Unheilig singen für alle, die leiden, suchen, trauern, hoffen. Und das sind derzeit ziemlich viele.

Stuttgart - Weder Superstar noch Popdienstleister möchte der Graf sein. Ansonsten ist der Mann, der Unheilig ist und mit der Hymne „Geboren, um zu leben“ dem deutschsprachigen Pop eine neue Besinnlichkeit beschert hat, für alles offen. Am 20. Juli tritt er auf dem Wasen auf. Eine Begegnung.

Die Glatze ist frisch rasiert. Wie immer vor öffentlichen Auftritten. Der Mann, der sie trägt und der sich der Graf nennt, sitzt in der VIP-Lounge der Mercedes-Benz-Arena. Der Anzug ist schwarz. Auch der ist Pflicht bei Terminen wie diesem. Wenn das Interview vorbei ist und er nach Hause nach Aachen fahren darf, wird er sich, daheim angekommen, als Erstes umziehen.

Doch jetzt ist er noch im Dienst, macht Werbung für die Unheilig-Show, mit der er am 20. Juli ein paar Hundert Meter weiter auf dem Cannstatter Wasen gastieren wird. Und einmal mehr sieht er aus wie der Mann vom Beerdigungsinstitut unseres Vertrauens – ein freundlicher Mann Anfang 40, der mit sonorem Bariton wohlgesetzte Sätze spricht. Ruhig, sachlich, konzentriert. Er rührt nur dann etwas energischer seinen Kaffee um, wenn man ihn als Superstar bezeichnet. „Ich will mich nicht mit solchen Wörtern wie Superstar aufhalten, das bringt doch nichts“, sagt er dann: „Elvis Presley ist für mich ein Superstar, der hat über Jahrzehnte Musikgeschichte geschrieben. Un­heilig kennen die Leute gerade mal zwei Jahre. Wenn’s sein muss, können Sie mich in 20 Jahren noch mal fragen. Wenn es dann immer noch so gut läuft, glaube ich ja vielleicht dann, dass ich ein Star bin.“

Unheilig treffen den Nerv

Tatsächlich ist dieser Mann zu nett, zu uneitel, um dem Popstar-Klischee zu entsprechen. Er ist nicht cool genug, nicht wählerisch genug, wenn es darum geht, seine Musik unter die Leute bringen zu dürfen. „Ich bin offen für alles!“, ist ein Satz, den er oft sagt an diesem Nachmittag. „Ich gehe überall hin, wo man mich spielen lässt. Außer wenn es da politisch oder religiös zugeht. Da halte ich mich lieber raus.“ Er tritt im „Fernsehgarten“, bei „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ auf, würde im „Musikantenstadl“ ebenso liebend gerne spielen, wie beim Heavy-Metal-Festival in Wacken. Man muss ihn bloß fragen.

Die Musik, die der Graf mit Unheilig macht, mögen nicht alle, aber sehr viele. Er hat mit seiner Befindlichkeitslyrik offensichtlich einen Nerv getroffen. Ähnlich wie Herbert Grönemeyer vor zehn Jahren mit seinem Album „Mensch“. „Die Musik hilft vielen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, in der sie sich befinden“, versucht sich der Graf an einer Erklärung, „wir geben dir die Worte, die du in dem Moment nicht findest, die aber das beschreiben, sich mit dem auseinandersetzen, was dich beschäftigt: Da kann es um Glück. Hoffnung, Tod, Glaube und das Leben in allen seinen Formen gehen.“ Das zeichne aber nicht nur die Unheilig-Texte, sondern auch die von Grönemeyer, Silbermond, Selig oder Udo Lindenberg aus. „Es gibt so viele deutsche Künstler, die das Lyrische, das Dichterische wieder aufleben lassen“, sagt er.

