Der Erziehungsberater Herbert Renz-Polster Der Evoluzzer

Von Lisa Welzhofer 

Ein bisschen sieht man Renz-Polster die Waiblinger Alternativszene der 80er Jahre, in der er groß wurde, noch an. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ein bisschen sieht man Renz-Polster die Waiblinger Alternativszene der 80er Jahre, in der er groß wurde, noch an. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Kind will nicht im eigenen Bett schlafen und isst kein Gemüse? Alles von der Natur so vorgesehen, sagt Herbert Renz-Polster. Seine Bücher sind ein Elternberuhigungsprogramm – und ein Plädoyer gegen den Bildungswahn.

Stuttgart - Kürzlich hatte Herbert Renz-Polster wieder so ein Erlebnis: Im Bus beobachtete er eine Mutter mit ihrem etwa zweijährigen Kind. Die beiden lachten, sangen, machten Fingerspiele. Aber dann begann das Kind, seine Schuhe gegen die Rückenlehne zu stemmen. Die Mutter ermahnte es – ohne Erfolg. Sie ermahnte noch mal, erklärte, dass man das nicht tue, drohte, blickte entschuldigend zu den Mitfahrenden und stieg schließlich genervt und unter Protest des Kindes eine Station früher aus als geplant.

Als Renz-Polster diese Geschichte erzählt, wird es kurz lauter im Saal. Die Zuhörer – fast 90 Prozent von ihnen Frauen – diskutieren untereinander, was sie anstelle der Mutter getan hätten. Dann blicken sie wieder Herbert Renz-Polster an, erwarten eine Antwort, wie er, der bekannte Erziehungsexperte, sich in dieser Situation verhalten hätte. Aber der 56-Jährige lässt die Episode so stehen – und macht einfach weiter im Vortrag.

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„Was brauchen unsere Kinder für die Zukunft?“ – so lautet der Titel des Fachtags, für den der Kinderarzt und Autor an diesem stürmischen Herbsttag als Redner nach Stuttgart gekommen ist. Eingeladen hat die pme-Familienservice-Gruppe, die deutschlandweit mehr als 60 Kinderbetreuungseinrichtungen, darunter sechs in Stuttgart, betreibt. Die etwa 120 Teilnehmer sind pme-Mitarbeiter aus ganz Süddeutschland. Keine Laien in Sachen Kindererziehung, sondern selbst Profis, die sich von Renz-Polsters Vortrag in einem modernen Tagungssaal in Bad Cannstatt Antworten erhoffen. Nicht nur, ob ein Kind seine Schuhe an die Rückenlehne eines Busses stemmen darf, sondern auf die generelle Frage, was die Kleinsten in den ersten Lebensjahren brauchen und was sie ihnen als Erzieher mitgeben können – und sollen.

Erzieher unter Druck

Insofern führt dieser Fachtag mitten hinein in die Diskussion über Kinderbetreuung, frühkindliche Förderung und Bildung, die spätestens seit dem Pisa-Schock entbrannt ist und mit jedem neuen Bildungsstudienergebnis wiederaufflammt.

Wer den Wortmeldungen der Teilnehmer zuhört, der erlebt Erzieher unter Druck („Es gibt Mütter, die von uns verlangen, jeden Tag 20 Minuten Ballwerfen mit ihrem Kind zu üben“) und verunsicherte Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder früh durchs Bildungsraster fallen („Mir wurde gesagt, mein vierjähriger Sohn habe motorische Defizite, weil er sich im Kindergarten weigerte, auf einem Bein zu hüpfen“). Aber dieser Tag führt auch auf das weite Feld der Erziehungskonzepte, das vielleicht nie so hart umkämpft war wie heute. Fast wöchentlich drängen Bücher in den Handel. Bücher, die Eltern mal erklären wollen, warum aus Kindern Tyrannen werden, oder die ein Loblied auf die Disziplin singen. Bücher von „Tiger-Müttern“, die den Nachwuchs mit Drill zu Höchstleistungen zwingen oder – die Gegenbewegung – das „kompetente Kind“ feiern.

