Beim Bauen ist der Landkreis Böblingen Spitze. Wenn es darum geht, den dabei entstehenden Abraum zu entsorgen, winken die Kommunen dankend ab. Ein Deponiestandort ist seit Jahren nicht durchsetzbar, obwohl die Zeit drängt.
Ob beim Daimler in Sindelfingen, der IBM in Ehningen, auf dem Flugfeld und der Innenstadt von Böblingen oder im Neubaugebiet von Holzgerlingen: Bagger und Kräne haben in diesem Landkreis zurzeit Vollbeschäftigung. Der Hochbau brummt. Aber wer hoch hinaus möchte, muss zunächst tief hinunter. Und da beginnt das Problem, das die prächtige Bilanz trübt: Wohin mit dem ganzen Dreck, den die Bagger aus den Baugruben schaufeln?
Nicht in den Landkreis, lautet die Antwort – sofern es sich um Erde handelt, die leicht belastet ist. Die dürfen die Bauunternehmer nämlich nicht in den Steinbruch Baresel nach Ehningen fahren. Für 14,50 bis 18 Euro pro Tonne können sie dort ihre Ladungen abkippen, wenn es sich um reinen Boden handelt. Dafür gibt es genügend Kapazitäten. Schwierig wird es, wenn der Aushub nicht vom Acker eines Neubaugebietes stammt, sondern in der Innenstadt, in einem ehemaligen Industriegebiet oder auf einem Firmenareal ausgegraben worden ist. Dieses Material geht meistens nicht als lupenreine Erde durch und findet im Landkreis keinen Deponieplatz. Fakt ist: Obwohl in diesem Landstrich so dynamisch gebaggert wird, fehlen dort die Kapazitäten für diese Art von Abfall. Und das sind immerhin rund 250 000 Tonnen im Jahr.
Standortsuche des Landkreises stößt 2016/2017 auf vehemente Gegenwehr
Ein Dilemma, das man im Böblinger Landratsamt bereits vor längerer Zeit erkannt hat. Im Jahr 2016 schritt der Landrat zur Tat, um das Problem zu lösen – und holte sich eine blutige Nase. Die Bemühungen, einen Standort für eine Großdeponie im Landkreis auszugucken, stießen auf vehemente Gegenwehr bei den Kommunen, die dafür infrage kamen. Allen voran: die Stadt Sindelfingen. Dort sah der Landkreis gleich zwei optimale Standorte für eine Erdlagerstätte. Das Echo aus dem Rathaus auf die Begehrlichkeiten aus dem Landratsamt war wenig wohlwollend. Eine Deponie, die rund 40 Fußballfelder umfassen sollte, mitten im Sindelfinger Wald? Niemals. Obwohl Sindelfingen mit seinem Abraum keinen geringen Anteil am Deponiebedarf im Kreis hat. Oberbürgermeister Bernd Vöhringers Reaktion fiel robust aus: Die Suche nach einem Standort sei von Tricksereien, frisierten Zahlen und intransparenten Machenschaften begleitet worden, lautete sein Vorwurf Richtung Landratsamt. Seither ist das Projekt tot. Ein neuer Suchlauf mit 76 potenziellen Standorten wurde nicht mehr ernsthaft verfolgt. Eine weitere Hoffnung zerschlug sich ebenfalls: Die Genehmigungsbehörden erteilten dem Plan eine Absage, die Steinbrüche im Kreis Böblingen auch mit belastetem Material zu füllen.
Die Kapazitäten reichen dank Ludwigsburg noch sieben Jahre
Und nun? Im Landratsamt bleibt das Thema in der Schublade. „Das ist derzeit keine vordringliche Sache“, sagt Martin Wuttke, Umweltdezernent und stellvertretender Landrat. Die Kapazitäten reichen dank einer Deponiemöglichkeit im Kreis Ludwigsburg noch rund sieben Jahre. Was danach passiert, steht in den Sternen. Klar ist jedoch: Danach gibt es keine ortsnahen Entsorgungsmöglichkeiten mehr. Erde aus dem Kreis Böblingen müsste dann wenig nachhaltig die Reise in weit entfernte Deponien antreten.
Es sei denn, es tut sich rasch etwas. Aber danach schaut es derzeit nicht aus. „Der Prozess ist ins Stocken geraten“, räumt Martin Wuttke ein. Was es brauche, sei eine breite politische Mehrheit und einen „gewissen Druck“. Beides ist offensichtlich derzeit nicht vorhanden im Landkreis. „Keine Kommune schreit: ,Hurra, ich möchte eine solche Erddeponie bei mir haben‘“, weiß Wuttke.
