Der Esslinger Stadtteil Sirnau ist Anfang der 1930er-Jahre als „Randsiedlung für Esslinger Erwerbslose“ entstanden. Vieles hat sich seither dort getan, doch seinen Gartenstadt-Charakter hat er sich bewahrt. Das mach Sirnau zu einem beliebten Quartier.
Mit seinen rund 800 Einwohnerinnen und Einwohnern zählt Sirnau zu den kleinsten Esslinger Stadtteilen. Wer dort durch die schmalen Sträßchen geht und die heimelige Atmosphäre auf sich wirken lässt, spürt sofort, dass dieses Wohnquartier etwas Besonderes ist. „Hier ist es einfach schön“, so bringt Andreas Kirchner das Lebensgefühl vieler Sirnauerinnen und Sirnauer auf den Punkt.
Der 51-Jährige lebt schon sein ganzes Leben lang in der einstigen Gartenstadt, die in den 1930er-Jahren entstanden ist. Hier ist er aufgewachsen, hier fühlt er sich zuhause, hier hat er mit Ehefrau Daniela (48) sein Lebensglück gefunden. Die beiden kennen sich seit Kindertagen, und ein bisschen ist ihre Geschichte typisch für einen Stadtteil, der wohltuend anders ist. Der in Zeiten von Mikroapartments und sachlich-kühler Architektur ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint. Genau das wissen viele zu schätzen.
Einst „Randsiedlung für Erwerbslose“
Dass Sirnau kein Stadtteil wie jeder andere ist, ist nicht nur der exponierten Lage der Siedlung am südöstlichen Rand von Esslingen zwischen dem Neckar und der Bundesstraße 10 im Norden und dem bewaldeten Eisberg im Süden geschuldet. Auch die Entstehungsgeschichte des heutigen Sirnaus ist eine besondere: Nur einen Steinwurf vom Sirnauer Hof entfernt, wo schon im 13. Jahrhundert ein Dominikanerinnen-Kloster entstanden war, wurde in den 1930er-Jahren der Grundstein für das heutige Sirnau gelegt. Die Stadt plante damals eine „Randsiedlung für Esslinger Erwerbslose“, deren Bau durch öffentliche Gelder gefördert wurde. Die Parzellen sollten zwischen sechs und 50 Ar und damit groß genug sein, damit sich die künftigen Bewohner selbst versorgen und im Idealfall sogar einen Teil ihres Lebensunterhalts aus dem Ertrag ihrer Grundstücke bestreiten konnten. Als Siedler kamen Erwerbslose und Kurzarbeiter in Frage, die am Bau ihrer Häuser mitwirken konnten.
Das Konzept war so attraktiv, dass später auch andere Bauwillige hinzukamen. Die Grundstücke wurden von der Stadt zunächst in Erbpacht vergeben. Erst in späteren Jahren nutzten manche Sirnauer das Angebot der Stadt, ihren Grund und Boden zu erwerben. Manche der Grundstücke wurden geteilt, um Platz für weitere Wohngebäude zu schaffen. Bestehende Häuser wurden erweitert und modernisiert. Doch im Grunde hat Sirnau seinen Gartenstadt-Charakter bewahrt – enge, parallel verlaufende Straßen, die nicht mehr so recht zu Anzahl und Größe heutiger Autos passen, und vorwiegend kleine Häuser prägen das Bild.
