Heinz Rudolf Kunze im Januar 2019 im Stuttgarter Theaterhaus Foto: LG/Oliver Willikonsky

Heinz Rudolf Kunze ist ein altgedienter Grübler des Deutschpops. Nun hat er eine Rolle im Stuttgarter „Tatort“ und wettert im Gespräch gegen die sozialen Netzwerke: „Weil sie Menschen zu Bestien machen“. Auch manchen Pop-Nachwuchs hält er für Jammerlappen.

Stuttgart - Draußen ist es wechselhaft und fies kalt, als Heinz Rudolf Kunze zum Gespräch kommt. Vorsichtig rutscht der 63-jährige auf die Sitzbank der Caféteria und schaut müde durch sein markantes schwarzes Brillengestell. Er hat schon einen Termin hinter sich, später fährt er nach Mainz. In diesen Tagen erscheint sein 28. Studio-Album „Der Wahrheit die Ehre“, und kürzlich stand er für den Stuttgarter „Tatort“ vor der Kamera.

 

Keine brennenden Mülltonnen

„Ich hasse die schnellen amerikanischen und fürchte mich vor den düsteren skandinavischen Krimis“, sagt Kunze und lächelt zaghaft. Er selbst schätze ruhige, humorvolle Krimikomödien wie den Münsteraner „Tatort“, „Mord mit Aussicht“ oder „Hubert und Staller“. „Bloß bitte keine brennenden Mülltonnen, Sozialfälle und Kindesentführungen, das kann ich nicht ertragen. Ich sehe nicht ein, dass ich am Sonntagabend einen Film gucken soll, der mir schlechte Laune macht oder mich mit Angst vor Verbrechen ins Bett gehen lässt.“

Im Stuttgarter „Tatort“ spielt er einen verbitterten Anfangs-Sechziger, der sich um einen Platz in einer WG deutlich jüngerer Mitbewohner bewirbt und unter Mordverdacht gerät. „Das war eine sehr interessante Dreharbeit, weil mich die jungen Leute lynchen wollen und durchs Treppenhaus jagen.“ Ganz ohne Blessuren sei das nicht abgegangen, erzählt Kunze und lächelt warm. Aber er mache das „unheimlich gerne“. Die Leute würden ihn da nicht erkennen, er trage keine Brille, dafür „Assi-Klamotten von so ’nem verbitterten Lustmolch“.

Lob für Dieter Nuhr

Geht es um das aktuelle Zeitgeschehen, verdüstert sich Kunzes Miene wieder im Takt mit den Wolken, die vor dem Fenster die dünnen Sonnenstrahlen verdecken. Kunzes neues Album enthält Stücke mit zornig-bitteren Texten wie „Spießgesellen der Lüge“, mahnende, hymnische Lieder wie „Mit welchem Recht“, in dem der Sänger Mitgefühl einfordert für Geflüchtete, aber auch ein „ramponiertes Liebeslied“ wie „Nimm mit mir vorlieb“.

Kunze ist ein Mann starker Worte, auch, wenn es um soziale Netzwerke geht. „Ich sehe ihre Missbrauchsmöglichkeiten mit großer Sorge und glaube, dass die Nachteile überwiegen – weil sie die Menschen zu Bestien machen, zu feigen Heckenschützen.“ Den Comedian Dieter Nuhr schätzt er dagegen. „Wenn jemand von allen Seiten mit Dreck beworfen wird, muss er recht haben“, findet er. Die Umweltaktivistin Greta Thunberg zum Beispiel habe Nuhr „in die richtige Perspektive gerückt“. Jüngere Musikerkollegen erlebt er als wenig politisch. „Ich nehme wahr, dass es im Radio eine Generation nabelverliebter, jammerlappiger Männer gibt“. Außerdem moniert er einen Sprachverfall. Er sei nicht nur Kulturpessimist, sondern allgemeiner Pessimist, freue sich aber immer, wenn er sich irre.

Ein Vater bei der SS

Geboren wurde Heinz Rudolf Kunze im November 1956 im Flüchtlingslager Espelkamp bei Minden. Der Vater, ehemaliger Leutnant der Waffen-SS, war wenige Monate zuvor erst aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden. Kunzes 1968 als Nachzügler geborener Bruder Rolf-Ulrich hat die bewegte Familiengeschichte unter dem Titel „Das halbe Jahrhundert meiner Eltern“ aufgeschrieben.

„Mein Vater war ein Dummkopf und ist vorm Abitur davongelaufen“, erzählt Kunze. „Den hatten die Werber der SS eingefangen, indem sie ihm ein Notabitur versprochen hatten. Mit 19 Jahren kam er in Gefangenschaft und wurde mit 30 entlassen. Mit 18 war er Unterscharführer beziehungsweise Leutnant, weil die anderen alle tot waren.“

Lieder mit langer Halbwertszeit

Eine richtige Heimat hat Kunze als Kind nicht kennengelernt: „Ich habe nur eine Herkunft und Wohnsitze“. Vielleicht resultiert aus dieser Erfahrung das Verständnis des Liedermachers für die Geflüchteten, das er im Song „Mit welchem Recht“ beweist. Obwohl die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem deutschen Kulturkreis stammten, hätten sie es nicht leicht gehabt, in die westdeutsche Gesellschaft integriert zu werden.

Allerdings ist Kunze nicht nur politischer Liedermacher, sondern auch ein literarisch versierter Texter, dessen Lyrik nicht auf Slogans, sondern auf poetisch-mehrdeutige Sprachbilder baut. Der 2015 erschienene Song „Willkommen liebe Mörder“ über den neofaschistischen NSU wurde gar von Rechten als zynischer Kommentar zur deutschen Willkommenskultur aufgefasst, wogegen sich Kunze leidenschaftlich wehrte. Eindeutiger möchte er in seinen Texten dennoch nicht sein. „Das endet dann bei solchen Liedchen, die man bei der Lach- und Schießgesellschaft zwischen den Witzen singt. Meine Lieder sollen eine längere Halbwertszeit haben.“

Der schlechteste Pop der Welt

Dass der kritische Kopf öfter in Carmen Nebels ZDF-Schlagershow aufgetreten ist, irritiert deshalb auch einige Fans. „Carmen Nebel ist eine reizende Dame, eine ehemalige ostdeutsche Lehrerin, und damit meine absolute Zielgruppe. Sie liebt meine Musik. Warum sollte ich auf die Einladung nicht reagieren?“ Allerdings hält er den deutschen Schlager für „die schlechteste Popmusik der Welt“. „Wissen Sie, dass die Amigos gerade mit ihrem Album Nummer Eins in Deutschland sind? Das ist ein Land kurz vor dem Untergang! Und ich bin Käpt’n Ahab und stoße dem Wal noch von innen die Harpune in den Rachen“, sagt er, und lacht aus voller Kehle. Dann wieder nachdenklicher: „Sehen Sie sich die deutsche Fernsehlandschaft doch an. Es gibt für Künstler heute leider kaum noch Möglichkeiten, Musik im TV zu präsentieren.“ Aufgeben will Heinz Rudolf Kunze dennoch nicht. „Ich mache weiter“, sagt er, und geht raus in den Wechsel aus Sonne, Wolken und Regen.