Radikale Islamisten missbrauchen die Religion für ihre eigenen extremistischen Zwecke Foto: dpa

Der Islam macht vielen Angst. Doch es sind die Radikalen, die man fürchten muss - wir erklären in einer komprimierten Übersicht die Geschichte des Islam und seiner verschiedenen Strömungen und wie diese einzuordnen sind.

Grundlagen

Der Islam ist die jüngste der drei monotheistischen Religionen. Wie Juden und Christen glauben auch Muslime an den einen Gott. Mit rund 1,6 Milliarden Anhängern ist er nach dem Christentum (etwa 2,2 Milliarden Anhänger) die zweitgrößte Weltreligion.

Seinen Ursprung hat der Islam – das Wort bedeutet völlige Hingabe an Gott – in den Offenbarungen, die der 570 n. Chr. in Mekka geborene und 632 in Medina gestorbene Mohammed von Gott empfangen hat. Die Glaubenslehren sind festgehalten in 114 Suren im Koran, dem heiligen Buch des Islam.

Die Einzigkeit Gottes und die Hingabe an seinen Willen sind der zentrale Inhalt des Islam, der auf fünf Säulen ruht: dem Glaubensbekenntnis (Schahada), das fünfmal täglich zu vollziehende Gebet (Salat), der Abgabe an die Armen (Zakat), dem Fasten im heiligen Monat Ramadan (Saum) und der Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch).

Glaubensströmungen

Der Islam ist eine gespaltene Religion. Schon wenige Jahrzehnte nach Beginn der islamischen Zeitrechnung 622 n. Chr. kam es zum Bruch. Die beiden größten Glaubensströmungen sind Sunniten und Schiiten, die sich in ihrer Geschichte immer wieder bekriegten. Heute gehören rund 85 Prozent der Muslime der sunnitischen und 15 Prozent der schiitischen Konfession an, die sich in ihrer religiösen Lehre und Praxis sowie den politischen Überzeugungen stark unterscheiden. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich die innerreligiösen Konflikte extrem verschärft.

Sunniten

Der Name leitet sich von dem Arabischen „Sunna“ ab, was so viel bedeutet wie Tradition, Brauch. Gemeint ist die Überlieferung der Worte und Taten des Propheten Mohammed, die in den „Hadith“-Schriften gesammelt sind. Der sunnitische Zweig des Islam geht zurück auf das von Abu Bakr (537–634) gegründete Kalifat. Er war einer der ersten Anhänger Mohammeds und zugleich sein Schwiegervater.

Im 8. und 9. Jahrhundert bildeten sich vier sunnitische Rechtsschulen: Hanafiten, Ma­likiten, Hanbaliten und Schafiiten. Sie unterscheiden sich vor allem darin, nach welchem Verfahren Recht gesprochen und die Scharia, das islamische Recht, ausgelegt wird. Die Scharia beinhaltet alle Gesetze, die auf dem Koran und den Reden und Taten Mohammeds beruhen und in einer islamischen Gesellschaft strikt zu befolgen sind.

Schiiten

Die Schia (arabisch für Anhängerschaft) ist die zweitgrößte Glaubensrichtung. Die Schiiten betrachten Ali ibn Abi Talib, den Schwiegersohn Mohammeds, als den von ihm designierten Nachfolger und Imam. Sie pflegen eine Heiligenverehrung und einen Märtyrerkult, der den Sunniten fremd geblieben ist. Die größte Strömung sind die Zwölfer-Schiiten, die einer Reihe von zwölf Imamen folgen und vor allem im Iran, in Aserbaidschan, im Irak, in Bahrain, im Libanon, in Kuwait und Afghanistan leben.

Eine weitere Gruppe sind die Ismailiten, die einer Reihe von sieben Imamen folgen. Zu den Ismailiten zählten auch die berüchtigten Assassinen. Diese auch als Nizariten bekannte frühe Terrorgruppe verübte im Mittelalter Attentate und war bei Christen wie Muslimen gleichermaßen gefürchtet. Eine dritte, kleinere Gruppe, die Zaiditen, folgt den fünf Imamen. Sie leben heute nur noch im nördlichen Jemen.

