Der gute Obelix hat auch in „Die Tochter des Vercingetorix“ wieder Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten Foto: Egmont Ehapa Media

Der neue Asterix-Band „Die Tochter des Vercingetorix“ greift das gallische Trauma der Unterwerfung durch die Römer auf. Dabei versucht er, Jugendliche zu verstehen, und bietet neben viel Klamauk auch einige echte „Asterix-Momente“.

Stuttgart - Zwei Avernerhäuptlinge suchen im Dorf der Unbeugsamen rund um den klugen Krieger Asterix Schutz für ein Mädchen namens Adrenaline. Sie könnte zur neuen Symbolfigur des Widerstands gegen die römischen Besatzer werden, denn sie ist die Tochter des Vercingetorix, des letzten großen Anführers der Gallier. Adrenaline aber, die Titelheldin des 38. „Asterix“-Bandes, trägt unerhörterweise lieber Hosen als Kleider, pfeift auf die Schlachten von gestern und möchte die ihr auferlegte Rolle nicht spielen. Sie liebt die Freiheit und büxt gerne aus, was Asterix und Obelix verhindern sollen. Derweil schickt Julius Cäsar den gallischen Kollaborateur Misetrix los, um das Mädchen nach Rom zu bringen.

Zum vierten Mal haben der Autor Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad den nahezu unmöglichen Balanceakt unternommen, dem Geist der Reihe gerecht zu werden – also eine sanfte, treffsichere Satire auf die Absurdität des menschlichen Treibens zu schaffen, deren Protagonisten man einfach mögen muss. Wieder bedienen sie sich eines Gerüsts aus bekannten Motiven: Die Gallier pflegen ihre Eigenheiten und prügeln sich, die Römer im benachbarten Lager wollen den nahenden Ärger aussitzen und stellen sich tot, die Piraten versuchen, nicht versenkt zu werden.

Die Suche nach einem Dialog endet in einer Prügelei

Dazu gesellen sich nun die Jugendlichen. Der Wendelring, den Adrenaline um den Hals trägt, hat die Form eines Kopfhörers und lässt sie sehr gegenwärtig wirken. Sie freundet sich gleich mit Aspix an, dem Sohn des Fischhändlers Verleihnix, und mit Selfix, dem Sohn des Schmids Automatix. Sie pflegen Begrüßungsrituale, hecken Blödsinn aus und bemühen sich hier nicht darum, an Alkohol zu kommen, sondern an den Zaubertrank, der unbesiegbar macht. Auf Erwachsenenseite entbrennt eine Diskussion über Pädagogik, die der Druide Miraculix mit einer klugen Bemerkung anstößt („Immer den Dialog suchen!“) und die in eine Prügelei mündet. Ein römischer Kapitän hat einen gotischen Ziehsohn namens Ludwikamadeus, eine echte Nervensäge, und Obelix fürchtet, die Jugendlichen könnten beim Abhängen im Steinbruch etwas beschädigen.

Immer wieder stellen sich beim Lesen Asterix-Momente ein, universelle Erkenntnisse, die großes Vergnügen bereiten und an die Tradition anknüpfen, die der brillante Geschichtenerzähler und Humorist René Goscinny begründet hat. „Ich hab’ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“, bringt etwa der alte Methusalix in „Das Geschenk Cäsars“ ein Grundmissverständnis des Rechtspopulismus auf den Punkt. Brillant auch, wie der Hochstapler in „Der Seher“ den Dörflern Binsenweisheiten als Hellsichtigkeit verkauft („Auf Regen folgt Sonnenschein“) oder wie in „Obelix GmbH & Co. KG“ ökonomisches Kauderwelsch auf die Schippe genommen wird („Sesterz-nichts-mehr-wert-sein“). An dieses Niveau kommt „Die Tochter des Vercingetorix“ nie ganz heran, aber immerhin in die Nähe. Mitunter überstrapazieren Ferri und Conrad auch die für „Asterix“ typischen Running Gags, Obelix’ ewiges Hadern mit dem Dicksein ­etwa ist nun doch ziemlich abgenutzt. Und die Handlung ist im Vergleich letztlich flacher als ihr Thema.

Über die Schmach von Alesia wird nun gesprochen

Die Geschichte geht ja mitten hinein ins Grundmotiv der Reihe, das gallische Trauma der Unterwerfung durch die Römer. Mit Vercingetorix’ Kapitulation beginnt „Asterix, der Gallier“, die erste Geschichte von 1959 (1966 in Deutschland). Der Einiger der gallischen Stämme verlor im Jahr 52 v. Chr. die entscheidende Schlacht von Alesia, worauf er Julius Cäsar sein Kriegsgerät nicht vor die Füße warf, sondern auf die Füße – jedenfalls nach der Lesart von Goscinny und seinem Zeichner Albert Uderzo. Sie gönnten dem Unterlegenen einen letzten kleinen Triumph und verpassten dem Sieger den initialen Nadelstich, dem viele weitere folgen sollten, gesetzt durch die Unbezwingbaren mit ihrem Zaubertrank.

Im elften Band, „Asterix und der Avernerschild“ (1968/1972), brüllt der Häuptling Majestix, als Veteran auf die große Schlacht angesprochen: „Ich kenne kein Alesia! Ich weiß nicht, wo Alesia liegt! Niemand weiß, wo Alesia liegt!“ Im aktuellen Abenteuer wird nun offen darüber gesprochen, der Name Vercingetorix in den Sprechblasen aber konsequent in Flüstergröße gedruckt oder auch in „Harry Potter“-Manier umschrieben („die Tochter von du weißt schon wem“).

Uderzo könnte die Zügel nun lockern

Jede Form der Imitation stößt irgendwann an Grenzen. Ferri und Conrad haben im Kern eine Wiederholungsschleife bedient, über die nach wie vor der greise Uderzo (92) wacht, der als Zeichner ein Genie war und als Autor überfordert. Nun wäre es Zeit, die Zügel zu lockern und den „Neuen“ mehr eigene Handschrift zuzugestehen. Das wäre womöglich gewöhnungsbedürftig, könnte der erfolgreichsten französischen Comic-Reihe aber auch ganz neues Leben einhauchen.

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