Der Fall Weinstein und das Beben danach Wenn Frauen aus der Deckung kommen

Von Thomas Klingenmaier und Ariane Holzhausen 

Frauen demonstrieren gegen alle Weinsteins dieser Welt. Foto: Getty
Frauen demonstrieren gegen alle Weinsteins dieser Welt. Foto: Getty

Der Fall Weinstein schafft ein ganz neues Klima. Schnell stürzen derzeit Beschuldigte, brechen Karrieren ab und Lebenswerke zusammen.

Stuttgart - Leugnen, Aussitzen, Verschleppen, Verspotten der Anklägerinnen, Zweifeln an ihrem Geisteszustand – das waren bislang gängige und häufig erfolgreiche Techniken von Männern, die sich mit dem Vorwurf sexueller Übergriffe konfrontiert sahen. Dass Frauen bei Belästigungen, bei Mobbing, selbst bei derbster Nötigung oft schwiegen, wird auch auf die Erfahrung der Erfolglosigkeit früherer Anklägerinnen zurückgeführt.

Im Gefolge des sich täglich ausweitenden Skandals um den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein scheint sich aber das gesellschaftliche Klima im Nu zu ändern. Derzeit gilt: Schuldig bei Verdacht. So stark ist der Anklagedruck, die neue Glaubhaftigkeit, die aus der Deckung kommenden Frauen zugesprochen wird, dass die Beschuldigten flugs Teilgeständnisse ablegen.

Das hat mit den unmittelbaren und drastischen ökonomischen Folgen zu tun, die der Sexismus-Vorwurf gerade nach sich zieht. Harvey Weinstein hatte nicht nur im Nu seinen Chefposten in der eigenen Firma verloren. Das kleine Studio The Weinstein Company war über Nacht in größten finanziellen Schwierigkeiten, Partner kündigten geplante Zusammenarbeiten auf. Harvey Weinsteins Bruder Bob gab sich anfangs noch zuversichtlich, die Firma werde den Skandal unbeschadet überstehen. Zwar platzte dieser Optimismus rasch. Aber der angekündigte Einstieg des Finanzfonds Colony Capital – mit der Option, das Studio in Teilen oder zur Gänze zu erwerben – schien The Weinstein Company zu retten.

Nun ist Colony von seinem Angebot zurückgetreten. Das Weinstein-Studio schiene nicht so viel wert, wie anfangs gedacht, heißt es. Hintergrund der Neubewertung: Nicht mehr nur Harvey Weinstein als Privatperson – und seinem Bruder Bob, gegen den es ebenfalls Anschuldigungen gibt – drohen Schadenersatzklagen. Auch die Firma wird nun wohl von ehemaligen weiblichen Angestellten und von Schauspielerinnen verklagt werden: sie hätte nichts unternommen, um die Abhängigen vor den allseits bekannten, massiven Zudringlichkeiten ihres Chefs zu schützen.

Gloria Allred, die Anwältin mehrerer mutmaßlicher Opfer von Weinstein, hat bereits angekündigt, sie erwarte „erhebliche“ Entschädigungszahlungen. Weinstein habe sich auf ungeheuerlichste und verachtenswerteste Weise verhalten Auch die New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Studio – wegen Verletzung von Bürgerrechten und des Verstoßes gegen Gleichstellungsauflagen. Addiert man, was bei bislang rund fünfzig gegen Weinstein aussagenden Frauen an Zahlungen zusammenkommen könne, besitzt Weinsteins Firma vielleicht nur noch den Schrottwert der Büromöbel.

Die Zeiten des männlichen Wegduckens sind vorbei

Auch in ganz anderen Branchen folgen nun sehr schnelle Reaktionen. Knight Landesman, der in Kunstkreisen äußerst renommierte Mitherausgeber des Magazins „Artforum“, wird von mehreren Personen der sexuellen Belästigung bezichtigt. Wie US-Medien berichten, hat sein Verlag von Landesman gefordert, sich in Therapie zu begeben. Landesman hat seinen Stuhl umgehend geräumt.

Der Verlag Condé Nast hat jetzt die Zusammenarbeit mit dem Mode-Fotografen Terry Richardson wegen Sexismus-Vorwürfen beendet – obwohl es einschlägige Vorwürfe gegen ihn seit Jahren gibt. Das bestätigte ein Verlagssprecher am Mittwoch.

Der langjährige Literaturredakteur der „New Republic“, Leon Wieseltier, war kurz davor, ein neues Magazin herauszugeben – finanziell unterstützt von der Milliardärin Laurence Powell Jobs. Als nun Missbrauchsvorwürfe von ehemaligen Kolleginnen Wieseltiers laut wurden, machte die Witwe von Steve Jobs sofort einen Rückzieher. Das bereits druckreife Projekt ist gestorben.

Der Koch John Besh, Betreiber einer großen amerikanischen Restaurant-Kette, galt immer als Sunnyboy und liebevoller Familienvater. Dann sammelte ein Online-Magazin 25 Statements von Frauen, die Besh sowie Mitarbeiter seines Unternehmens der sexuellen Belästigung bezichtigten. Nur wenige Stunden später zog John Besh sich aus dem Restaurant zurück. Das bekommt jetzt nicht nur einen neuen Chef, es soll auch so schnell als möglich nicht mehr Beshs Namen tragen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinerlei Untersuchung zum Sachstand über die bloßen erhobenen Vorwürfe hinaus.

So schnell also stürzen derzeit Beschuldigte, brechen Karrieren ab und Lebenswerke zusammen. Die Zeiten des männlichen Wegduckens sind vorbei. Diese neue und immense Dynamik wird von vielen als großer Befreiungsschlag gefeiert, der Frauen endlich Kraft und die Macht über sie peinigende Männer gibt. Andere befürchten dagegen ein ungutes neues Klima: das völliger Erpressbarkeit erfolgreicher Männer.

Lesen Sie jetzt