Nach Claudia Roth und dem Machtwechsel soll der Publizist Wolfram Weimer Kulturstaatsminister des Bundes werden. Die Kulturszene zeigt sich entsetzt und empört. Unser Kolumnist Jörg Scheller fragt: zu Recht?
Dass der konservative Medienunternehmer und Autor Wolfram Weimer Kulturstaatsminister werden soll, hat in progressiven Kreisen die erwartbare Entrüstung ausgelöst. Aber nicht nur dort. Auch Jürgen Kaube, Mitherausgeber der konservativen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, warnt in scharfen Worten vor Weimer. Diesem ein „Interesse an irgendeiner Kunst oder Geist zu unterstellen, wäre spekulativ“. In der Tat argumentiert Weimar in seinem floskelsatten Buch „Das Konservative Manifest“ (2018) häufig auf Stammtischniveau, etwa wenn er idealisierend vom „guten, alten Europa“ spricht, das „moderne Ersatzreligionen“ zerstört hätten. Düster wird es, wenn er das Konservative zum Bollwerk gegen die „biologische Selbstaufgabe“ Europas stilisiert.
Bei Alice Weidel ist er streng
Zwar ist Weimer bemüht, sich von Rechtsaußen abzugrenzen und das Konservative als dritten Weg zu etablieren. Sein Buch sei „ein Plädoyer gegen linke und rechte Ideologien“ – Warnungen vor ersteren finden sich aber häufiger im Buch als Warnungen vor letzteren. In Interviews markiert er stärker Distanz. Alice Weidels Aussage, Hitler sei Kommunist gewesen, kommentierte er Anfang dieses Jahres mit dem Satz: „Das ist ja so, als würde man sagen, der Mond ist in Wahrheit kein Mond, sondern ein Schweizer Käse.“ Über Elon Musk bemerkte er: „Er ist nicht mehr rechts, er ist rechtsextrem. Man bekommt auch den Eindruck, dass ihm sein Drogenkonsum nicht guttut.“
Wie auch immer man zu Weimer steht – in pluralistischen Demokratien kommen mal die einen, mal die anderen ans Ruder. Solange diese Wechsel nicht nur möglich, sondern an der Tagesordnung sind, ist apokalyptisches Wehklagen fehl am Platz. Im Kabinett Scholz trieb Kulturstaatsministerin Claudia Roth vom linken Flügel der Grünen die Konservativen zur Schwarzglut, nun wird Wolfram Weimer die Linken zur Rotglut treiben. Weder führte Roth den von rechten Hysterikern beschworenen Untergang der deutschen Kultur herbei, noch wird Deutschland mit Weimer zum Trachtenerhaltungsverein werden. Allein die Tatsache, dass ihm viele einflussreiche Kulturschaffende überaus kritisch auf die Finger schauen werden, dürfte Auswüchse verhindern. Zudem haben Bundespolitiker im deutschen Föderalismus gar nicht die Macht, das offizielle Kulturleben zu dominieren. Das Bundesverfassungsgericht betont die Kulturhoheit als „Kernstück der Eigenstaatlichkeit der Länder“.
Haben Konservative mehr Herz als Linke?
Wem das nicht Trost genug ist, dem könnte ein Zitat von Claudia Roth helfen. 2018 sagte sie im Interview mit dem Spiegel: „Mir sind gestandene, klare Konservative lieber. Bei denen merkt man wenigstens, dass ihre Forderungen von Herzen kommen. Bei Frau Merkel merkt man davon nichts.“