Benzo (Jens Nüßle) und seine stumme Gehilfin Smaragda (Susie Pochert) Foto:  

Zum Doppeljubiläum der Stadt am Albrand steuert die Theaterspinnerei „Der Glöckner von Weilheim“ bei. Gespielt wird in der prachtvollen Peterskirche. Aber ist es möglich, 1250 Jahre Geschichte in zwei Stunden auf die Bühne zu bringen?

Weilheim - Sie haben schon in einem Schafstall gespielt. Sie haben eine Lagerhalle samt Eisenbahngleisen in eine monumentale Bühne verwandelt. Sie haben einen Krimi im fahrenden Zug präsentiert – und zuletzt sogar einen Roboter in ein Stück integriert.

Der Theaterchef Jens Nüßle und der Autor Stephan Hänlein von der Theaterspinnerei aus Frickenhausen sind bekannt für ihre große Leidenschaft, eigene Stücke mit den modernsten, einem multimedialen Theater zur Verfügung stehenden Effekten an ungewohnten Orten zu präsentieren. Jetzt sind sie noch einen Schritt weiter gegangen – und haben sich in eine Kirche gewagt: Am Freitag hat „Der Glöckner von Weilheim“ in einer der prachtvollsten evangelischen Kirchen in Württemberg, in der Peterskirche, Premiere gefeiert.

Teil des Jubiläumsprogramms

Anders als bei den meisten Produktionen der Theaterspinnerei, bei denen sich Nüßle und Hänlein die Themen selber auswählen und immer wieder die Sinnfrage des Lebens stellen, hat es sich dieses Mal um so etwas wie eine Auftragsarbeit gehandelt. Denn Weilheim feiert 2019 die erste urkundliche Erwähnung vor 1250 Jahren und die Ernennung zur Stadt vor exakt 700 Jahren. Das Gastspiel der Theaterspinnerei ist Teil des Jubiläumsprogramms.

Zwar gab es keine inhaltlichen Vorgaben von Seiten der Stadt. Aber es lag nah, den Versuch zu wagen, 1250 Jahre Stadtgeschichte komprimiert in zwei Stunden auf die Bühne zu bringen. Dass diese in einem sakralen Raum steht und man der Kirche versprochen hatte, die religiösen Gefühle und die Würde des Hauses zu respektieren, hat die Sache nicht leichter gemacht. Kann das Wagnis gelingen?

Das Publikum wird bestens unterhalten

Um es kurz zu machen: Die Theaterspinner sind an dieser schier unlösbaren Aufgabe – man möchte fast sagen: natürlich – grandios gescheitert. Es ist einfach unmöglich, aus den zahllosen kleineren und eher wenigen größeren Episoden der Weilheimer Stadtgeschichte einen stringenten Theaterabend zu machen. Das fünfköpfige Ensemble scheitert an den eigenen Ansprüchen aber auf eine derart unterhaltsame Weise, dass die Zuschauer dabei bestens unterhalten werden.

Im Kirchenraum bildet ein acht Meter hoher hölzerner Glockenturm das Bühnenbild. Auf einem davor gespannten riesigen durchsichtigen Gaze-Vorhang kommentieren dank modernster Technik zum Leben erweckte Fresken das Geschehen. Auch das Weilheimer Stadtwappen – ein blauer Schlüssel auf weißem Grund – darf als irrwitzige Comic-Figur ins Stück eingreifen. Das wiederum bietet ein wenig Victor Hugo – in Weilheim heißt der bucklige Kerl nicht Quasimodo sondern Benzo und ist zusammen mit seiner stummen Gehilfin Smaragda durch einen Fluch gezwungen, die – Achtung: kleine Stichelei gegen den Gastgeber – „Last des ewigen Lebens“ zu ertragen.

Shakespeares „Sommernachtstraum“ lässt grüßen

Auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ lässt grüßen: Eine Theatergruppe übt im Stück ein Stück zum Stadtjubiläum – und ermöglicht Benzo schließlich den Abschied von dieser Welt. Das Ende bildet die schöne, aber kaum durch den Abend belegte Erkenntnis, dass große Geschichte aus ganz vielen kleinen Geschichten geschrieben wird und dass es die Menschen sind, die diese Geschichte ausmachen.

Weitere Informationen und Restkarten für die weiteren elf Aufführungen im Internet unter www.theaterspinnerei.de

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