„Denke daran, dass Zeit Geld ist“ – dieser Satz von Benjamin Franklin prägt mehr denn je unser Verhältnis zur Zeit. Foto: fotolia

Über Uhren, physikalische Theorien, kulturellen Wandel und den Umgang mit einem kostbaren Gut: unserer Zeit.

Stuttgart - Der Mensch ist in der Geschichte der Welt ein echter Spätstarter. Würde man das Universum mit seinem Alter von rund 13,8 Milliarden Jahren auf der Zeitleiste eines Jahres abbilden, dann tritt er zum ersten Mal am 31. Dezember wenige Sekunden vor Mitternacht in Erscheinung.

Seit Urzeiten versucht der Mensch das ewige Rätsel der Zeit zu ergründen. Die Geschichte der Zeitmessung beginnt im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, der Wiege der Zivilisation im heutigen Irak. Vor über 5000 Jahren schufen die alten Sumerer eine der größten Erfindungen der Menschheit – die Uhr. Durch Beobachtung von Sonne und Mond teilten sie den Tagesablauf mit Hilfe eines Stabes in Abschnitte ein. Der Auf- und Untergang der Sonne sowie ihr Höchststand am Mittag waren markante Zeitpunkte, die am wandernden Schatten des Stabes abgelesen werden konnten.

Eine Sekunde Abweichung in zehn Millionen Jahren

Von dieser ersten Schattenuhr bis zur Atomuhr war es ein langer Weg. Mechanische Pendeluhren mit ihrem typischen Ticktack – die erste fertigte 1656 der niederländische Uhrmacher Salomon Coster (1622-1659) an – hatten bereits im späten 17. Jahrhundert eine Präzision von wenigen Sekunden Gangabweichung pro Tag. Den Zeittakt der modernen Welt geben Cäsium-Atomuhren vor, die eine Abweichung von einer Sekunde alle zehn Millionen Jahre haben.

Je schneller der Taktgeber einer Uhr schwingt, um so genauer kann sie ticken. Nach Angaben des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik schwingt der Taktgeber in Pendeluhren ein Mal pro Sekunde, in Quarz-Armbanduhren eine Million Mal, in Cäsium-Atomuhren zehn Milliarden Mal und in optischen Atomuhren noch hunderttausend Mal schneller. In fünf Milliarden Jahren würde diese Super-Uhr eine Sekunde nachgehen.

Derartige Zeitmessungen übersteigen die Vorstellungskraft, doch für die Forschung sind sie unentbehrlich. So hängen die Überprüfung physikalischer Gesetze und Größen, die exakte Positionsbestimmung von Satelliten oder die Messung von Entfernungen im All von absolut präzisen Uhren ab.

Uhren sind zu unverzichtbaren Begleitern im Alltag geworden

Was im Spätmittelalter mit einer technischen Revolution begann, der Erfindung der mechanischen Räderuhr, ist zum grundlegenden Parameter menschlichen Zusammenlebens geworden. Uhren sind heute unverzichtbare Begleiter, ohne die nichts mehr geht. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr oder das Handy – und schon weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat.

Technisch gesehen sind Uhren nichts anderes als Messgeräte, welche die aktuelle Zeit anzeigen oder eine Zeitspanne messen. In modernen Zivilisationen bestimmt die Uhr vielfach das gesamte Dasein: Aufstehen, Arbeiten, Pausen, Essen, Freizeit, Schlafen. Jede Stunde ist durchgetaktet, jeder Augenblick hat eine Funktion. Kaum jemand hat Zeit zu verschenken, jeder Moment muss so effizient und produktiv wie nur möglich genutzt werden.

Die Ursprünge dieses Zeitverständnisses liegen im Mittelalter. Das Leben in den prosperierenden Städten Europas war durch eine Vielzahl von Glockenzeichen von Kirchen- und Stadttürme geregelt. Der Türmer beobachtete von seiner Turmstube aus nicht nur die Umgebung und warnte vor Gefahren, sondern schlug auch stündlich die Glocke zur Zeitangabe.

Mittelalterliche Zeitansage: Türmer und Nachtwächter

Jedes wichtige Ereignis wurde eingeläutet: die Gottesdienste der Kirchen und Klöster, die Öffnungszeiten der Märkte, Gerichte, Amtsstuben und Stadttore, Hochzeiten und andere Festivitäten. Nachts zog der Nachtwächter mit Hellebarde, Horn und Laterne durch die Gassen, sorgte für Ruhe und Ordnung und sagte die Stunden an.

1370 wurde in Paris die erste Räderuhr mit mechanischem Uhrwerk am Palais de la Cité, der damaligen Residenz der französischen Könige, angebracht. Bald wurden es in den Städten immer mehr, so dass das öffentliche Leben vom Takt der Uhr bestimmt wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden die ersten Uhrmacherzünfte. Heute ist es wiederum die französische Hauptstadt, die den globalen Takt vorgibt. Das 1875 gegründete „Bureau International des Poids et Mesures“ (Internationales Büro für Maß und Gewicht) in Paris legt die Internationale Atomzeit aus den Messwerten von über 260 weltweit verteilten Atomuhren fest. Damit dies ohne Komplikationen funktioniert, sind sämtliche Atomuhren über Satellit miteinander vernetzt.

