Das Jubiläumsheft zieht natürlich Bilanz. Es kommt am 13. August an die Kioske Foto: Musikexpress

Vor fünfzig Jahren erschien in Deutschland die erste Ausgabe des Magazins „Musikexpress“. Jetzt erscheint das Jubiläumsheft.

Stuttgart - Wer früher im Popmusikzirkus fünfzig Jahre alt wurde, galt als steinalt und dem Betrieb eigentlich längst nicht mehr zugehörig. Die Zeiten haben sich bekanntlich gewandelt, da plus/minus achtzigjährige Musiker wie die zuletzt in der Region Stuttgart zu bewundernden Tom Jones und John Mayall nach wie vor unverdrossen auf Tourneen gehen. Und so mag man der Fachzeitschrift „Musikexpress“, deren erste Ausgabe an diesem Mittwoch vor fünfzig Jahren erstmals an die deutschen Kioske kam, weitaus eher zubilligen, dass sie ein routinierter und gewissenhafter Begleiter des letzten halben Jahrhunderts der Musikhistorie ist, als von einem antiquierten Medium zu sprechen.

Diskurs statt unreflektiertem Jubel

Zweifelsohne ist der „Musikexpress“ neben der ebenfalls bestens eingeführten deutschsprachigen Ausgabe des amerikanischen Magazins „Rolling Stone“ eines der beiden wichtigen deutschen Popmusikmagazine. Während der „Rolling Stone“ eher auf die großen Namen setzt und auch ein bisschen mehr den Größen des Geschäfts aus dem Mainstream verpflichtet ist, setzt der „Musikexpress“ vor allem auf das Independent- und Alternativespektrum und bietet auch Newcomern viel Platz. Der gute Ruf des „Musikexpress“ speist sich zu Recht aus dem stupenden Fachwissen der Redakteure und Redakteurinnen, dem enzyklopädisch bestens unterfütterten Berichterstattungsansatz und den teils noch immer ausführlichen Textstrecken, mit denen das Magazin Popularmusik jenseits einer affirmativen Haltung mit häufig diskursiven und stets reflektierten Ansätzen begleitet.

Noch immer rund hundert Albumrezensionen pro Monat veröffentlicht die Zeitschrift beispielsweise; was an aktuellen Tonträgern und Wiederveröffentlichungen relevant ist, bildet der „Musikexpress“ auch ab. Dazu jedoch gibt es auch Tribute an den (vermeintlichen) Zeitgeist. Modestrecken finden sich im Blatt, ein Style-Award wird dazu verliehen.

Gedankt wird dem „Musikexpress“ das von einem großen Publikum jedoch nicht mehr. Die höchste Auflage seiner Geschichte konnte das Musikmagazin im Jahr 1984 mit rund 180 000 Exemplaren erreichen, mittlerweile rangiert es bei etwa 50 000 Exemplaren Auflage und achttausend Abonnenten. Das liegt natürlich an einem veränderten Freizeit- und Mediennutzungsverhalten der Deutschen, an dem insbesondere im Bereich der Popmusikberichterstattung schier unendlichen Angebot an kostenlosen Informationsmöglichkeiten und ein Stück weit gewiss auch an der schwindenden Bereitschaft gerade jüngerer Menschen zu differenzierten, ausführlichen argumentativen Auseinandersetzungen mit Kulturthemen.

Und immer an den Leser denken

Auch aus einer inhaltlichen Diskrepanz zwischen den Interessen des Publikums und der Fachredakteure kann sich das Blatt zwar besser als der „Rolling Stone“, aber doch nicht gänzlich befreien. Exemplarisch zeigt dies die Wahl zum Album des Jahres: Im Jahr 2009 waren Leser und Kritiker zuletzt einer Meinung, beide wählten damals das Debütalbum der britischen Band The XX. Seitdem gibt es zwar sowohl in der Leser- wie auch der Autorenjury zumeist geschmackvolle Resultate (von Arcade Fire über PJ Harvey, Alt-J und Sufjan Stevens bis zu Bon Iver und Tocotronic), aber keine so grundlegende Einigkeit, wie sie für die identitätsstiftende Funktion auf Basis gemeinsamer Wertvorstellungen nötig wäre, die nun einmal die Grundlage fast jeder Special-Interest-Zeitschrift ist.

Die Debatten über einen schrumpfenden Printmedienmarkt gehen jedenfalls auch am „Musikexpress“ nicht vorbei. Der renommierte Konkurrent „Spex“ musste bereits sein Erscheinen einstellen, Branchenkenner fragen sich nun, welches der nach wie vor zahlreich in Deutschland erscheinenden Musikmagazin als Nächstes die Waffen wird strecken müssen.

„Musikexpress“ und „Rolling Stone“ erscheinen beide im Axel-Springer-Verlag und haben daher einen potenten finanziellen Hintergrund, auch kann der „Rolling Stone“ von seinem etablierten und international renommierten Namen zehren; doch ob diese Argumente weiterhin ziehen werden, insbesondere vor dem Hintergrund, dass bei Axel Springer derzeit die renditeorientierte US-Investmentfirma KKR das Ruder übernehmen und Profite generieren will, wird sich weisen müssen. Hoffen darf man sehr darauf, denn in Zeiten einer zunehmenden Merkantilisierung des Musikgeschäfts bei gleichzeitiger inhaltlicher Verarmung ist eine kritische Stimme, die viel Spreu von wenig Weizen trennt, höchst nötig.

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