wir dürfen genauso nicht Menschen, die populistischen Bewegungen positiv gegenüberstehen, samt und sonders in die Neonazi-Ecke verfrachten. Wir müssen mit ihnen im Dialog bleiben. Natürlich gibt es in der AfD Rassisten. Aber nicht nur. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Das heißt nicht, dass wir unkritisch sind.
Nicht nur bei AfD-Wählern wächst die Unzufriedenheit mit Art und Höhe der Haushaltsabgabe Die derzeitigen 17,50 Euro pro Monat scheinen den Sendern aber nicht auszureichen. Was wünschen Sie sich?
Es ist Sache der KEF, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, einen Vorschlag zu machen. Was politisch kaum zu erwarten sein wird: die Kopplung an die Inflationsrate. Diese Idee hat keine große Chance. Wir warten demütig auf den KEF-Bericht.
Das Gespräch führten Joachim Dorfs, Christoph Reisinger, Tim Schleider, Ariane Holzhausen und Thomas Klingenmaier