Alawiten und Aleviten

Die Alawiten sind eine religiöse Gruppierung, die im späten 9. Jahrhundert entstand und zum schiitischen Glaubensspektrum gehört. Der syrische Präsident Baschar al-Assad ist Alawit. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Aleviten, einer im 13. und 14. Jahrhundert nach Anatolien ausgewanderten türkischen Volksgruppe. Deren Glaube ist stark vom Humanismus geprägt. Im Mittelpunkt ihrer für den Islam recht liberalen Lehre steht der Mensch, der für seine Handlungen selbst verantwortlich ist. Strenggläubige Sunniten betrachten Aleviten oft nicht als Muslime.

Wahhabiten

Sie sind die Anhänger einer puristisch-traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islams. Die im 18. Jahrhundert von dem Rechtsgelehrten Ibn Abd al-Wahhab (1702–1792) gegründeten Wahhabiten predigen die Rückkehr zu einem gereinigten, am Koran orientierten Islam. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die wahhabitische Dynastie in Saudi-Arabien durch König Ibn Saud begründet. Als Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina üben die erzkonservativen saudischen Herrscher eine einzigartige Autorität im Islam aus.

Wahhabiten lehnen den Sufismus und die Schia ab. Gruppen des El-Kaida-Netzwerks sowie die Taliban stehen den Wahhabiten nahe und wurden zumindest in der Vergangenheit aus saudischen Quellen finanziert.

Charidschiten

Die „Auszügler“ sind die älteste religiöse Strömung im Islam, die einer eigenen Rechtsschule folgen und weder zu Sunniten noch Schiiten gehören. Ihrer Meinung nach sollte der „beste Muslim“ das Kalifenamt erhalten, unabhängig von familiärer oder ethnischer Zugehörigkeit. Nur die Strömung der Ibaditen mit weniger als zwei Millionen Mitgliedern hat bis heute die innerislamischen Verfolgungen überlebt.

Sufismus

Er ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene spirituelle und asketische Strömungen im Islam. Anhänger des Sufismus nennt man arabisch Sufi oder persisch Derwisch. Die verschiedenen Orden im Sufismus wollten den Islam entpolitisieren und ihn zu einem verinnerlichten, gewaltfreien Glauben wandeln. Doch die Mystikerbewegung unterlag im Konflikt mit der islamischen Orthodoxie.

Radikale Bewegungen

Der Islam ist die Religion mit dem mit Abstand schlechtesten Image in Deutschland. Eine Mehrheit der Deutschen hält den Islam für brandgefährlich. Einer aktuellen Umfrage des „Religionsmonitors“ der Bertelsmann-Stiftung zufolge sehen 57 Prozent in ihm eine Bedrohung. 40 Prozent fühlen sich wie „Fremde im eigenen Land“, und 24 Prozent würden Muslimen am liebsten die Zuwanderung nach Deutschland verbieten.

Ein Grund für Vorurteile liegt darin, dass kaum zwischen Islam und Islamisten, integrierten Muslimen und gewaltbereiten Fanatikern unterschieden wird. Weder der Islam als Religion noch die 1,6 Milliarden Muslime sind „gefährlich“. Vielmehr hat der Islam in seiner fast 1400-jährigen Geschichte eine Vielzahl von Strömungen und Sekten hervorgebracht, worunter auch militante sind.

Salafismus:

Er ist so eine radikale Ideologie, welche die geistige Rückbesinnung auf einen aus ihrer Sicht ursprünglichen, unverfälschten Islam propagiert. Ursprünglich wollte diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene Reformbewegung den Islam modernisieren und durch Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte stärken. Doch inzwischen steht der Salafismus für einen islamistischen Neofundamentalismus, der die ganze moderne Welt als Feind betrachtet.

Terror

Der Begriff islamistischer Terror vereinigt zahlreiche Organisationen, die für den weltweiten Terrorismus im Namen des Islam stehen. Die Attentäter des 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington gehörten dieser Ideologie an, die für einen extremen religiösen Fanatismus und kompromisslosen Einsatz von Gewalt steht.

Dschihadismus:

So unterschiedlich und untereinander verfeindet Gruppen wie Ansar al-Scharia, Boko Haram, Islamischer Staat, Jemaah Islamiyah, Hamas, El Kaida oder die Hisbollah-Miliz auch sind, sie alle laufen unter dem Oberbegriff Dschihadismus. Im Dschihad, dem Heiligen Krieg und gewaltsamen Kampf zur Verteidigung des Islam gegen Ungläubige (zu denen auch andere Muslime gezählt werden), sehen sie eine religiöse Verpflichtung eines jeden Gläubigen.