Auch Herbert Renz-Polster bewegt sich auf diesem lukrativen Markt. Sechs Ratgeber für Eltern hat der promovierte Kinderarzt, der mit seiner Familie im oberschwäbischen Vogt in der Nähe von Ravensburg lebt, in den letzten zwölf Jahren geschrieben. Er hält Vorträge und Seminare, sitzt in Diskussionsrunden, schreibt Gastbeiträge. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Branche geht es dem gebürtigen Waiblinger aber nicht darum, Handlungsanweisungen zu geben. Es sind keine Erziehungsmethoden, die Renz-Polster vermittelt. Er will helfen, Kinder zu verstehen. Die Schlüsse müssen Eltern selbst daraus ziehen.

Deshalb erklärt Renz-Polster an dem Beispiel aus dem Bus auch nicht, wie die Mutter sich richtig verhalten hätte. Die Szene dient zur Illustration seiner Grundthesen: Fast alles, was Kleinkinder tun, ist von Natur aus angelegtes Verhalten, das sich im Laufe der Evolution als überlebenswichtig erwiesen hat. Wenn dieses Verhalten zu Konflikten führt, liegt es daran, dass sich Kinder heute in einer nicht „artgerechten“ Umwelt aufhalten, wie Renz-Polster das nennt. Übertragen auf die Bus-Situation bedeutet es: Das Kind erkundet entsprechend seinem Forscherdrang die Umgebung – mit Händen und Füßen. Dass es die Lehne anderer Menschen dreckig macht, kann es nicht verstehen, dazu fehlt ihm (noch) das Einfühlungsvermögen.

Zurück in die Steinzeit

Tatsächlich ist diese evolutionäre Sichtweise auf kindliches Verhalten der Kern der Renz-Polster’schen Lehre. Ob es nun ums Essverhalten geht, Sauberkeitserziehung oder das leidige Thema schlafen. Zu letzterem sagt Renz-Polster: Dass Babys und Kleinkinder nachts ins Bett der Eltern drängen, ist aus der Menschheitsgeschichte erklärbar. Denn in den Höhlen der Steinzeit war es für die hilflosen Kleinen überlebensnotwendig, nachts möglichst dicht bei den Eltern zu schlafen.

Was Renz-Polster erklärt, klingt für Elternohren sehr plausibel und wie etwas, auf das man längst selbst hätte kommen können. Fast zu einfach, um wahr zu sein – unheimlich entlastend und beruhigend. Was kann man schon gegen die Evolution ausrichten? Ihm zuzuhören ist wie kurz auf die Stopp-Taste im Kinder-Beruf-Alltags-Wahnsinn zu drücken, wie eine Verschnaufpause, bevor das Kind das nächste Mal am Bett steht und man die guten Vorsätze („Gelassenheit!“) wieder vergessen hat.

Das liegt an seiner unterhaltsam-saloppen Vortragsart („Kinder sind glorifizierte Pflegefälle“) und den eingängigen Metaphern („Kinder sind wie Wendejacken. Mal ist die kuschelige Seite außen, dann brauchen sie Nähe. Mal haben sie die Öljacke an, wenn sie auf Entdeckertour gehen“). Ganz sicherlich liegt es auch daran, dass der hochgewachsene, schlanke Mann mit den leicht verstrubbelten Haaren und den freundlichen Augen eine große Ruhe ausstrahlt (Typ: kompetenter, maßvoll empathischer Arzt). Es ist so gar nichts Marktschreierisches an seiner Person. Renz-Polster ist kein hysterischer Ankläger oder aufdringlicher Missionar. Er gibt einfach nur das weiter, was er als Wissenschaftler herausgefunden hat – und von dem er tief überzeugt ist.

„Wir Kinder liefen nach Programm“

Bis zu dem gelassenen Kinderversteher, der er heute ist und dessen Facebook-Seite Tausende Eltern folgen, war es aber auch für Renz-Polster, Jahrgang 1960, ein langer Weg. Er wächst mit einer älteren Schwester und seinem Zwillingsbruder Ulrich in Beinstein auf, das heute zu Waiblingen gehört. „Behütet“ sei die Kindheit gewesen, „ohne Verunsicherungen“, sagt Renz-Polster. Seine Spielwiese: die Streuobstwiesen hinter dem Haus, der Bolzplatz, später die Leichtathletik, Disziplin Langstrecke. Sein Wertesystem: zunächst das Leistungsethos eines strengen Vaters, eines „Lehrers alter Schule“ („wir Kinder liefen nach Programm“). Später dann, auf dem Gymnasium, die Ausläufer der 68er, das Lebensmodell der Alternativszene in Waiblingen mit dem örtlichen Dritte-Welt-Laden als zentralem Treffpunkt, mit Friedensmärschen und Spendenaktionen für Nicaragua.

