Freiwillige Helfer: Anwältin Lilly (links), Ronit und Shiloh (rechts). Foto: privat

Tel Aviv gilt als weltoffene Stadt, die ein etwas anderes Bild von Israel vermittelt.

Tel Aviv - Statt in der Kanzlei zu sitzen, steht die Israelin Lilly an diesem sonnigen Vormittag mit lila T-Shirt, Basecap und Sonnenbrille auf dem Rothschild-Boulevard im Zentrum Tel Avivs und hilft Touristen bei der Suche nach Sehenswürdigkeiten. „Let me show you Tel Aviv“, steht auf ihrem Shirt. Die Anwältin hat sich freigenommen, um als eine von Hunderten Freiwilligen des Eurovision Song Contests zu helfen. „Es sind viel mehr Touristen als sonst unterwegs. Ich habe heute Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Spanien getroffen“, erzählt sie. An den Straßenlaternen hängen „Welcome“-Fahnen, an der Touristinfo nebenan werden Tassen, Pins und T-Shirts verkauft. „Dare to dream“ lautet das ESC-Motto in diesem Jahr. Und für viele Israelis geht tatsächlich ein Traum in Erfüllung, glaubt Anwältin Lilly: „Wir sind sehr stolz, dass der ESC in Israel stattfindet.“

Der Streit über den Austragungsort begann 2018

Sängerin Netta hat mit ihrem Sieg 2018 in Lissabon dafür gesorgt, dass der Contest in diesem Jahr hier ausgetragen wird. Doch so unbeschwert und fröhlich, wie die Stimmung in Tel Aviv dieser Tage ist, waren die Vorbereitungen nicht: Sie begannen 2018 mit einem Streit über den Austragungsort. Die Regierung plädierte für Jerusalem – jene Stadt, die Israel als Hauptstadt beansprucht, was von der internationalen Gemeinschaft aber bislang weitestgehend nicht anerkannt wird. Auch die strenggläubigen Juden in Jerusalem zeigten sich wenig erfreut: Da der Musikwettbewerb stets an einem Samstagabend ausgetragen wird, muss auch am jüdischen Feiertag geprobt und vorbereitet werden – für die Ultraorthodoxen ein absolutes Tabu. Am Ende bekam also doch Tel Aviv den Zuschlag.

Die 439 000-Einwohner-Stadt ist bekannt für ihre Gay-Pride-Parade im Sommer, die vielen Bars und Cafés und einen kilometerlangen Sandstrand – ein idealer Ort, um mal ein anderes Bild von Israel zu vermitteln, findet die 30-jährige Tel Aviverin Danielle. Ansonsten werde meist negativ über das Land berichtet, beklagt sich die 30-Jährige. Sie sitzt mit einer Freundin auf dem Grünstreifen des Rothschild-Boulevards, dahinter ist der orangefarbene Teppich ausgerollt – dort findet am Abend die Eröffnungszeremonie statt. „Wir sind sehr aufgeregt. Tel Aviv ist eine coole, nette Stadt. Wir in Israel sagen, es ist wie ein anderes Land. Wie ein Zufluchtsort.“

Das Land ist bereit für die ESC-Woche

Tatsächlich bleibt die Mittelmeermetropole oft verschont: Während vor einigen Tagen vom Gazastreifen aus rund 700 Raketen auf Israel abgefeuert wurden, begannen auf dem ESC-Gelände im Norden Tel Avivs die Proben. Hart getroffen wurde der Süden des Landes, vier Menschen starben, viele Gebäude wurden getroffen, im Gazastreifen kamen mehr als 20 Palästinenser ums Leben. Nun ist vorerst wieder Ruhe eingekehrt, und das Land ist bereit für die ESC-Woche.

„Es ist ganz anders als sonst“, sagt der Deutsche Eric Berberich, der seit vier Jahren in Tel Aviv lebt und für ein Start-up arbeitet. „Alles ist plötzlich auf Englisch, die Auskunftsschilder der Parkhäuser, die Anzeigetafeln an den Bussen. Es gibt Infostände im Shoppingcenter und am Strand. Und überall sind neugierige Touristen unterwegs, die fasziniert durch die Stadt laufen.“ Bei den Shows selbst wird er nicht dabei sein - schließlich kosten die Tickets fürs Finale mehr als 300 Euro. „Für 100 Euro hätte ich es gemacht, aber so? Viel zu teuer.“ Der Wahl-Tel-Aviver plant, das Eurovision-Dorf am Strand zu besuchen und einige Wettbewerbe beim Public Viewing, am Strand oder in Bars, zu schauen – wie wohl sehr viele Touristen und Tel Aviver auch.

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