Aus Worten werden oft Taten. Der Hass im Netz ist als Drohung an Frauen gedacht, still zu sein. Die Rechnung darf nicht aufgehen. Wir müssen den Betroffen zuhören, kommentiert Hilke Lorenz zum Weltfrauentag.
Mal ehrlich. Wie oft haben Sie schon überlegt, einen Post im Internet zu beantworten und jemanden so richtig in seine Schranken zu weisen? Und wie oft haben Sie sich dann gedacht: Ach, lass mal lieber sein. Mehr als einmal, oder? Dann sind Sie mit großer Wahrscheinlich weiblich und fürchten den Shitstorm und die Beschimpfungen, wie sie nur Frauen erfahren. Denn in den meisten Fällen sind die verknüpft mit der Androhung sexualisierter Gewalt. Ganz egal, ob die Adressatinnen prominent sind oder nicht.
Es verschiebt sich etwas im Land. Die verbalen Attacken gegen Frauen werden lauter und mehr. Und Worte setzen den Rahmen für Taten, räumen Tabus beiseite. Wenn die eigene Blase, die Community im Netz, etwas gutheißt, kann es doch nicht falsch sein, so die fatale Eigendynamik, die durch Hatespeech schnell in Gang gesetzt wird.
Häusliche Gewalt nimmt zu
Was man digital herausschreit, findet seinen Weg in die analoge Welt. Es vergiftet die Stimmung. Sickert durch ins tägliche Miteinander. Die Zahlen häuslicher Gewalt nehmen zu. Auch durch Corona, aber nicht nur. Jeden dritten Tag überlebt eine Frau diese Gewalt durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners nicht.
Dieser 8. März, der Weltfrauentag 2024, findet unter beunruhigenden Vorzeichen statt. Die Welt ist insbesondere für Frauen noch weiter in Schieflage geraten. Wenn die Akzeptanz rechten Gedankenguts stetig zunimmt und die gesellschaftliche Mitte nach rechts rückt, wird der Handlungsspielraum für Frauen und Mädchen wieder kleiner. Dann geht in den vergangenen Jahren erkämpfter gesellschaftlicher Fortschritt verloren. Wenn immer mehr Menschen in Deutschland ein rechtes bis rechtsextremes Weltbild haben, bereitet das den Weg für den Abbau von Frauenrechten.
So hat es sehr wohl eine über den konkreten Fall hinausgehende Bedeutung, wenn testosteronschwangere Echtmenschen und auch gezielt eingesetzte Trolle keine Hemmung mehr haben, ihre immer auch mehr oder weniger offen sexuell verknüpften Gewaltfantasien in die Welt zu schreien und über die sozialen Medien zu verbreiten. Im Visier haben sie häufig Politikerinnen und Wissenschaftlerinnen. Es hat Folgen für uns alle, wenn die Grünen-Parteivorsitzende Ricarda Land nur noch mit Polizeischutz unterwegs sein kann. Wenn die bayrische Landtagsabgeordnete Katharina Schulze im Wahlkampf mit Steinen beworfen wird.
Die Eskalationen sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind als Warnung an alle Frauen zu verstehen und auch genauso gemeint, sich nicht zu weit herauszuwagen mit der eigenen Meinung oder gar eigene Wege zu gehen. Bleibt zu Hause, mischt euch nicht ein, ist die direkte Botschaft dieser Drohungen, sonst werdet ihr schon sehen.
Gewalt geht uns alle an
Denn die Androhung der sexuellen Unterwerfung ist der Versuch der ultimativen Demütigung, Zerstörung und Auslöschung. Wer die Berichte über das Martyrium der weiblichen Opfer des Hamas-Überfalls liest oder den Ukrainerinnen zuhört, die die russische Besatzung überlebt haben, bekommt eine Ahnung, was der gezielte Einsatz sexualisierter Gewalt bedeutet. Was es heißt, wenn auf Worte, ideologisch aufgeladene Rhetorik bestialische Taten folgen.
Worte verändern die Wirklichkeit. Wir müssen also offen reden über Gewalt. Es gilt, Frauen zu ermutigen, sich nicht wegzuducken, wenn sie verbale Gewalt erleiden und oder zum Opfer körperlicher Gewalt in ihrem unmittelbaren Umfeld werden. Wer den Mut hat, selbst laut zu sein, macht Gewalt zum Thema aller. Auch für die, die bisher verschont blieben.