„Wir fühlten uns sicher“: Museumsdirektor Dirk Syndram und die Generaldirektorin der Dresdner Kunstsammlungen, Marion Ackermann, hatten keine Zweifel am Sicherheitskonzept. Foto: dpa/Sebastian Kahnert (2), Jürgen Karpinski

Eiskalte Profis waren beim spektakulären Einbruch im Grünen Gewölbe von Dresden am Werke. Als Schwachstelle im Sicherheitsplan gilt die Vitrine aus Sicherheitsglas: Binnen Sekunden war sie zerschlagen.

Dresden - Es ist kalt an diesem Dienstagmorgen, als die ersten Übertragungswagen vor dem Dresdner Residenzschloss halten. Der Nebel des Vortags hat sich verzogen. Tschechische, russische und polnische Medien sind angereist. Einen Tag nach dem spektakulären Einbruch in das Grüne Gewölbe steht Dresden im Fokus der Öffentlichkeit. Schaulustige und Touristen haben sich vor den Polizeiabsperrungen versammelt. Und die meisten stellen sich die gleiche Frage: „Wie war das überhaupt möglich?“

Um das herauszufinden, haben am Dienstag Tatort-Spezialisten des Landeskriminalamtes ihre Spurensuche fortgesetzt. Fragen zum Sicherheitskonzept der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) kommentiert man nicht. „Bemerkenswert“, nennt ein Sprecher immerhin das Tempo der brachialen Vitrinenöffnung. Bemerkenswert ist auch die Qualität der Videobilder aus dem Juwelenzimmer. Bemerkenswert schlecht. „Wir haben leider keine Aufnahmen, auf denen man die Täter erkennt“, sagt Polizeisprecher Marko Laske am Nachmittag.

Positiv dagegen sei die öffentliche Anteilnahme an dem Kunstdiebstahl in Sachsens Allerheiligstem. Schon am ersten Tag sind bei der Polizei 91 Zeugenhinweise eingegangen. „Die werden wir jetzt nach Priorität abarbeiten“, sagt Laske.

Der Elektroverteiler wurde gezielt in Brand gesteckt

Aber es gibt auch erste Erkenntnisse. Zwei Brände stehen tatsächlich im Zusammenhang mit dem Kunstdiebstahl. Die Täter hatten offenbar zunächst einen Elektroverteiler in einem Raum an der Augustusbrücke gezielt angezündet. Durch den Brand fiel die Stromversorgung aus, so dass alle Straßenlaternen am Theaterplatz und in der Sophienstraße ausgingen. So konnten die Täter im Schutz der Dunkelheit und unbemerkt von Außen­kameras das Fenstergitter öffnen. Und in ihrem Fluchtfahrzeug, einem Audi A6 Avant, fanden die Ermittler Spuren vom Tatort, die beweisen, dass es sich bei dem ausgebrannten Wrack um das Auto der Täter handelt. Auch im Stadtteil Pieschen wird ermittelt. Die Einfahrt zur Tiefgarage eines Wohnkomplexes ist verrußt und steht unter Wasser. Die Täter hatten den Audi auf einem Hausmeisterstellplatz angezündet. Zwei weitere Wagen fingen dabei ebenfalls Feuer.

Vor der ausgebrannten Garage herrscht unterdessen reger Betrieb. Nach und nach nehmen die Fahrzeugbesitzer die Schäden an ihren Autos in Augenschein. Viele Fahrzeuge sind stark verrußt, an einigen Stellen ist wegen der Hitze Plastik geschmolzen und auf die Dächer der Autos getropft. Unklar ist, wie die Diebe überhaupt in die Garage gelangten, denn die Zufahrt lässt sich nur mit einem Schlüssel öffnen.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer Bande aus

Über die Brandnacht kursieren auch hier viele Gerüchte. Manch einer will seit Wochen ein unbekanntes Auto mit polnischem Kennzeichen beobachtet haben. Andere widersprechen. Sicher ist nur, dass am Sonntag beim Hausmeister eine Beschwerde wegen eines unerlaubt abgestellten Mercedes in der Tiefgarage einging. Gegen zwei Uhr nachts habe dort jedoch kein Auto mehr gestanden, berichtet ein Anwohner. Der Zugang zu seinem Haus liegt direkt neben der Brandstelle.