Schwammige gesetzliche Vorgaben
Dass sich ein Landkreis eine solche Situation leisten kann, liegt an den schwammigen gesetzlichen Vorgaben. Denn der Landkreis hat sehr wohl die Pflicht, Deponiekapazitäten vorzuhalten. Eine Pflicht der Bauunternehmen, die Erde im Landkreis zu deponieren, gibt es hingegen nicht. Das macht den Bau einer Erddeponie nicht nur aus standorttechnischen Gründen schwierig. Auch die betriebswirtschaftliche Grundlage fehlt. „Wenn dann kein Material abgeliefert wird, bekommen wir ein Problem“, sagt Wuttke. Der Steuerzahler müsste im Zweifelsfall für die Defizite aufkommen.
Eine Lösung sieht Martin Wuttke nur in einer Kooperation über die Grenzen hinweg. „Das kann nicht jeder Landkreis machen“, betont er, „wir müssen da in Raumschaften denken.“ Deshalb hat man im Böblinger Landratsamt bereits die Fühler ausgestreckt. Gespräche über eine Entsorgung in benachbarten Landkreisen seien zunächst vielversprechend gewesen, hätten sich mittlerweile aber zerschlagen, erzählt Wuttke. Bleibt die zweite Lösung. Die sieht vor, dass die Deponie nur noch der letzte Ausweg ist, sich des Bauschutts zu entledigen. „Das Ziel muss sein, solche Stoffe erst gar nicht entstehen zu lassen“, sagt Martin Wuttke und denkt an Konzepte, leicht belasteten Aushub vor Ort zu verwerten – etwa in Lärmschutzwällen oder Geländemodellierungen. Bei größeren Bauvorhaben werden diese Auflagen bereits festgesetzt. Gefordert ist hier aber der Gesetzgeber. Solange keine Lösung gefunden wird, ist die Konsequenz für den Umweltdezernenten klar: „Es gibt eine Deponiepflicht, der wir nicht nachkommen.“
Gefahr des Mülltourismus
„Tragisch“ nennt das einer, der aus der Branche stammt. Der Bauunternehmer macht sich Sorgen um die Zukunft derer im Kreis Böblingen, die bauen möchten. „Können sich die Häuslebauer in Zukunft überhaupt noch leisten, einen Keller zu errichten?“, fragt er. Eine Tonne Erdaushub zu entsorgen koste derzeit mehr, als eine Tonne Splitt zu kaufen, klagt er. Wenn es nicht bald mehr Möglichkeiten gäbe, Erde im Kreis abzugeben, befürchtet der Mann, dass auch der Mülltourismus zunimmt. „Auf der Alb“, behauptet er, „bekommt man die Erde für die Hälfte los.“ Das Problem Erdaushub ist für ihn daher alles andere als gelöst. „Das ist allerhöchstens verschoben“, sagt er.
In der Tat: Falls die Bagger weiterhin so wühlen wie bisher, wird es eng im Landkreis. Drei bis fünf Jahre dauert es, bis eine Deponie gebaut ist, sagt Wuttke. Als die Pläne des Landkreises für eine eigene Abladefläche noch nicht in der Schublade vergilbten, war man sich dessen bewusst. Baubeginn sollte im Jahr 2024 sein. Der Countdown läuft.
Knapp 40 Fußballfelder für eine Erddeponie
Bedarf Rund 250 000 Tonnen leicht belasteter Bauschutt fallen im Landkreis pro Jahr an. Um diese Menge zu entsorgen, ist eine Deponie mit rund 30 Hektar Fläche, das sind knapp 40 Fußballfelder, notwendig. Diese soll 20 bis 25 Jahre in Betrieb sein.
Schadstoffklassen Der Erdaushub wird in fünf Schadstoffklassen – von unbelasteter Erde bis gefährliche Abfälle, die nur in Salzbergwerken gelagert werden dürfen, eingeteilt (DK 0 bis DK 4). Im Landkreis fallen zumeist Baumaterialien zwischen DK 0 und DK 2 an.
Suchlauf
Im Jahr 2016 beschloss der Landkreis, einen Suchlauf nach einem Standort zu starten. Am Ende kamen fünf Orte in die Endauswahl: Ehningen, Weissach, Rutesheim und zweimal Sindelfingen.
Protest
Vor allem Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer lehnte eine Deponie auf Sindelfinger Markung ab und warf dem Landkreis ein unsauberes Auswahlverfahren vor. Seither liegt das Projekt auf Eis. mis