„Geboren, um zu leben“ als Soundtrack der Fassungslosigkeit

Die Lieder, die der Graf auf die Erfolgsalben „Große Freiheit“ (2010) und „Lichter der Stadt“ (2012) gepackt hat, eignen sich jedenfalls hervorragend als Projektionsfläche für eigene Empfindungen, sie helfen einem beim Leiden, Suchen, Trauern, Hoffen. Und wie Enyas „Only Time“ nach den 9/11-Terroranschlägen zu einer Art Hymne des öffentlichen Trauerns wurde, so ist nach der Loveparade-Kata­strophe die Unheilig-Ballade „Geboren, um zu leben“ zum Soundtrack der Fassungslosigkeit, zur medial immer wieder dankbar aufgegriffenen Totenmesse geworden. „Wenn meine Musik den Menschen Trost gibt, ist das gut. Jeder kann für sich entscheiden, wie er das, was ich da singe, auf sein Leben bezieht.“

In die Rolle des Seelentrösters der Nation, des Trauerarbeiters, des Sterbebegleiters hat sich der Graf gefügt. Er ist da, wenn man ihn fragt, tritt in Kinderkrebsstationen, in Hospizen auf, setzt sich für den Verein Herzenswünsche ein: „Ich lebe bewusster, seit ich mich mit dem Tod auseinandersetze“, sagt er und behauptet, trotzdem ein fröhlicher Mensch zu sein: „Ich laufe zwar nicht immer mit einem Grinsen durchs Leben und bin auch ein sehr nachdenklicher Mensch. Aber ich versuche immer, das Positive zu sehen.“

Fast schon aufdringlich ist seine Bescheidenheit, wenn er solche Sachen sagt oder vom Fotoshooting für die „Hear The World“-Kampagne erzählt, bei dem er von Bryan Adams in London fotografiert wurde: „Ich dachte nur, das glaubt dir doch kein Mensch: Der kleine Junge aus Aachen steht da im Fotostudio und wird von dem Rockstar Bryan Adams fotografiert. Da war ich schon ziemlich nervös. Und die Hand hinterm Ohr war arg am Zittern.“

Auf der Bühne ist das Stottern weg

Und immer wenn er aufgeregt ist, wird er nach wie vor zum Stotterer: „Die Stille vorher ist am schlimmsten: Das Warten und nicht zu wissen, ob heute ein guter oder ein schlechter Tag ist. Was passiert, wenn du rausgehst und dich hingesetzt hast? Bleibst du hängen oder geht’s? Das hast du gar nicht in der Hand. Du kannst nur versuchen, deine innere Ruhe zu finden.“ Auf der Bühne sei das Stottern dagegen noch nie zum Problem geworden. Da habe er nur davor Angst, die Leute zu enttäuschen, Erwartungen nicht zu erfüllen. „So war das von Anfang an, und so ist das auch heute noch. Vor allem weil ich mir den Erfolg nach wie vor nicht erklären kann. Ich habe deshalb immer die Angst, dass heute vielleicht der Tag ist, an dem die Leute sagen: ‚Ne, irgendwie ist das doch nicht das, was wir uns vorgestellt haben.‘“

Doch danach sieht es zurzeit nicht aus. Vielleicht auch, weil er gar nicht versucht, cool zu sein. Und weil er nicht dem Rock’n’Roll-Mythos nacheifert, sondern die Unheilig-Konzerte zu Familienfesten werden lässt, diszipliniert arbeitet, nie aus der Rolle des netten Grafen von nebenan herausfällt: „Wenn du erfolgreich sein willst, musst du dich an bestimmte Regeln halten, kannst nicht nur Hully-Gully machen. Wenn du auf der Bühne vor 20 000 Leuten stehst, die alle Tickets bezahlt haben, die von weit weg angereist sind und ihr Wochenende verplant haben, musst du fit sein“, sagt er, „das bist du deinem Publikum schuldig. Die Leute haben ein Recht darauf, eine gute Zeit zu haben.“ Musik also als Dienst­leistung? Da kommt der Graf dann doch zum ersten Mal ins Stottern: „Das klingt mir zu kalt, zu geplant“, empört er sich, „Musik ist für mich keine Dienstleistung, sondern ein Hobby, der eine geht in den Keller und spielt mit seiner Eisenbahn und ich mach’ Musik.“

Unheilig treten am 20. Juli auf dem Cannstatter Wasen auf. Das Vorprogramm mit Andreas Bourani und Staubkind beginnt um 20 Uhr. Tickets unter: 07 11/ 2 08 24 95.
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