Der Freundeskreis in den Neunzigern: Friction, Max Herre und Don Philippe (v.l.), Foto: Kuehr

Vor exakt zwanzig Jahren erschien „Quadratur des Kreises“, das stilprägende Debütalbum der Stuttgarter Hip-Hop-Formation Freundeskreis. Pünktlich zum Jubiläum hat sich die Band nun wiedervereinigt.

Stuttgart - Auf der Spurensuche nach den Wurzeln des deutschsprachigen Hip-Hops stolpert man über die kuriosesten Blüten. Die Sprechgesangspersiflage „Huusmeister Kaczmarek“ in Mundart der Kölschband Bläck Fööss von 1984. Oder „Rapper’s Deutsch“, einen Sprechgesang über dem Beat von „Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang, das tatsächlich erste jemals veröffentlichte deutschsprachige Hip-Hop-Lied. Produziert wurde es 1980 von Harold Faltermeyer, gesungen von den drei öffentlich-rechtlichen Rundfunkveteranen Manfred Sexauer, Frank Laufenberg und Thomas Gottschalk.

Parodien waren das, lustig zwar, aber von der sich in Deutschland gerade herausbildenden Szene eben auch als wahnsinnig uncool belächelt. Denn die Musik der Schwarzen aus Amerika auf Deutsch zu rappen, das galt aus Respekt als unbotmäßig, als Verrat an der Sache der Underdogs und Unterdrückten. Besonders, wenn auch noch Spaß ins Spiel kam. Die Fantastischen Vier aus Stuttgart, Fettes Brot und die Beginner aus Hamburg hatten lange zu leiden unter dem Vorwurf, mit ihrem lockeren Juxgereime und kommerziellen Erfolgen der subkulturell organisierten deutschen Hip-Hop-Szene einen Bärendienst zu erweisen.

„Conscious Rap“ hieß das Schlagwort für die Aufrechten, es war die Bezeichnung für die bewusst sozialkritische Spielart des Genres. Und „Fremd im eigenen Land“ war ihre Initiationshymne, das Lied, mit dem die Heidelberger Hip-Hop-Pioniere Advanced Chemistry die Zerrissenheit junger, in Deutschland geborener Migrantenkinder thematisierten.

All das schwang mit, als sich Mitte der neunziger Jahre in Stuttgart das Kollektiv Freundeskreis formierte – aus dem Sänger Max Herre, dem Arrangeur und Produzenten Philippe Kayser alias Don Philippe sowie dem DJ Martin Welzer, besser bekannt als DJ Friction. Am 21. Februar 1997, an diesem Dienstag vor zwanzig Jahren, erschien ihr Debütalbum „Quadratur des Kreises“. es ist bis heute ein Meilenstein des deutschen Hip-Hop, und es sollte den Ruf der Stuttgarter Hip-Hop-Schule zementieren. Mit ihm gelang erstmals der Spagat im Deutschrap zwischen öffentlichem – auch kommerziellem – Erfolg und substanziellen Botschaften. Auf „Quadratur des Kreises“ sind Texte von Ulrike Meinhof und Mumia Abu Jamal zu hören, im bis heute legendären Stück „Leg dein Ohr auf die Schienen der Geschichte“ wird der Selbstzweifel einer ganzen Generation zu einer fünfminütigen Miniatur kondensiert, in „Enfants terribles international“ werden Multikulturalität ausgelebt und dem kommerziellen Ausverkauf der Szene die Schranken gewiesen. Alles Ingredienzien, die dieses inhaltlich komplexe und musikalisch doch leichtfüßig-verspielte Album, bei dem sich aneckende Texte zu rundem Inhalt formten, zu einem Klassiker des Genres werden lassen sollten.

