Spike Lee wird als Provokateur wahrgenommen: Das ist ihm nicht unrecht, aber doch zu wenig. Foto: imago images/AAP/Bianca de Marchi

Spike Lee ist der wichtigste afroamerikanische Filmemacher. Er erzählt schon lange von Frust und Wut der Schwarzen in den USA, von den Reibungen im Alltag. Aber man hat wohl nicht richtig hingeschaut.

New York - Wenn das weiße Amerika einen schwarzen Filmemacher sucht, der ihm unangenehm werden möchte, muss es nicht lange suchen: Ein Blick auf den Namen der New Yorker Produktionsgesellschaft Forty Acres and a Mule genügt. Die gehört dem Regisseur, Autor, Schauspieler und Produzenten Spike Lee, und der Name ist eine Provokation: Er erinnert daran, dass vom Norden im amerikanischen Bürgerkrieg Plantagenland im Süden befreiten Sklaven zugeteilt wurde, in der Hoffnung, die würden sich dankbar als Soldaten verpflichten. Nach dem Sieg des Nordens wurden die Ex-Sklaven umgehend wieder von dem Land vertrieben.

Spike Lee, Jahrgang 1957 will also nicht bequem sein. Er mag seine Filme aber auch nicht als Megafone für griffige Slogans missverstanden wissen. Wie schnell das passiert, hat er erfahren, als er in „Do the right Thing“ (1989) und„Malcolm X“ (1992) von der gewaltsamen Entladung gesellschaftlicher Spannungen erzählte. Die Filme wurden in den USA gelobt und doch auch als Gefahrstoffe behandelt.

Verkorkste Lage

Nichts zeigte schon damals die Brisanz der Lage besser als die Furchtsamkeit mancher Kritiker. Anklagen weißen Verhaltens durch schwarze Figuren auf der Leinwand, gar Gewalt gegen Weiße wurden von ihnen als verantwortungsloses Funkenschlagen neben einem offenen Pulverfass betrachtet.

Wie verkorkst die Lage für schwarze Erzähler wirklich war, bekam Lee mit, wenn er Beziehungsgeschichten wie in „Jungle Fever“ erzählte oder wie in „Mo‘ better Blues“ einen Jazzmusiker nicht als kaputtes Drogenwrack im Elend zeigte, sondern als stolzen Kreativen, der sich eine Platz in der Mittelschicht erobern wollte. Prompt wurde Lee eine zu unpolitische Perspektive vorgeworfen.

Lees Vietnamfilm

Der Mann aber ist ein Querkopf geblieben – und weigert sich, in der unterfinanzierten Indie-Ecke zu kauern. Lee arbeitet mit großen Hollywoodstudios, er sucht die bestmögliche Finanzierung und Reichweite. Die Freiheit, zu erzählen, was er will und wie er es will, bedeutet für Lee auch, immer wieder die Form des Krimis zu nutzen. Lee beherrscht das Genre exzellent, und in „BlacKkKlansman“ etwa hat er es effektvoll mit politischen Themen und galligem Humor verknüpft: Ein schwarzer Cop schleicht sich beim Ku Klux Klan ein.

Dass Lee keine zwei gleichen Arbeiten aufeinander folgen lässt, hat nun dazu geführt, dass er mit seinem neuesten Film „Da 5 Bloods“ auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Der exklusiv beim Streamingdienst Netflix zu sehende Film erzählt von afroamerikanischen Vietnamveteranen, die noch einmal in das Land zurückkehren, in dem sie einst gekämpft haben. Zunächst scheint es Lee vor allem ums Zurechtrücken von Geschichtsbildern zu gehen: Bislang war Vietnam im Film eine weiße Erfahrung. Lees Figuren haben den Krieg anders wahrgenommen, als Verheizen schwarzer Soldaten durch eine weiße Regierung. Nur wendet Lee das nach einer Weile in einen Actionkrimi. Auf dem vorläufigen Höhepunkt der „Black lives matter“-Bewegung, den Lee nicht ahnen konnte, könnten andere Akzente nun gewiss mehr Wirkung entfalten.

Man hätte es wissen können

Doch auch „Da 5 Bloods“ zeigt sehr gut eine Grundqualität von Lee: Er kann ausgezeichnet fragwürdiges, gewalttätiges, stures, eiferndes, verbohrtes Verhalten von Figuren schildern, ohne es gleich als Erzähler zu benoten, zu verurteilen oder ihm Gegenmodelle in den Weg zu stellen. Das wird oft als Befürwortung missdeutet. Aber Lee will Figuren auch in ihrer Verranntheit zeigen, will Beunruhigung auslösen, die Frage aufwerfen, warum sie so handeln, statt durch wohlfeile Aburteilung alles filmisch ins Lot zu bringen.

Was sich im schwarzen Teil der USA an Frustration angesammelt hat, wie man dort das weiße Amerika erlebt, was man erwartet und befürchtet, wie man unter Druck miteinander umgeht und welche Rollenbilder sich für die Jugend der Großstädte entwickelt hat – das erzählen die Filme von Spike Lee schon lange. Dass die USA und die Welt draußen nun von vielem so überrascht zu sein schienen, liegt eben daran, dass man Spike Lee im falschen Sinn als afroamerikanischen Filmemacher gesehen hat: als einen, der eben Geschichten für Schwarze erzählt, damit die sich auch mal in Hauptrollen sehen dürfen. Dass Lee einer der wichtigen amerikanischen Filmemacher schlechthin ist, dass alles, was er erzählt, für alle Amerikaner – und nicht nur für die - relevant ist, hat man schlicht nicht wahrhaben wollen. Auch so funktioniert die vornehme Variante der Rassentrennung.

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