16 Stunden fasten trotz Uni-Stress: Wie zwei Stuttgarterinnen den Ramadan leben – zwischen Zellerneuerung, Periodenpausen und der Suche nach spiritueller Ruhe im Alltag.
Wenn Dima aus der Uni kommt, muss sie meist noch ein paar Stunden warten, bis sie etwas essen kann, schließlich ist die Sonne noch nicht untergegangen. In dieser Zeit liest sie den Koran, denkt über das Gelesene nach, geht joggen. Die 22-Jährige Stuttgarterin geht ihren Vorsätzen nach, die sie sich für den diesjährigen Ramadan gesetzt hat. Denn zum Fastenmonat gehört mehr als das Weglassen von Essen und Trinken solange es draußen hell ist. Dima hat schon früh mit dem Fasten begonnen – sie war in der zweiten Klasse, als sie es „den Erwachsenen nachmachen wollte“. Heute bestimmt der Ramadan einen Monat im Jahr ihren Alltag.
Täglich 16 Stunden Fasten im Ramadan
So wie Dima geht es in Deutschland derzeit circa 4,7 Millionen Muslim:innen. Es ist die letzte Woche des muslimischen Fastenmonats, der die dritte der fünf Säulen des Islams bildet. Hierzulande müssen die Fastenden dieses Mal fast 16 Stunden mit dem Essen und Trinken warten. Denn die Fastenzeit orientiert sich am Verlauf der Sonne. Zudem richtet sich der Ramadan nach dem Mondkalender, welcher kürzer ist, sodass der Fastenmonat jedes Jahr auf einen anderen Zeitraum fällt.
Für die meisten Muslim:innen sind die 30 Tage eine Zeit der Ruhe, des Innehaltens. Doch wie gelingt das im deutschen Alltag, der meist von Hektik und Verpflichtungen geprägt ist? Und welche Bedeutung hat der Ramadan für junge Stuttgarterinnen?
20 Seiten Koran am Tag
„Ich sage immer, Ramadan ist das, was du daraus machst“, erzählt Dima, „für mich ist der Fastenmonat eine Chance, eine reinere Verbindung zu Gott aufzubauen, dadurch dass ich weder esse, noch trinke.“ Gleichzeitig denke sie in dieser Zeit viel mehr über ihr eigenes Verhalten nach und wie sie dieses verbessern könnte. „Man kann sich das ein bisschen wie Neujahrsvorsätze vorstellen“, sagt die Studentin.
Und was möchte sie in diesem Jahr am Ende des Ramadans erreicht haben? „Ich möchte es endlich mal schaffen, den Koran ganz zu lesen“, erzählt Dima, „der Richtwert liegt so bei circa 20 Seiten pro Tag.“ Der Tag endet für die 22-Jährige mit dem Fastenbrechen Iftar: Sobald die Sonne untergegangen ist, kommt die ganze Familie zusammen, um gemeinsam zu essen. Häufig diskutiert Dima dann noch mit ihrer Mutter über verschiedene Interpretationen des Korans – und was sie für sich und ihren Alltag daraus mitnehmen kann.
„Auch kein Wasser?!“
Doch die Annahme, der Ramadan laufe immer gleich ab, sei sowieso nicht richtig, sagt Dima: „Die Bedeutung des Ramadans verändert sich, wenn man älter wird.“ Es sei ein ständiger Prozess, keine Schablone. Auch darüber wie sie ihr Fasten bricht, denkt sie heute anders: „Bis vor zwei Jahren habe ich alles gegessen was auf dem Tisch war. Heute überlege ich, was gebe ich meinem Körper, um dadurch auch gesundheitlich zu profitieren.“
Generell habe sie keine großen Schwierigkeiten, den Ramadan in ihren Alltag zu integrieren – vielmehr integriere sie ihren Alltag in den Ramadan, erzählt Dima. Sie studiert international Engeneering mit dem Schwerpunkt Medizintechnik. Ihre Prüfungen fallen dieses Jahr in die Zeit des Ramadans. Doch davon, dass sie während des Tages großen Hunger verspürt oder sich schlecht konzentrieren kann, kann Dima nicht berichten.
Ganz im Gegenteil: Die 22-Jährige sprudelt vor Energie, während sie spricht. „Der Körper gewöhnt sich an das Fasten und es ist ja auch nicht so, dass wir in diesen 30 Tagen gar nichts essen“, sagt sie. Doch mit genau diesem Vorurteil wurde sie schon häufig konfrontiert. „Was?! Auch kein Wasser?“ sei die häufigste Frage, die ihr in dieser Zeit gestellt wird – auch ihren muslimischen Freund:innen.