Unverhofft kommt oft

Danach allerdings sah es zunächst nicht aus. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so ein Album erfolgreich ist, weil alles, was im Radio lief, damals so ganz anders klang“, erzählt Don Philippe in der Rückschau. Und DJ Friction erinnert sich „an viele Situationen, in denen es darum ging, ja nicht als ,Sellout‘ oder ,Kommerz‘ rüberzukommen, dass wir es ablehnten, auf den ,Bravo Hits‘-Samplern zu erscheinen, in bestimmten Fernsehshow aufzutreten und der Teenie-Presse Interviews zu geben“. Der Freundeskreis habe sich, bilanziert DJ Friction, „mit dieser Haltung wirklich viel Geld und einen noch größeren Bekanntheitsgrad durch die Lappen gehen lassen. Aber so war das halt damals, und wenigstens hatten wir eine Haltung.“

Da hat er gewiss Recht, und vermutlich auch Don Philippe, wenn er ins Gedächtnis ruft, „dass die großen Sachen, die in der Musik etwas verändert haben, immer schon etwas anders klangen“. Und überhaupt ist es dann ja ganz anders gekommen. Das Album hielt sich 32 Wochen in den deutschen Charts, die zweite Singleauskoppelung „A-N-N-A“, mit der die drei Jungs in ihrer Ursprungsvariante noch mächtig Schiffbruch erlitten hatten, wurde in der neu eingespielten Albumversion zum bis heute größten Hit des Freundeskreises. Die Fanbasis wurde immer größer, Konzerte auf den ganz großen Festivals folgten, das zweite Album, „Esperanto“ von 1999, erreichte als eines der ersten deutschen Rap-Alben überhaupt sogar Goldstatus.

Zieht man „Quadratur des Kreises“ heutzutage noch mal aus dem Plattenregal und legt es auf, verblüfft, wie aktuell das Album noch immer klingt. Trotz seiner Produktionsbedingungen („wir waren alle keine erfahrenen Produzenten und hatten echt wenig Equipment“, so Don Philippe) ist es sehr stimmig und vielfältig über den Tellerrand der puristischen Hip-Hop-Lehre hinausweisend instrumentiert. Und seine Texte haben nichts von der proletenhaften Dicke-Hosen-Attitüde der selbsternannten heutigen Ghettoreimer. Es ist ein nachdenkliches, reflektiertes Werk, das Emphase und stellenweise ganz schlicht auch Zärtlichkeit ausstrahlt.

Und dann war plötzlich alles vorbei

Alles hätte also munter auf der Erfolgswelle weiter laufen können. Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt des Ruhms, trat der Freundeskreis mit seinen engsten Mitstreitern schließlich unter dem Namen FK Allstars bei der Erstauflage der Hip-Hop-Open auf – damals noch auf dem Parkplatz hinter dem heutigen Theaterhaus auf dem Pragsattel, als krönender Abschluss eines denkwürdigen Tags.

Der Auftritt der FK Allstars ist im Youtube-Clip ab Minute 39 zu sehen:

Aber das war zugleich auch fast schon das Ende; fortan trat der Freundeskreis nicht mehr live auf, die drei Herren konzentrierten sich auf ihre eigenen Karrieren. Max Herre machte bekanntlich als Solokünstler Furore (wie auch Afrob, Cassandra Steen und Herres Ehefrau Joy Denalane aus dem Freundeskreis des Freundeskreises). DJ Friction legt in ganz Deutschland Platten auf, moderiert aktuell die 0711 Radio Show auf Ego FM und hat zuletzt 2016 mit dem Stuttgarter Rapper Bobby Sayyar ein Album veröffentlicht. Und Don Philippe arbeitet weiterhin als Produzent, von ihm erschien vor wenigen Wochen das Doppelalbum „Between now and now/A Long And Silent Street“.

Im Jahr 2007 besiegelte der Freundeskreis zum 10-Jahre-Jubiläum mit einem allerletzten Konzert im Kickers-Stadion auf der Waldau endgültig seinen Abschied. Und damit wäre die Geschichte vom Freundeskreis eigentlich auserzählt. Wenn nicht Don Philippe vor zwei Tagen am Telefon so komisch herumgedruckst hätte und schließlich zögerlich mit der Nachricht herausrückte, dass der Freundeskreis für diesen Sommer seine Wiedervereinigung plant. „Wir sind gerade dabei, ein paar Auftritte einzutüten“, sagt er – und dass die Sache alsbald spruchreif sei. Schön wär’s, so schlösse sich doch der (Freundes)Kreis.

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