Gleichzeitig setzen die Ermittler der Soko „Epaulette“ ihre Zeugenbefragungen fort. Mitarbeiter der SKD sind darunter, Anlieger des Schlosses und Gäste aus Hotels. Kriminalrat Olaf Richter, der Chef des Dresdner Einbruch-Kommissariats und Leiter der Soko, ist nach den bisherigen Ermittlungen überzeugt, dass der Einbruch ein Werk von Profis ist. „Insgesamt sprechen die Umstände für eine zielgerichtete und vorbereitete Tat“, sagt er. Dafür spreche neben dem Brand in der Stromverteilung auch das Tempo des Diebstahls: Die Täter wussten, was sie haben wollten –und waren in kürzester Zeit wieder verschwunden. Überzeugt ist die Polizei auch, dass zu der Diebesbande mehr als zwei Täter gehören. Auch die Dresdner Staatsanwaltschaft geht von einer Bande aus. Dort wird die für die Bekämpfung organisierter Kriminalität zuständige Abteilung mit den Ermittlungen beauftragt.

Überraschend winzig ist die Öffnung, durch die die Täter kletterten

Am Tag danach ist die Ruhe in der Dresdner Altstadt eine trügerische. Während sich Touristen an barocker Baukunst erfreuen, geht die Arbeit der Polizei am Tatort weiter. Seit sieben Uhr sind die Spezialisten des Landeskriminalamtes Sachsen an jenem Fenster des Residenzschlosses zugange, durch das die Täter am frühen Montagmorgen in das Pretiosenzimmer eindrangen. Überraschend winzig ist die Öffnung, durch die sich die beiden Männer, die auf dem Überwachungsvideo zu sehen sind, gezwängt haben müssen: An acht Stellen haben sie das rautenförmige Gitter durchtrennt, um eine dreieckige Öffnung von etwa 40 Zentimeter Höhe zu schaffen. Das Sicherheitsglas der Fensterscheibe überwanden sie ebenso mühelos wie das Sicherheitsglas der Vitrine eins im Juwelenzimmer des historischen Grünen Gewölbes. Dem Überwachungsvideo ist zu entnehmen, dass das Vitrinenglas den Axthieben bereits nach wenigen Sekunden nachgab. Museumsdirektor Dirk Syndram bezeichnete die Vitrine als den Schwachpunkt: „Das, was uns der Lieferant versprochen hat, hat er nicht gehalten.“

Für die Museumsleitung ist nach wie vor unklar, was und wie viel gestohlen wurde. Auch aufgrund der Polizeifotos von der geplünderten Vitrine sei nicht gesichert, welche Stücke fehlen, sagte Direktor Syndram. „Ich weiß, dass einige Objekte nicht an ihrem Platz sind. Aber ich kann nicht sagen, wie es auf dem Boden der Vitrine aussieht.“ Klarheit könne eine Bestandsaufnahme bringen, die noch aussteht. Anhand von Tatortbildern waren fehlende Objekte identifiziert worden, darunter prominente Kostbarkeiten.

Mitarbeitern der Kunstsammlungen standen Tränen in den Augen

„Ich brauche nicht zu sagen, wie schockiert wir sind, auch von dieser Brutalität des Einbruchs“, sagt die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Monika Ackermann. Der Materialwert an sich sei gar nicht so hoch zu bewerten wie der Wert, der in der Vollständigkeit des Ensembles liege. August der Starke habe sich stets im Wettbewerb befunden mit dem französischen König Ludwig XIV. Mit solchen Garnituren habe er den Sonnenkönig hinter sich lassen wollen. Die Bedeutung liege darin, dass die Garnituren als Ensembles erhalten blieben. Ackermann spricht von Sachsens Staatsschatz des 18. Jahrhunderts. Und wenn die Diebe ihre Beute zerlegen? „Das wäre eine schreckliche Vorstellung.“

Dirk Syndram bezeichnete die gestohlenen Garnituren als „eine Art Weltkulturerbe“. Es gebe nirgendwo in einer Sammlung in Europa eine Juwelengarnitur, die in dieser Form, dieser Qualität und dieser Quantität erhalten blieb. Ackermann und Syndram betonen unisono: Um die Sicherheit der Kunstschätze zu gewährleisten, sei gemacht worden, „was menschenmöglich und technisch leistbar war“.

Genauso geschockt wie die Leitung der Museen wirkten die Museumsmitarbeiter. Manchem Beschäftigten der Kunstsammlungen standen am Montag Tränen in den Augen. „Das ist wie in einem schlechten Film. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal erleben muss“, sagt eine Mitarbeiterin.                                          (mit Material von AFP)