Der junge Mann will „die Welt retten“, Entwicklungshelfer sind seine Helden. Ab 1982 studiert er Medizin, erst in Gießen, später in München und Tübingen, er interessiert sich für Homöopathie und Psychoanalyse, schreibt seine Doktorarbeit bei der berühmten Lepraärztin Ruth Pfau in Pakistan, reist mit Dorothea, seiner heutigen Frau, durch Indien. Zurück in Deutschland beginnt er die Facharztausbildung in Kinderheilkunde, 1987 wird Sohn Simon geboren, das erste von vier Kindern. Erziehung ist für ihn erstmals ein Thema, und über manches, was er gedacht hat, kann der Renz-Polster von heute nur lächeln: „Ich war überzeugt, dass Simon von Anfang an in seinem Bettchen schlafen müsste. Das war nur Stress für meine Frau, das Kind und mich.“ Ab dem Zweitgeborenen, Johannes, gibt es das Familienbett, in dem alle so lange gemeinsam schlafen, wie sie wollen. Es ist diese Mischung aus wissenschaftlicher Fundierung und vom Leben mitgeschriebener Lehre, die Renz-Polster für viele überzeugend macht.

Tatsächlich ist es seine streng schulmedizinische Forschung in den USA über Allergien und Lungenleiden, die Renz-Polster in den 90er und 2000er Jahren auf die Spur der Evolution bringt. „Dass Allergien bei Kindern zunehmen, liegt daran, dass ihr Immunsystem auf eine Umwelt programmiert ist, die es nicht mehr gibt“, sagt er. „Dieses evolutionäre Denken hat mich fasziniert. So kam die Idee, es auf die ganze kindliche Entwicklung zu erweitern.“ Evolution als Erklärmuster ist in der Forschung keine neue Sicht, aber Renz-Polster macht sie für ein Laienpublikum verständlich. 2009 veröffentlicht er „Kinder verstehen – wie die Evolution unsere Kinder prägt“. Das Buch ist mittlerweile in der 9. Auflage erschienen.

Renz trifft den Nerv

Mit seinen Thesen trifft Renz-Polster offenbar einen Nerv. Was er über die Natur des Kindes sagt, ist ein Plädoyer gegen frühkind­lichen Förderhype. Kinder, so Renz-Polster, müssen in den ersten Jahren kein Babyenglisch, keine Zeichensprache oder Mathematik lernen, sondern ein soziales Fundament bekommen, auf dem sie aufbauen können.

Dafür wirbt er auch an diesem Tag: „Der Geschäftszweck der Kindheit ist nicht, sich für Schule und Beruf warmzulaufen. Die Kindheit ist ein eigenständiger Lebensabschnitt“, sagt Renz-Polster. Drei Dinge müssten Kinder entwickeln: 1. Mit sich selbst klarzukommen. 2. Mit anderen klarzukommen. 3. Körperliche und seelische Stärke. Dafür bräuchten sie ein liebevolles Umfeld und Raum, sich und andere im freien Spiel zu entdecken. Vereinfacht gesagt fordert Renz-Polster einfach, Kinder Kinder sein zu lassen.

Wenn der Autor solche Dinge sagt, die durchaus auch mal politisch werden können – so sieht er hinter der frühkindlichen Förderung neoliberale Wirtschaftsinteressen am Werk und in der Verunsicherung der Eltern die Abstiegsangst der Mittelschicht –, dann schwappt ihm aus dem eifrig nickenden Publikum eine warme Woge der Sympathie und Dankbarkeit entgegen, dann sind sich bei der anschließenden Podiumsdiskussion alle einig, dass man sich befreien muss aus dem Denken in Defiziten und Wenn-dann-Schemata.

Und dennoch, ganz am Ende wollen die Zuhörer dann doch einen Verhaltenstipp bekommen. „Was hätten Sie denn anstelle der Mutter im Bus getan?“, fragt eine Frau. „Nichts“, sagt Renz-Polster. Und das ist heute vielleicht ebenso banal wie revolutionär.

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