Erst im Traum vereint, dann auch in Wirklichkeit: Nemorino (Kai Kluge) und Adina (Claudia Muschio). Foto: Staatsoper Stuttgart/Martin Sigmund

Komödie? Tragödie? Gaetano Donizettis Oper „L’elisir d’amore“ ist irgendetwas dazwischen, und genau so inszeniert Anika Rutkovsky das Stück jetzt in Stuttgart. Die Sänger machen den Abend zu einem Fest.

Plötzlich scheint die Zeit stillzustehen. Gaetano Donizettis vorwärtsdrängende Musik plappert nicht mehr, auf der Bühne bewegt man sich in Zeitlupe. Aus dem Orchestergraben tönt weicher Hornklang, inständig bittet Nemorino die von ihm angebetete Adina darum, seinen Konkurrenten nicht zu heiraten. Die Komödie hält den Atem an. Und die Realität kippt: Plötzlich hält sich das junge Paar zärtlich umschlungen. Ist das ein Traum? Oder doch die Wirklichkeit?

 

Die schwebend schöne Szene ist eine der stärksten in der Neuinszenierung der Oper „L’elisir d’amore“ („Der Liebestrank“), die am Sonntagabend in der Staatsoper Stuttgart Premiere feiert. Und sie beweist, dass die Inszenierung von Anika Rutkofsky, 2021 Preisträgerin des renommierten Regiepreises Ring Award, nicht nur am Puls der Musik ist, sondern auch an deren Atem.

Und dass sie damit der Eigenart von Donizettis Oper sehr nahe kommt: „Der Liebestrank“ ist nicht nur Buffa, also komische Oper, sondern immer wieder auch ganz ernst. Ja, da gibt es karikierten militärischen Stumpfsinn, und der witzig-windige Quacksalber Dulcamara ist eine echte Lachnummer.

Die Liebe zwischen zwei Menschen indes, um die es letztendlich geht, nehmen sowohl der Komponist als auch die Regisseurin ernst. Da ist ein Mann, der Angst hat, seinem Herzen zu vertrauen, und da ist eine Frau, die ihre Gefühle nicht zulässt, weil sie den Kontrollverlust befürchtet. Die finale Begegnung der beiden im zweiten Akt zeigt Rutkovsky als feine psychologische Studie – ein tief berührendes Spiel zwischen Annäherung und Entfernung, Angst und Vertrauen.

Dystopisches Ambiente

Die Komödie ist nur der Rahmen. Einen weiteren formt Uta Gruber-Ballehrs Bühne, die das Stück in ein dystopisches Ambiente einbettet. Schon zu Beginn zeigt der Vorhang eine tote Landschaft aus der Vogelperspektive; die Oper selbst spielt in einem Gewächshaus mit Gemüse, das Greisenköpfen ähnelt. Das wird hier gezüchtet, geerntet, verpackt, und die Sänger des hierfür zuständigen, sehr gut einstudierten und wieder sehr spielfreudigen Staatsopernchors sehen in Maske und in rosafarbenen, gelben und grauen Arbeitsanzügen auch nicht viel besser aus. Grau ist das neue Grün, und das reibt sich in ähnlicher Weise an dem schönen Gesang wie eine rauschende Party oder ein Opernbesuch an den Ängsten und Bedrohungen unserer Tage.

Gesungen wird an diesem lange bejubelten Abend herausragend, und das Tolle daran ist auch, dass fast alle der beteiligten jungen Sänger dem Stuttgarter Ensemble angehören. Allein Kai Kluge ist eine Wucht: ein Tenor mit italienischem Schmelz, sehr feiner sängerischer wie darstellerischer Gestaltung – keine Posen, keine Marotten, dafür große Bühnenpräsenz. In seiner Darbietung hat der Donizetti-Hit „Una furtiva lagrima“ („Eine heimliche Träne“) nichts Kitschiges oder Abgenudeltes, sondern ist schlicht Ausdruck großer Trauer und Verzweiflung. Neben ihm gibt Claudia Muschio eine Adina, die hier als Leiterin des mittelständischen Agrarbetriebs definiert wird. Sie braucht ein wenig Zeit, bis sie ganz frei singt und spielt, läuft dann aber zu ganz großer Form auf – mit weichen Linien, präzisen Koloraturen, ein glockenheller, leichter Sopran, dem auch wunderbare Piani gelingen.

Musikalische Kontraste

Björn Bürger gibt einen überzeugend schmierigen Soldaten, der gerne mit einer hier sehr skurrilen Soldatentruppe auftritt und der seinem Namen (Belcore – schönes Herz) alle Unehre macht: als Figur polternd, fordernd, narzisstisch, ein Ekel, als Sänger stimmband- und artikulationsflink. Staunen lässt auch die Sopranistin Laia Vallés, die zurzeit noch Mitglied des Opernstudios ist, in der kleinen Rolle Gianetta aber deutlich macht, dass zukünftig Großes von ihr erwartet werden darf. Einziger Gast unter den Sängern ist Giulio Mastrototaro: ein glänzender Dulcamara, der sich, geht man nach den launigen Übertiteln, mit dem Spruch „Hört mal her, ihr Landeier!“ („Udite, o rustici!“) einführt.

Er hat ein so virtuos schnelles Parlando, dass man kaum wahrnimmt, wenn der eine oder andere Ton mal kein Volltreffer ist. Der Dirigent Michele Spotti inszeniert wirkungsvoll Donizettis musikalische Kontraste: hier der rhythmisch vorandrängende, fein vibrierende Buffa-Ton, dort weit gespannte, gefühlvolle Kantilenen. Spotti setzt klare Akzente, variiert klug die Tempi (nur Belcores Auftrittsarie gerät ein bisschen zu langsam), und die Bläser im Staatsorchester sorgen immer wieder für schöne solistische Momente.

Und das Ende? Ist – ja, wie? Die Bühne bietet eine Utopie im Miniaturformat: Die endlich ausgelebten Triebe der beiden Liebenden verändern die Menschen und lassen das Treibhaus reichlich grünen. Im zweiten Akt wuchert es allerorten. Die Komödie ist aus, aber zumindest diese kleine Welt hat einen Hauch von Heilung erfahren.

„Der Liebestrank“ in Stuttgart

Stück
Donizettis „L’elisir d’amore“, uraufgeführt 1832 in Mailand, handelt von Nemorino, der unsterblich in die zunächst abweisende Adina verliebt ist. Als ein Soldat sich der Geliebten nähert, kauft er verzweifelt einem reisenden Quacksalber einen vermeintlichen Liebestrank ab. Der macht ihn zwar nur betrunken, aber am Ende kriegt er die Angebetete trotzdem.

Termine
An der Staatsoper ist das Stück nochmals am 4., 6., 13., 20., 28. 11.; Karten: 07 11 / 20 20 90 oder www.staatsoper-stuttgart.de