Lärmschutzwand hat die Lebensqualität verbessert
Natürlich ist die Zeit im Stadtteil nicht stehengeblieben. Manches hat sich zum Positiven verändert, an anderes denken viele wehmütig zurück. Etwa an die kleinen Geschäfte vor Ort: Es gab einen Getränkehandel, einen Bäcker, eine Post, einen Friseur, einen Konsum und bis in die 80er-Jahre immerhin noch einen Tante-Emma-Laden. „Als die Leute immer mobiler wurden, ist einer nach dem anderen verschwunden“, bedauert Andreas Kirchner. Doch die Zeit hat auch manches Positive gebracht – etwa die Lärmschutzwand entlang der Bundesstraße 10, der viele Sirnauer mehr Lebensqualität verdanken. Oder das Polderwerk am Neckar: Früher war öfter mal „Land unter“, wenn der Neckar Hochwasser führte – seit dessen Bau 2001 laufen die Keller nicht mehr voll. Und dass in den 80er-Jahren die Pläne für eine Müllverbrennungsanlage in Sirnau am Ende doch nicht realisiert wurden, hat sich als Glücksfall erwiesen.
Andreas Kirchner könnte einiges über die Vorzüge seines Stadtteils sagen. Eines fällt ihm sofort ein: „Hier hat sich bis heute ein dörflicher Charakter erhalten – im allerbesten Sinne.“ Das macht er nicht nur am Erscheinungsbild des Stadtteils fest: „Man spürt bei vielen Menschen noch den Zusammenhalt, der damals beim Bau der Siedlung entstanden war. Die meisten kennen sich, viele achten aufeinander, sind füreinander da und helfen sich.“
Sirnauer verbindet eine lange gemeinsame Geschichte
Diesen Zusammenhalt, der sich auch in einem reichen Vereinsleben zeigt, hat Daniela Kirchner schon in jungen Jahren erlebt: „Wir hatten eine ältere Nachbarin, die partout keinen Kühlschrank wollte. Wenn sie sich eine Flasche Milch gekauft hat, hat sie sich immer nur eine kleine Menge abgefüllt – die restliche Flasche hat sie in unserem Kühlschrank untergestellt.“
Vielleicht liegt das ja auch daran, dass viele Sirnauer wie die Kirchners eine lange gemeinsame Geschichte verbindet: Viele sind schon zusammen bei Tante Gretel in den Kindergarten gegangen, sind auf der alten Dampfwalze am Spielplatz herumgeturnt, haben den einstigen Bunker trotz aller Verbote erkundet, auf der Neckarinsel den Tierpark Nymphaea besucht oder später im Eisstadion auf der Neckarinsel, die auch zum Stadtteil gehört, ihre Runden gedreht. Viele sind ihrem Stadtteil treu geblieben oder irgendwann zurückgekehrt. Im besten Fall haben sie hier ihr Lebensglück gefunden – so wie die Kirchners.
Sirnau im Kurzporträt
Anfänge
Die Geschichte Sirnaus reicht bis ins frühe Mittelalter, doch die Wurzeln reichen tiefer: Bei Bauarbeiten in den 1930er-Jahren stieß man auf frühgeschichtliche Gräberfelder und Gräber, die von einer deutlich früheren Besiedelung zeugen. Im Hofgut Sirnau finden sich noch immer Teile eines ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters.
Siedlung
1931 beschloss der Gemeinderat, wenige hundert Meter vom Sirnauer Hof entfernt eine „Randsiedlung für Esslinger Erwerbslose“ zu gründen. Das Gelände hatte die Stadt 1929 von der Nachbargemeinde Deizisau gekauft. Die Siedler mussten ihre Häuser weitgehend in Eigenarbeit erstellen, Maschinen kamen kaum zum Einsatz. Die Häuser wurden nach Fertigstellung verlost, die Grundstücke in Erbbau vergeben. Bis 1937 sowie von 1949 bis 1952 wurde der Stadtteil erweitert. Zehntausende fahren heute täglich auf der Bundesstraße 10 an Sirnau vorbei.
Pläne
1970 gab es Überlegungen, Sirnau in ein reines Industriegebiet umzuwandeln. Nach massiven Protesten wurden diese Pläne jedoch wieder verworfen – genau wie die Überlegung in den 80er-Jahren, dort eine Müllverbrennung zu bauen.
Zahlen
Ende 2021 lebten in Sirnau 758 Menschen in 369 Haushalten, darunter 142 Einpersonenhaushalte.