Ideologische Vorläufer dieser extremistischen Strömung sind der im 18. Jahrhundert entstandene Wahhabismus, die Mitte des 20. Jahrhunderts in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft sowie die 1941 in Pakistan entstandene Organisation Jamaat-e-Islami.

El Kaida:

Die sowjetische Intervention in Afghanistan (1979–1989) bescherte dem Dschihadismus einen großen Zulauf. Osama bin Laden, ein Anhänger des radikalen palästinensischen Theologen Abdallah Yusuf Azzam (1941–1989), wurde Ende der 1980er Jahre von seinem Mentor mit dem Aufbau eines internationalen Terrornetzwerks beauftragt. Es war die Geburtsstunde von El Kaida, der ersten multinationalen dschihadistischen Bewegung. Im Gegensatz zu nationalistischen Bewegungen wie der Hamas oder Hisbollah ist El Kaida ein globales Phänomen. Unabhängig von El Kaida entstanden andere Gruppen in Somalia (al-Shabaab), Pakistan (Laschkar e-Taiba), Russland (Kaukasus-Emirat) und Indonesien (Jemaah Islamiyah). El Kaida (zu Deutsch: die Basis) begann als loser Zusammenschluss ohne konkrete politische Ziele. Im Laufe der 1990er Jahre entwickelte sich das Netzwerk zur gefährlichsten islamistischen Terrororganisation.

Gegen Ende des sowjetischen Afghanistankriegs tauchte der Name erstmals auf. Der saudi-arabische Freiwillige bin Laden (1957–2011) plante, junge Araber, die gegen die Invasoren gekämpft hatten, in einer neuen Organisation zu sammeln. Auf diese Weise hoffte er den Heiligen Krieg zu exportieren. Bin Laden und seine Anhänger verbündeten sich mit der ägyptischen Terrororganisation al-Dschihad des heutigen El-Kaida-Chefs Aiman az-Zawahiri. Mitglieder dieser Gruppe hatten am 6. Oktober 1980 den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat bei einer Militärparade in Kairo ermordet. Sicherheitsexperten vermuten, dass auch die Täter des Anschlags auf die Redaktion des Pariser Satireblatts „Charlie Hebdo“ einer El-Kaida-Splittergruppe zuzurechnen sind – eventuell dem jemenitischen Ableger, der operativ besonders tätig ist.

Hisbollah:

Die bekannteste schiitische Terrororganisation ist die Miliz der Hisbollah (Partei Gottes). Sie entstand Anfang der 1980er Jahre im Libanon, wird vom Iran unterstützt und steht Baschar al-Assad, dem der Religionsgemeinschaft der Alawiten angehörenden Präsidenten Syriens, im Kampf gegen sunnitische Dschihadisten bei.

Islamischer Staat:

Die sunnitische Dschihadisten-Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die bis Sommer 2014 noch Isis (Islamischer Staat in Irak und Syrien) hieß, ist ein El-Kaida-Ableger. IS will ein Kalifat, einen Gottesstaat, errichten, das sich vom Irak bis zum Mittelmeer erstreckt. Geführt wird diese derzeit mächtigste islamistische Gruppierung vom selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al Baghdadi. Unter den zahlreichen ausländischen Kämpfern sollen sich auch schätzungsweise 400 Deutsche befinden.

Al-Nusra-Front:

Diese dschihadistisch-salafistische Organisation gehört ebenfalls zum El-Kaida-Umfeld. Ihr erklärtes Ziel ist die Beseitigung des Assad-Regimes in Syrien, die Vertreibung der alawitischen und christlichen Minderheit und die Errichtung eines am Salafismus orientierten sunnitischen islamischen Staats in Syrien und eines Kalifats in der Levante – also allen Mittelmeerländern, die östlich von Italien liegen. Immer wieder gibt es Berichte, wonach die beiden verfeindeten Dschihadisten-Gruppen Al-Nusra und IS ihre Kräfte vereinigen wollen. Es wäre ein weiterer Schritt in der kurzen, aber verhängnisvollen Geschichte des islamistischen Terrorismus.

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