Mischt die „Lindenstraße“ und ihre Zuschauer auf: Mohamed Issa als Jamal Foto: WDR

Der erste Flüchtling aus Syrien ist in der „Lindenstraße“ angekommen. Er spaltet nicht nur die Nation, sondern auch die Meinungen über die ARD-Soap – und die Nachbarschaften, die dort seit Jahrzehnten miteinander zusammen leben.

Stuttgart - Die Fan-Gemeinde von Deutschlands ältester und politischster Fernsehsoap ist in Aufruhr: „Lindenstraße, Lindenstraße, jetzt schürst du auch noch die Flüchtlingsparanoia? Schäme dich!“, schimpft eine „eva“ auf der Serien-Webseite. Und @ollivetti twittert empört: „Sowas hilft der AfD! Pfui! #Lindenstraße“.

Die in der Zeit von Friedenstauben und lila Latzhosen entstandene „Lindenstraße“ hat das Weltbild dieser Fans offenbar zerstört. Und der Grund dafür heißt Jamal. Ziemlich exakt ein Jahr, nachdem sich von Ungarn aus die großen Flüchtlingstrecks gen Westen auf den Weg machten, ist einer von ihnen im Mikrokosmos der Lindenstraßler angekommen. „Ich, Jamal“, stellte sich der Flüchtling Iffi Zenkers pubertierender Tochter Antonia vor. Beide hatten sich zuvor via Internet kennen gelernt. Seine Eltern seien auf der Flucht gestorben, er komme aus Syrien, gab Jamal an, und rührte Antonias Helferherz. Sie rückte die Adresse Lindenstraße 3 in München raus. Und so stand der junge Mann mit geschundenen Füßen plötzlich vor der Tür.

Seither ist Stunk in der Familienbude Zenker. Jamal sammelte nicht auf Anhieb Sympathiepunkte, auch wenn er so schön traurig gucken kann wie ein Dackel. Drei Sonntage später stellte sich heraus: Jamal lügt. Er ist nicht Syrer, sondern stammt aus Tunesien. Antonia war den Tränen nahe, und ihre Mutter Iffi fühlte sich in ihrer Vorahnung bestätigt: „Er hat uns verarscht.“ Ein Gefühl, das sie mit manchen Zuschauern, siehe oben, teilt.

Nicht, dass die „Lindenstraße“ in den drei Jahrzehnten ihres Sendelebens zuvor nicht vergleichbaren Wirbel verursacht hätte. Was die Gesellschaft als heikel und im fiktionalen Fernsehen unzumutbar erachtete, wurde hier zuverlässig angepackt, von Umweltverschmutzung über Aids und Atomkraft bis Teeniemütterschaft. Der berühmte erste deutsche Fernsehkuss zwischen zwei Männern – 1987, lang ist’s her – hält oft her als Musterbeispiel, dass die Soap einmal Avantgarde gewesen ist. Heute werden dort Themen wie Transsexualität, Samenspende und medizinisch verordneter Marihuana-Konsum verhandelt. Doch das regt niemanden mehr so sehr auf wie die Flüchtlingsproblematik.

Mit dem Jamal-Plot betritt die „Lindenstraße“ extrem vermintes Gelände. Schon wenn Mutter Beimer beiläufig das Signalwort „Burkini“ in den Mund nimmt, explodiert die Kommentierfreude im Netz. Die Ereignisse im vergangenen Jahr haben die Gesellschaft zerrissen. Politiker raufen, Familien streiten. „Warum sollte das in der ,Lindenstraße‘ also anders sein?“, fragt Hans Geißendörfer.

„Wir nähern uns dem Thema aus Kindersicht“

Ende 2015 überließ der Serienerfinder nach dreißig Jahren die Verantwortung über die „Lindenstraße“ seiner Tochter Hana, welche die Drehbücher gemeinsam mit dem Autorenteam jetzt weitgehend ohne den Vater plant. Sie sagt: „Um die aktuelle Lage und Stimmung im Land aufzunehmen, haben wir die Geschichte von Jamal immer wieder auf den Kopf gestellt und so oft von Fassung zu Fassung geändert, wie wir das bei der ,Lindenstraße‘ seit langem nicht getan haben.“ Und nicht unbedingt zum Gefallen des Vaters, der offen zugibt: „Ich habe davor gewarnt, einen halbkriminellen Flüchtling sehr früh in die Geschichte einzubauen. Aber die Autoren und auch Hana meinten, dass man den Realismus der Ereignisse in den Vordergrund stellen muss. Und sie hatten, wie sich zeigen wird, Recht.“

Was die Geißendörfers als „Realismus“ bezeichnen, wirkt in der Umsetzung wie auf dem Reißbrett konstruiert: hier das Pro Flüchtlinge, dort das Kontra, hier schwarz, dort weiß – für Grautöne ist die „Lindenstraße“ ja nicht unbedingt bekannt. Die Kontroverse wird interfamiliär, also in der Familie Zenker, ausgetragen: auf der einen Seite Antonias asylkritische Mutter Iffi („Unser Sozialstaat wird zusammenbrechen unter dieser Massenzuwanderung“), auf der anderen Vater Momo, dessen Einlassungen über Jamal eindeutig dem Geist von „Refugee Welcome“ entspringen. Vorzugsweise am Küchentisch streiten beide auf einem Niveau und in einer Sprache, die sich zuweilen der Pädagogik aus dem Sachunterricht an der Grundschule bedient.

„Wir nähern uns dem Thema aus Kindersicht“, erklärt Hans Geißendörfer. „Es sind die Augen von staunenden Kindern auf das Fremde, ohne Vorurteile, wie sie die Erwachsenenwelt hat.“ Dass die „Lindenstraße“ für ihre Verhältnisse ungewöhnlich spät sich an diesen thematischen Brocken wagt, erklärt er so: „Die Zeitungen waren im vorigen Herbst, als die Bundeskanzlerin diese großartige Tat vollbrachte und Hunderttausende von Flüchtlingen nach Deutschland einreisen ließ, so voll davon, dass wir das Thema erstmal übersehen konnten, um in aller Ruhe und Gründlichkeit nach einer Geschichte zu suchen, die so über Flüchtlinge noch nicht erzählt wurde.“

In der Tat: Mit dem Bosnier Drilon präsentiert die Soap gleich den nächsten kriminellen Flüchtling, einen noch böseren Burschen als Jamal. „Natürlich bekommen wir auch Beifall von der falschen Seite“, sagt der alte Geißendörfer über Kommentare, die die „Lindenstraße“ in die Nähe der AfD gerückt sehen, was aber Quatsch ist. „Die Rechten, die jetzt applaudieren, werden sich über die nächsten Folgen nicht so wahnsinnig freuen können.“

Die einschlägigen Kritiker können also bald wieder die Luft aus den Backen lassen. Dass das Herz der „Lindenstraße“ links schlägt, „haben wir nie verleugnet“, sagt Hans Geißendörfer. Und daran wird sich wohl nichts ändern. Zumindest nicht bis 2019, wenn die nächste Vertragsverlängerung mit der ARD verhandelt wird.

  
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