Wer sich ängstigt, dessen Inneres zieht sich zusammen, verhärtet sich, geht in den Verteidigungshabitus über. Foto: dpa

Wovor fürchten sich die Deutschem am meisten? Die Studie „Die Ängste der Deutschen 2017“ gibt darauf Antworten. Doch sind diese Ängste berechtigt? Und was ist Angst überhaupt?

Stuttgart - „Die ganze Welt ist voll armer Teufel, denen mehr oder weniger – angst ist“, sagt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Angst ist ein Grundgefühl, ein Primäraffekt, eine Basisemotion, die untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden ist. Hunderte von Millionen Menschen weltweit leiden an krankhaften Angststörungen.

Doch es muss nicht gleich pathologisch sein. Die Besorgnis vor als bedrohlich empfundenen Situationen, das Herzklopfen infolge innerer Erregung vor dem Unbekannten sind Ausdruck einer teils massiven Verunsicherung des Gefühlslebens, deren Spektrum enorm ist.

Gesichter der Angst

Angst hat viele Facetten: die unbestimmte Angst; die Angst vor etwas (auch Furcht genannt); die situationsbedingte emotionale Angst; die Ängstlichkeit, die die Seele in Gestalt von Phobien und Zwängen dauerhaft lähmt. Der Begriff Angst leitet sich ab vom lateinischen „angustia“, Enge, Bedrängnis.

Wer sich ängstigt, dessen Inneres zieht sich zusammen, verhärtet sich, geht in den Verteidigungshabitus über. Auch „angor“, das Würgen, ist damit verwandt. Der sich Ängstigende wird von einem beklemmenden Gefühl gewürgt, das sich wie eine eiskalte Hand um seinen Hals legt, ihm das Atmen und klare Denken schwer, ja fast unmöglich macht.

„Unsere größte Angst . . . „

Das folgende Zitat stammt aus dem US-Filmdrama „Coach Carter“ aus dem Jahr 2005. In ihm spielt Samuel L. Jackson den Baskeltballtrainer Ken Carter, der als Trainer an der Richmond Highschool beginnt, das Basketballteam der Schule zu coachen.

Das Originalzitat stammt aus dem Gedicht „Our Deepest fear“ der US-Bestsellerautorin Marianne Williamson.

„Angst ridden“

Im Englischen ist die Rede von „Angst ridden“ – von Angst geritten. Evolutionsgeschichtlich ist Angst der Garant des Überlebens, ein Schutzmechanismus, der die Sinne in tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahrensituationen schärft und den Menschen zu einem angemessenen und vorsichtigen Verhalten zwingt. Soviel steht fest: Ohne Angst wäre die menschliche Spezies längst ausgestorben.

Geschwister: Angst und Depression

Die Grenzen von der normalen und notwendigen Gemütsregung zur Störung sind oft fließend. Die medizinischen Kriterien für eine ernstzunehmende Erkrankung bleiben unscharf. Das ist auch ein Grund, dass Angststörungen so häufig nicht erkannt werden und der Betroffene immer tiefer im Teufelskreislauf seiner Ängste versinkt.

Zudem sind Angst und Depression – Zustände seelischer Niedergeschlagenheit, die episodisch oder rezidivierend (wiederkehrend) auftreten – so ineinander verwoben, dass man nur schwer zwischen beiden unterscheiden kann.

Ein Narr, wer keine Angst kennt

Angst ist eine lebenswichtige Kraft – für Optimisten, Pessimisten und Realisten gleichermaßen. Die Amygdala – auch Mandelkern genannt – ist eine Kernregion des Gehirns und Teil des Limbischen Systems, das der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung des Triebverhaltens dient. Sie ist ein wichtiges Steuerungszentrum für Angst und Panik, ohne das man Situationen emotional nicht bewerten und Gefahren angemessen einschätzen könnte.

„Wir brauchen unser Angstzentrum. Ohne es würden wir einen Unfall nach dem anderen erleiden“, schreibt die irische Neurologin Elaine Fox in ihrem Buch „In jedem steckt ein Optimist. Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen“ (2014). Wenn sich dieses Alarmsystem verselbstständige, „kann der Betreffende von Gefühlen der Angst und der Verzweiflung überwältigt werden“.

Geht das Leben schlecht aus?

In einer Gesellschaft wie der deutschen, die im internationalen Vergleich zu den politisch und wirtschaftlich stabilsten gehört, sei die Angst vor allem narzisstischer Natur, erklärt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Sie äußere sich vor allem als Angst vor dem Verlust des mühsam Erreichten. „Es ist evident: Je mehr eine Gesellschaft oder ein Individuum besitzt, desto größer ist auch die Angst, es zu verlieren.“

Jedem denkenden Menschen müsse doch klar sein, dass das Leben schlecht ausgeht“, meint Schmidbauer. „Erst werden wir älter, dann kränker, verlieren liebe Menschen, und am Schluss sterben wir selber.“

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