Unabhängig von der rasanten technischen Entwicklung ist die Zeit für den Menschen das geblieben, was sie für ihn immer war: eine Abfolge von Ereignissen, die eine eindeutige und unumkehrbare Richtung haben. Die Zeit, von der der griechische Philosoph Aristoteles (384-332 v. Chr.) und der englische Mathematiker und Physiker Isaac Newton (1643-1727) noch felsenfest annahmen, dass sie unwandelbar sei und „gleichmäßig von Moment zu Moment“ ticke, ist selbst relativ.

Raum und Zeit sind relativ

Die Wahrnehmung einer absoluten und objektiven Zeit, die dem menschlichen Alltagsverständnis zugrunde liegt, trügt – wie der Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein (1879-1955) in seiner speziellen Relativitätstheorie nachgewiesen hat. Eine Stunde ist nicht gleich eine Stunde, sondern kann mal schneller und mal langsamer vergehen. Physikalisch hängen Längen und Zeiten vom Bewegungszustand des Betrachters ab.

Aber auch psychologisch und kulturgeschichtlich ist die Zeit relativ. Die Wahrnehmung ihrer Dauer ist abhängig davon, was geschieht. Ein aufregendes und spannendes Erlebnis vergeht wie im Flug, während ein langweiliges und ödes nie zu Ende zu gehen scheint.

Die Zeit ist keine unwandelbare Konstante, sondern kulturabhängig. So unterschiedlich wie Gesellschaften und ihre Lebensbedingungen sind, sind auch ihre Zeitvorstellungen. Ein Börsianer, der unter permanenten Termindruck steht, nimmt die Zeit völlig anders wahr als ein buddhistischer Mönch, der stundenlang meditiert. Während für den einen die Zeit nur so dahinzurasen scheint, dehnt sich für den anderen jeder Augenblick ins Unendliche aus.

Das Zeitverständnis ist kulturell sehr unterschiedlich

Da alles Leben endlich ist, steht dem Menschen nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Er muss sie aktiv managen, wodurch seine Existenz in ein festes zeitliches Gerüst eingebunden ist. Wie er die Zeit wahrnimmt und mit ihr umgeht, ist von Kultur zu Kultur, von Land zu Land unterschiedlich. Trotz Globalisierung ticken die Uhren überall auf der Welt anders. Zeit ist keine unveränderliche anthropologische Größe, vielmehr gibt es eine Vielzahl kulturell und soziologisch unterschiedlicher Zeitauffassungen. Der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine hat sie erforscht. Um das „Lebenstempo“ unterschiedlicher Gesellschaften miteinander zu vergleichen, bereiste Levine in den 1990er Jahren insgesamt 31 Länder, um das dortige Zeitbewusstsein zu studieren und einen Eindruck von der Vielfalt menschlichen Zeiterlebens zu bekommen.

In seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit – Wie Kulturen mit Zeit umgehen“ beschreibt Levine die Schrittgeschwindigkeit von Fußgängern in Innenstädten, die Bedienungszeit von Postangestellten sowie die Genauigkeit öffentlicher Uhren. Aus diesen Daten leitet er die Gesamtgeschwindigkeit von Nationen ab: In der Schweiz ticken die Uhren nicht nur am genauesten, die Eidgenossen legen auch das schnellste Lebenstempo vor, gefolgt von Deutschen, Iren und Japanern.

„Remember that time is money“ (Denke daran, dass Zeit Geld ist): Dieser Satz, den Benjamin Franklin (1706-1790), einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, in seinem 1748 erschienenen Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“ formulierte, gilt heute mehr denn je. Die Vergangenheit wird bestimmt durch die getane Arbeit, die Zukunft durch die noch zu tuende – und die Gegenwart scheint nur sinnvoll zu sein, wenn man umtriebig ist und malocht.

Hektik und Stress bestimmen das Leben

Seit die Uhr den Takt des Lebens vorgibt, sind die Tage verplant und durchterminiert, das Arbeitstempo und die Anforderungen im Beruf werden immer höher. Selbst nach Feierabend und am Wochenende kommen viele nicht zur Ruhe und hetzen unerledigten Aufgaben hinterher.

Unwillkürlich fragt man sich, wie eigentlich die Zeit bei Menschen vergeht, die selten oder keine Uhr benutzen und für die Zeit keine so überragende Rolle spielt wie etwa für Mitteleuropäer? Die Kabylen, ein in Algerien beheimatetes Berbervolk, verachten Eile als Mangel an Anstand und teuflisches Streben. Uhren seien für sie „Mühlen des Teufels“, schreibt Zeitforscher Levine. Auch für viele Afrikaner und Inder bedeutet Stillstehen keine Zeitverschwendung, sondern wird als Innehalten im Alltag geschätzt.

Wozu die Eile, wenn es auch gemächlich geht? Wo Warten und Wartenlassen zur Lebenseinstellung gehört, machen minutiöse Absprachen nur wenig Sinn. Laut Levine ist es beispielsweise in Brasilien geradezu unhöflich, pünktlich zu Terminen und Verabredungen zu kommen.

„Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern vergeuden zu viel. Das Leben ist lang genug und reicht auch zur Meisterung der größten Aufgaben aus, wenn es nur richtig angewendet wird“, heißt es in den „Epistulae morales ad Lucilium“ (Briefe über Moral an Lucilius) des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.) Dieser Satz beschreibt treffend unseren Umgang mit einem Gut, das immer kostbarer wird je älter man wird und je mehr Lebenszeit unwiederbringlich dahinschwindet.

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