Mittlerweile kann die Studentin darüber schmunzeln. Doch vor allem zu Schulzeiten sei ihr das Fasten schwer gefallen. Ihre Grundschulzeit hat Dima in Jordanien verbracht. „Wenn alles um dich herum dekoriert ist und alle fasten, fällt es einem selbst natürlich auch leichter“, erzählt sie, „dann kam ich nach Deutschland. Da war es sehr leer.“ Gefehlt habe ihr die Wärme, die sie bis dahin mit dem Ramadan verbunden hat. Dima erzählt auch vom fehlenden Verständnis der Menschen – das sich in den letzten Jahren verändert habe. An ihrer Uni gibt es sogar ein gemeinschaftliches Fastenbrechen.
Der Monat der guten Taten
Das Fasten während des Ramadan bedeutet auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und auf das Überflüssige zu verzichten. Für viele Muslime ist der Ramadan deshalb eine bewusste Auszeit, in der sie Ruhe finden und sich intensiv mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Dima hört in dieser Zeit zum Beispiel weniger Musik und reduziert ihre Ablenkungen.
Außerdem wird der Ramadan als der Monat der guten Taten angesehen. Für Muslime bedeutet das, dass man sich noch mehr von Sünden fernhalten soll. Sprich: nichts Schlechtes reden, hören oder tun. Rauchen, Alkohol und körperliche Nähe sind während des Tages auch nicht erlaubt. Kommt es spätestens dann zu inneren Konflikten bei jungen Muslim:innen?
Meltem Yurt wohtn zusammen mit ihrem Verlobten in Stuttgart-Mitte wohnt. Der Verzicht von körperlicher Nähe gehört für die 30-Jährige zum Ramadan dazu. „Außerdem küsst es sich nach dem Fastenbrechen dann viel besser“, erzählt sie. Dass ihr Partner nicht faste, sei für sie kein Problem: „Einmal hat er mitgemacht – auch für ihn war das eine tolle Erfahrung.“
Im Gegensatz zu Dima hat Meltem spät mit dem Fasten begonnen. Sie war zwar schon immer sehr verbunden mit ihrem Glauben und hat als Kind auch die Koranschule besucht, doch dieses Jahr soll es ihr erster Ramadan werden, bei dem sie die vollen 30 Tage fastet. „Ich habe die vergangenen Jahre immer wieder unterbrochen, weil ich es einfach nicht mit meinem hektischen Leben vereinbaren konnte. Ich war viel unterwegs“, erzählt Meltem. Eine Vorbereitung gibt es bei der 30-Jährigen nicht. „Es ist eher ein Leben am Limit bis ganz kurz davor - und dann beginnt die heilige Phase. Das ist für mich immer eine 180-Grad-Wende.“
Dopamin-Fasten
Und wie fühlt sich diese an? Die 180-Grad-Wende? „Man ist den Tag über wie in einem Vakuum und das erlebe ich nur in diesem Monat so. Das kann man mit nichts vergleichen“, versucht die Konzepterin ihre Gefühle während dieser Zeit zu beschreiben. „Ich bin in der Zeit auch viel am Beten und man wird einfach sehr bedächtig.“
Doch eine Ausnahme macht Meltem beim diesjährigen Fasten: Während ihrer Periode setzt sie aus – möchte die Tage dann aber am Ende an den Fastenmonat dranhängen. „Dieses Mal habe ich mich richtig auf meine Periode gefreut, das ist sonst nie so“, sagt die 30-Jährige. Generell sieht sie viele gesundheitliche Vorteile im Fasten: „Ich habe schon oft erlebt, dass die Leute nach dem Ramadan aussehen wie neu geboren, weil sich die Zellen erneuern.“
Meltem fastet aber nicht nur Essen und Trinken, sondern versucht sich auch von zu viel Dopamin fernzuhalten. Außerdem sind zu viele negative Gedanken, Aggressionen und Schimpfwörter für sie in den 30 Tagen tabu.
Doch auch für sie ist das Fastenbrechen der schönste Moment des Tages. „Eigentlich sollte das innerhalb der Familie stattfinden, so ist es Tradition.“ Doch vor allem bei Jüngeren, die zum Beispiel für ein Studium in eine andere Stadt gezogen sind, sei das nicht immer umsetzbar. Das bemerkte auch Dima, die vor Kurzem in ihre erste eigene Wohnung gezogen ist: „Wenn das Fastenbrechen beginnt, sitze ich nun oft alleine am Fenster und schaue mir den Sonnenuntergang an.“
Dieser Artikel erschien erstmals am 2. April 2024 und wurde am 17. März 2026 aktualisiert.