Die Akten im Rathaus will Michael Föll jetzt schließen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Er war 15 Jahre lang Hüter der Stuttgarter Finanzen, gut sechs Jahre lang christdemokratischer Gegenpart des grünen Oberbürgermeisters. Nun geht Michael Föll. Sein Wirken im Rathaus der Landeshauptstadt hatte viele Facetten.

Stuttgart - Der fliegende Wechsel passt ins Bild: An diesem Freitag wird der Erste Bürgermeister und Finanzbürgermeister Michael Föll(53) festlich verabschiedet, am Sonntagabend wird sein Dienstverhältnis mit der Landeshauptstadt enden – und am Montag will Föll als Ministerialdirektor sein Büro im Kultusministerium beziehen. Für Föll enden gut 15 Jahre im Bürgermeisteramt, denen 14 Jahre als Stadtrat und zeitweise als Fraktionschef der CDU im Rathaus vorausgegangen waren.

Eigenschaften

Föll galt als ein von der Arbeit Beseelter und als Aktenfresser. Im Rathaus der Landeshauptstadt konnte er eine Machtfülle anhäufen, die vielen ungewöhnlich erschien. Das ging aber nur mit zusätzlichen Investitionen: mit Akribie in beruflichen Dingen, mit Lust am Gestalten und an der Kontrolle über seinen Geschäftsbereich und mit einem phänomenalen Zahlengedächtnis. So konnte er sogar noch mit Freude in andere Geschäftsbereiche hineinregieren. Manche hielten Föll für den eigentlich mächtigsten Mann im Rathaus. Mit dem grünen OB Fritz Kuhn, der seinen Spielraum nicht beschnitt, arbeitete Föll gleichwohl „sehr, sehr gut zusammen“.

Reifeprüfung

Wenn eine Stadt schuldenfrei ist, erfüllt das ihren Finanzbürgermeister immer mit Genugtuung. Dieses kleine Geschenk wollte auch Föll sich zum Ende hin nicht versagen – nachdem er zuvor mit diebischer Freude noch eine letzte Kreditaufnahme getätigt hatte, um den Auftrag des Gemeinderats zur Senkung der Grundsteuerhebesätze aushebeln zu können. Finanziell ging es der Stadt schon lange gut. Die letzten Schulden hätte er auch schon vor einem Jahrzehnt tilgen können, hätte er es wirklich gewollt. So aber wird die Entschuldung, vom Vorgänger Klaus Lang eingeleitet, mit Fölls Abgang bei der Stadt verbunden. Dabei haben die gute Wirtschaftslage und hohe Einnahmen von Bund, Ländern und Kommunen ihm die Arbeit leichter gemacht.

Verdienste

Bei den Beteiligungsunternehmen der Stadt führte er Transparenzregeln ein bis hin zur regelmäßigen Veröffentlichung der Chefbezüge. Er organisierte die Gründung der Stadtwerke und die Neuordnung der lokalen Energiewirtschaft mit, nachdem er einst den Verkauf der Wasserversorgung nicht verhindert hatte. Er schulterte in der Schlussphase auch die Verantwortung für das städtische Klinikum, ein wahres Sorgenkind mit Defizit und skandalumwitterten Auslandsgeschäften. Das Klinikum gut aufzustellen, empfand er als ganz besondere Herausforderung. Die Beteiligungsunternehmen führte er an kurzer Leine. Ein Beobachter: „Kein Geschäftsführer einer Beteiligungsgesellschaft hustete, ohne Föll vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.“

Versuchungen

Narzissmus war ihm – auch in der Anfangsphase als Bürgermeister – wohl nicht fremd. 2006 ließ er auf einem Rathausflur ein Föll-Porträt aus dem Atelier eines Hobbymalers aufhängen. Mit der Personalvertretung lieferte er sich phasenweise kleinmütig anmutende Scharmützel – unter anderem, als er mit Ersatzstellen für Mitarbeiter knauserte, die in die freigestellte Personalratsarbeit abgewandert waren.

Haben-Buchungen

Föll listet hier neben der soliden Haushaltsführung einige andere Weichenstellungen auf: etwa für den Neubau der Porsche-Arena, für den Umbau des Stadions zur reinen Fußballarena und die Finanzierungsgrundlagen mit dem Bundesligisten VfB Stuttgart und für die Sanierung der Schleyerhalle.

Glanztaten

Ihm war es maßgeblich zu verdanken, dass die Unterbringung von Tausenden von Flüchtlingen in Zusammenarbeit zwischen seiner Liegenschaftsverwaltung und dem Sozialamt gut und recht geräuschlos klappte. Er zeigte Respekt vor Flüchtlingen. Einigermaßen überraschend erwies er sich auch als Förderer der Kultur: etwa des Theaterhauses Stuttgart, der sanierungsbedürftigen Wagenhallen und des klammen Varieté-Theaters. Die Hundebesitzer bewahrte er 2008 vor der Erhöhung der Hundesteuer. Zum eigenen Vorteil übrigens, besaß er doch selbst ein Hündchen.

Tiefpunkte

Das Rennen um die Übernahme des Wohnungsbestandes der Firma LBBW Immobilien hat er mit einem Bieterkonsortium verloren. Tausende von Wohnungen gingen an die Firma Patrizia (inzwischen an die Vonovia), wofür aber noch mehr der damalige Vizeministerpräsident Nils Schmid (SPD) verantwortlich gemacht wird. Dass die Stadt nach Ausbruch der Bankenkrise ihren Anteil an der LBBW zu deren Rettung drastisch erhöhen musste, bereitete ihm Kopfzerbrechen, dennoch warb er dafür. Die Schieflage der Bank belastete zeitweise erheblich den Haushalt der Stadt.

Parteisachen

Ohne Erfolg blieb das Gastspiel in der Landespolitik: In zweieinhalb Jahren wurde er im Landtag nicht heimisch. Er legte das im April 2006 übernommene Mandat wieder nieder. CDU-Kreisvorsitzender war er von Ende 2008 an nur kurz: 2011 übernahm er die Verantwortung für eine Wahlschlappe und trat zurück.

Fehltritt

Dass er eine Beratertätigkeit beim Bauunternehmen Wolff & Müller einging, löste Kopfschütteln und Kritik wegen möglicher Interessenkollisionen aus. Im August 2010 gab er den Nebenjob auf und bescheinigte sich mangelnde politische Sensibilität.

Versäumnisse

Föll hielt die Finanzmittel für die Pflege der Infrastruktur knapp. Unter seiner Ägide türmte sich eine Bugwelle bei den Schulsanierungen auf, zudem wurden Ämtern trotz Aufgabenzuwachs und entspannter Finanzlage weitere Stellen und Sachausgaben verweigert, wenn nicht sogar Stellenstreichungen verordnet. Im Hochbauamt hätte man früher wieder mit einem Personalaufbau gegensteuern müssen, räumte Föll erst am Schluss ein.

Lustgewinn

Das Amt des Wasenbürgermeisters, das ihm die Schausteller und Festwirte übertrugen und das ihm den Fassanstich beim Frühlingsfest ermöglichte, betrachtete er als sein schönstes Amt.

Wegbereitung

Mit dem Abschied gibt er den Ring frei für eine neue Austarierung der Machtverteilung im Bürgermeisteramt und in der Verwaltung insgesamt. Der Mann, der im wichtigsten Querschnittsressort manches blockierte und anderes gönnerhaft zuließ, ist weg. Personalratschef Markus Freitag: „Da fehlt jetzt eine große tektonische Platte. Die Kräfte verteilen sich neu.“

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