Psychoduell in der Autowerkstatt: Benjamin Sadler als Psychiater Robert Siedler (links) mit Martin Baden als Paul Dressler Foto: ZDF

Daraus könnte eine Reihe werden: „Der Gutachter“ ist ein fesselnder ZDF-Krimi mit Benjamin Sadler als forensischem Psychiater.

Stuttgart - Nicht nur der Titel deutet auf eine neue Reihe hin, auch die Hauptfigur hat das Potenzial für weitere Geschichten: Robert Siedler ist forensischer Psychiater, dessen Gutachten entscheidenden Anteil haben, ob Verbrecher nach Verbüßung ihrer Strafe freigelassen werden. Das ZDF hat mit Richard Brock („Spuren des Bösen“) und Joe Jessen („Neben der Spur“) zwar bereits zwei Reihenfiguren für Ermittlungen in der Seele, aber Benjamin Sadlerist ein völlig anderer Typ. Im Gegensatz zu den an Geist oder Körper versehrten Kollegen führt Siedler ein erfrischend normales Leben: Er ist glücklich verheiratet, wird zum ersten Mal Vater, genießt berufliche Anerkennung und ist mit sich im Reinen – und all das wird der Film nach und nach demontieren.

Der Grimme-Preisträger Jochen Bitzer („Der Fall Jakob von Metzler“) konfrontiert den Psychiater in seinem Drehbuch mit zwei Fällen, die zwar nichts miteinander zu tun haben, sich aber dennoch gegenseitig beeinflussen. Der Film beginnt als Thriller: Eine junge Frau (Johanna Polley), Arme und Hände voller Blut, stolpert am frühen Morgen auf die Straße. Später gesteht sie, einen Dealer im Drogenrausch erstochen zu haben; allerdings kann sie sich an nichts mehr erinnern. Siedler durchschaut zwar bald das Spiel, das Rebekka mit ihm treiben will, aber die Auflösung dieser Geschichte ist trotzdem überraschend.

Zentrale Figur des zweiten und eigentlichen Handlungsstrangs ist der Mörder und ehemalige Alkoholiker Friedhelm Knecht (Michael A. Grimm), der vor Jahren im Suff einen Mann erschlagen hat. Siedler bescheinigt ihm eine erfolgreiche Therapie, Knecht wird entlassen. Dieser Teil der Story steht im Vordergrund, denn mit Knecht verknüpft Bitzer auch das brisante Thema des Films: Wie geht die Gesellschaft mit solchen Menschen um? Wie seine Fernsehkollegen ist auch Siedler Hochschuldozent und erörtert diese Fragen zu Beginn mit seinen Studenten, ein erzählerisches Mittel, das die Autoren der beiden anderen Psycho-Reihen ebenfalls gern verwenden.

Wieviel Risiko kann eine freie Gesellschaft ertragen?

Anhand des Falls Knecht illustriert der Drehbuchautor Bitzer das Restrisiko, das nur dann ausgeschlossen werden kann, wie es im Epilog heißt, wenn man dafür die Freiheit opfert. Deshalb bleibt lange offen, ob Knecht tatsächlich wieder zum Mörder geworden ist. Für die Öffentlichkeit ist der Fall klar, der Psychiater findet sich umgehend am Pranger wieder; und der Witwer des Opfers lässt seine Wut an Siedlers Frau Kathrin (Jasmin Gerat) aus. Diese Szene besteht nur aus Bedrohung, entwickelt in ihrer unmittelbaren Brutalität aber eine Intensität, die an die Nieren geht.

Die Regisseurin Christiane Balthasar hat schon alle Folgen der ZDF-Reihe „Kommissarin Heller“ inszeniert und beweist dort, wie vortrefflich sie ihr Handwerk versteht. Auch hier sorgt das Zusammenspiel von Kamera, Schnitt und einer Musik, die oft mehr Geräusch als Klangfolge ist, nicht nur für eine moderne Anmutung, sondern auch für eine dichte Atmosphäre und immer wieder für hintergründige Spannung. Interessanterweise inszeniert sie die finale Konfrontation zwischen Siedler und dem Mann, der sich an Kathrin vergangen hat, beinahe beiläufig, obwohl sie für den Psychiater fast tödlich endet.

Der optische Aufwand ist bemerkenswert, es gibt für einen Fernsehfilm auffällig viele unterschiedliche Bildmotive. Christiane Balthasar und ihr bevorzugter Kameramann Hannes Hubach erfreuen immer wieder mit sorgfältig gestalteten, teilweise geradezu komponierten Einstellungen. Der optische Aufwand legt ohnehin den Schluss nahe, dass das ZDF mit Robert Siedler Größeres vorhat, obwohl derzeit noch keine weiteren Krimis mit dem Psychiater geplant sind.