Aus Istanbul an den Neckar: Güldide Duran unterrichtet Flüchtlingskinder aus der Ukraine in der Rosensteinschule im Nordbahnhofviertel. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Durch den Lehrermangel öffnen sich die Schulen vermehrt auch für Quereinsteiger. Noch sind es nicht viele. Aber es werden mehr. Drei Beispiele aus Stuttgart.

Es ist nicht lange her, da war Güldide Duran selbst ganz neu in Deutschland und musste die Sprache lernen. Das war im Jahr 2019. Jetzt unterrichtet die 27-Jährige Flüchtlingskinder aus der Ukraine in einer Vorbereitungsklasse an der Rosensteinschule im Stuttgarter Norden.

 

Güldide Duran stammt aus Istanbul, dort hat sie ein Studium als Vorschullehrerin absolviert. Als sie das abgeschlossen hatte, wollte sie reisen und sich Europa anschauen. In der ersten Zeit war sie bei einer Familie in Fellbach Au-pair. Es gefiel ihr hier so gut, dass sie blieb. Dann wechselte sie nach Stuttgart und arbeitete länger in einem Kindergarten in Münster, sie machte eineinhalb Jahre einen „Anpassungslehrgang“, heute ist sie anerkannte Erzieherin. Mit diesem Papier in der Tasche setzte sie zum nächsten Schritt an – zum Quereinstieg in die Grundschule.

Kinder begleiten auf ihrem Weg

Der Unterricht gefällt ihr gut. „Für die 16 Kinder bin ich verantwortlich, ich sehe, wie sie sich entwickeln“, sagt sie, das macht ihr Freude. Auch die Kollegen seien „sehr hilfsbereit“. Der Altersunterschied der Kinder allerdings sei schwierig, man müsse immer „auf unterschiedlichen Ebenen unterrichten“. Und Güldide Duran hat festgestellt, dass es nicht einfach ist, eine feste Stelle in der Schule zu bekommen. Nun überlegt sie, ob sie noch ein Lehramtsstudium macht.

Quereinsteiger in den Beruflichen Schulen in Feuerbach: Anthony Carimando Foto: Max Kovalenko

Mehr als zwei Jahrzehnte hat Anthony Carimando als Architekt gearbeitet, die längste Zeit im Bereich Entwerfen. Das hat ihm Spaß gemacht. Nur hat er sich damals gefragt, ob er das bis zum Ende seines Berufslebens machen will oder noch mal was Neues probieren sollte. Lehren, das wusste er als Honorarkraft im Bereich Stadtplanung an der Uni Stuttgart, macht ihm Freude. Aber ein Neustart mit Familie und drei Kindern?

Freude an der Wissensvermittlung

Heute unterrichtet der 50-Jährige in verschiedenen Berufsfeldern Präsentationstechnik, Innenraumgestaltung, Werkstoffkunde und Kunstgeschichte an den Beruflichen Schulen in Feuerbach. Der Weg dahin als Direkteinsteiger gleich mit Unterricht, Vor- und Nachbereitung, Hospitieren in anderen Klassen, Begleitung durch einen Mentor und parallel der Besuch des Lehrerseminars – „das war anspruchsvoll und anstrengend“, gibt Anthony Carimando zu.

Aber es hat sich gelohnt. Voll und ganz. Das Arbeiten im Unterricht mit den Schülern, diese zu motivieren, selbst aktiv zu werden, sein Fachwissen „didaktisch runter zu brechen“, das mache er „extrem gern“, sagt der 50-Jährige. „Ich brenne für das, was ich tue“, schwärmt er über seinen heutigen Beruf. Wenn er morgens mit dem Rad zu Schule fährt, sage er sich oft: „Was für einen schönen Beruf ich doch habe.“

Quereinsteigerin in der Helene-Schoettle-Schule: Sabine Vogel Foto: Max Kovalenko

Sabine Vogel war eigentlich gut vorbereitet auf ihre neue Arbeit. Schon nach der Schule hatte sie sich für ein freiwilliges soziales Jahr entschieden, in einer Sonderschule im Schwarzwald, wo sie herkommt. Dann hat sie eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin gemacht, lange in Wohngruppen mit behinderten Menschen gearbeitet. Berufsbegleitend setzte sie noch die Ausbildung zur Heilpädagogin drauf.

Schwieriger Einstieg wegen Corona

Ihr Start in der Helene-Schoettle-Schule in Steinhaldenfeld aber war doch holperig – überschattet von Corona. Dabei ist ein solcher Quereinstieg schon ohne diese Rahmenbedingungen anspruchsvoll. „Da muss man sich erst reinfinden, und dann kommt das – das war nicht einfach“, sagt die 37-Jährige. Aber es hat trotzdem geklappt, gut geklappt. „Ein tolles Team“, sagt sie über ihre Kolleginnen und Kollegen an dem Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren. „Ich bin sehr herzliche aufgenommen worden und hatte nie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden“, erzählt sie.

Sabine Vogel mag die Arbeit mit den Kindern, die Verbindung von Bildung und Pflege. Und die Abwechslung. „Jeder Tag ist anders als geplant“, sagt sie über ihren Berufsalltag. Das kann auch anstrengend sein, keine Frage. „Aber die Freude mit den Kindern überwiegt“, betont Sabine Vogel.