Seit seine Knochen 1856 in einem Steinbruch entdeckt wurden, musste der Neandertaler allerhand erdulden: Die Popkultur machte ihn vor allem in Filmen mal zum Monster, mal zum Helden, mal zur Witzfigur – und offenbarte dabei vor allem das Selbstverständnis des modernen Menschen. Ein Streifzug.
Als Arbeiter an einem Spätsommertag des Jahres 1856 in einer Höhle eines Kalksteinbruchs bei Düsseldorf einen Knochenhaufen freilegten, ahnten sie nicht, dass ihre Entdeckung das Selbstverständnis der Menschheit erschüttern würde. Noch weniger dürften sie geahnt haben, dass sie gewissermaßen einen Popstar des nächsten Jahrhunderts ausgruben.
In der Annahme, Überreste eines Bären gefunden zu haben, warfen sie die Knochen achtlos zum übrigen Abraum. Erst ein Naturforscher aus dem nahen Elberfeld erkannte, dass das Gerippe von einem Menschen stammte – und dass sein Schädel viel flacher, sein Oberschenkel viel kräftiger war als beim modernen Menschen. Tags darauf spekulierte die Lokalzeitung, ob der Fund „einem mitteleuropäischen Urvolke“ zugerechnet werden könne. Und genau so war es. In den 1860er Jahren erhielt das Skelett einen an den Fundort angelehnten Namen, der es vom modernen Menschen abgrenzte: Homo neanderthalensis. Dass dieser Neandertaler vor zehntausenden Jahren in Mitteleuropa gelebt hatte, stellte das gesamte christlich-abendländische Menschenbild infrage – zumal sich etwa zeitgleich Charles Darwins Evolutionstheorie durchsetzte.
Muskulösen Kerl mit Steinbeil und zwei Hunden
Es brauchte ein Ventil. Oder, wie es heute heißen würde, es brauchte ein Narrativ für den Neandertaler. Und zwar eines, das ihn so weit wie möglich von der Krone der Schöpfung entfernte. Weil Archäologie und Anthropologie noch kaum über erprobte Methoden oder wissenschaftliche Standards verfügten, sprang die Unterhaltungsindustrie in die Lücke. Schon 1873 erschien die wohl erste bildliche Darstellung eines Neandertalers – im populären US-amerikanischen Magazin „Harper’s Weekly“. Die Zeichnung zeigte einen muskulösen Kerl mit Steinbeil und zwei Hunden, neben dem eine Frau mit entblößtem Oberkörper schlief. Auf keines der Details gab es Hinweise aus der Forschung, aber das Bild vom aggressiv-enthemmten Wilden war in der Welt.
„Wir geben ungern den ersten Platz ab“, sagt der Paläoanthropologe Dustin Welper vom Forschungsprojekt „Neanderthals and Us“ der Erasmus-Universität Rotterdam. „Wenn wir schon nicht mehr die einzigen Menschen waren, die auf der Erde gelebt haben, wollten wir zumindest besser sein als die anderen.“ 1894 etwa beschrieb die Brockhaus-Enzyklopädie den Neandertaler als „Rasse des europäischen Höhlenmenschen“ mit einem „wilden, fast tierischen Ausdruck“ im Gesicht. 1909 zeigte die „Illustrated London News“ eine als realistisch bezeichnete Rekonstruktion des Neandertalers, der eine Keule hinter dem Rücken versteckte – obwohl bei Knochen des Neandertalers auf diese Waffe nie Hinweise gefunden wurden.
Im Film müssen Urmenschen einiges mitmachen
Überhaupt spielte Faktentreue keine große Rolle. Das Zerrbild des primitiven, gebückt laufenden Ur- oder Höhlenmenschen emanzipierte sich zügig von der tatsächlichen Geschichte – vor allem in Großbritannien: In Karikaturen des Satiremagazins „Punch“ aus den 1890er Jahren spielten Cavemen – Höhlenmenschen – an steinernen Billardtischen oder fuhren in Automobilen aus Holz. Der Komiker George Robey führte 1902 in London einen Steinzeit-Sketch auf, in dem er um eine Frau wirbt, seinen Rivalen mit der Keule erschlägt und dann singt, es habe ihn 40 000 Steine gekostet, den Mord aus der Presse zu halten.
Nirgends ließ sich ein krummrückiger, stammelnder, mit einfachster sozialer Interaktion überforderter Höhlenmensch besser vorführen als in dem Medium, das im 20. Jahrhundert die Massen faszinieren sollte wie kein anderes: dem Film. In den ersten fünf Minuten von „Three Ages“ gelang es Stummfilmstar Buster Keaton 1923, beinahe jede Alberei vorwegzunehmen, die Urmenschen in den folgenden Jahrzehnten mitmachen mussten. Seine Hauptfigur ritt auf einem Dinosaurier (Zeitpunkt des Aussterbens: etwa 64 Millionen Jahre vor Auftreten der Gattung Homo sapiens) und umwarb eine blonde Frau im Leopardenfell.
Es ist kein Zufall, dass der Urmensch als Klamaukfigur ausgerechnet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkam: „Inzwischen war bekannt, dass Homo sapiens und Neandertaler zehntausende Jahre lang koexistiert hatten, und dass Neandertaler sich gegenseitig relativ selten verletzten“, sagt Paläoanthropologe Welper. „Damit konnte aus dem wilden Mann ein harmloser, sogar witziger Mann werden.“
Wohl niemand zeigte das eindrucksvoller als William Hanna und Joseph Barbera, die 1960 die Familie Feuerstein erfanden. In den sechs Staffeln der erfolgreichen US-amerikanischen Zeichentrickserie karikierten sie in steinzeitlichem Setting die Moderne: Fred Feuerstein litt unter seinem Vorgesetzten, seine Frau Wilma ging shoppen. Nur dass Wilmas Kreditkarte eine Steintafel war und der Kran, den Fred beruflich bediente, ein Brontosaurus.
Spätestens jetzt war klar, dass sich mit Höhlenmenschen Geld verdienen ließ. In der Folge ergoss sich eine Flut von Steinzeit-Content über Leinwände und Fernseher. 1966 kam „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ in die Kinos, ein Streifen von rührender erzählerischer Schlichtheit – Höhlenmann plus Höhlenfrau plus aggressive Dinosaurier –, der das Genre aber um einen erotischen Aspekt erweiterte: Raquel Welch bewegte sich durchgängig mit Lederbikini durch die Steinzeit und wurde so zum Sexsymbol.
Im Lauf der 1970er Jahrzehnts mussten sich Urmenschen regelmäßig mit längst ausgestorbenen Arten herumschlagen, so in „Als Dinosaurier die Erde beherrschten“ oder „Caprona – das vergessene Land“.
Erst ab den späten 1970er Jahren entstanden Werke, die sich ernsthaft am Forschungsstand orientierten. Die französische Zeichentrickserie „Es war einmal der Mensch“ etwa stellte den Neandertaler korrekt als soziales Wesen und geschickten Jäger dar. Auch der Spielfilm „Am Anfang war das Feuer“ des Regisseurs Jean-Jacques Annaud von 1981 zeigt das Aufeinandertreffen von Neandertaler und Homo sapiens weitgehend faktentreu. Für diese zunehmend sachliche Darstellung von Urmenschen in der Popkultur hat der Prähistoriker Lutz Kindler vom Archäologischen Forschungszentrum Monrepos bei Koblenz eine Erklärung: „Die Naturwissenschaften haben immer klarer gezeigt, wie wenig einzigartig Homo sapiens ist.“ So wurde in den 1980er und 1990er Jahren klar, dass Neandertaler sprechen und hochpräzise Jagdwaffen herstellen konnten.
Der Neandertaler ging wahrscheinlich in Homo sapiens auf
„Statt zu betonen, wie überlegen der moderne Mensch sei, ist die Frage nach Gemeinsamkeiten mit den Urmenschen interessanter geworden“, so Kindler. Selbst Blockbuster wie Roland Emmerichs Fantasy-Abenteuergeschichte „10 000 BC“ von 2008 verzichteten auf Anachronismen wie den Kampf von Menschen gegen Dinosaurier. Am Ende des französischen Spielfilms „Ao, der letzte Neandertaler“ von 2010 werden ein Neandertaler und eine Homo-sapiens-Frau gar Eltern eines gemeinsamen Kindes.
Im gleichen Jahr wies der Molekularbiologe Svante Pääbo nach, dass die DNS moderner Menschen zu etwa vier Prozent aus Neandertaler-Genen besteht. Das bedeutet nicht nur, dass beide Menschentypen sich miteinander fortgepflanzt haben – und zwar so ausgiebig, dass die Spuren noch zehntausende Jahre später messbar sind. Wenn zwei Gruppen von Lebewesen fruchtbare Nachkommen miteinander zeugen können, bedeutet das in der Biologie auch, dass sie derselben Spezies angehören. Demnach wären die Neandertaler nie ausgestorben, sondern in Homo sapiens aufgegangen.
Wer Neandertaler und andere frühe Menschen als unbeholfene Affen zeigt, macht sich also immer auch über sich selbst lustig.